Jüdischer Friedhof Berlin Hoffen auf die Unesco
Berlin - Dicht gedrängt stehen hohe Grabsteine aus dunklem Stein in langen Reihen. Inschriften, manche in hebräischer Schrift, geben den Bestatteten Namen und Lebensdaten. Ein dichter Teppich aus Efeu überzieht die Gräber. Imposante Grabstätten in wilhelminischer Pracht erinnern an wohlhabende Familien oder hohe preußische Beamte. Auf vereinzelten Gräbern abgelegte kleine Steine weisen darauf hin, dass es noch Angehörige gibt, die der Toten gedenken.
Der Jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee liegt an diesem Wintermorgen im Zwielicht des Morgennebels. Kaum ein Besucher findet sich auf dem riesigen, streng geometrisch in Abteilungen gegliederten Gelände. Dutzende von Gärtnern versuchen, die Laubmassen zu bewältigen und zumindest die Wege zu räumen. Der Verfall des vor über 120 Jahren angelegten Friedhofes ist nicht zu übersehen: Viele der traditionellen jüdischen Grabsteine - fast schmucklos und mannshoch als Symbol für die Gleichheit der Menschen - haben ihren Halt im Boden verloren, sind gekippt oder unter dem Gewicht umgestürzter Bäume umgefallen. In vielen Abteilungen ist aus Gestrüpp Dickicht geworden.
Viele der künstlerisch wertvollen großen Grabmäler aus poliertem Granit oder Marmor in romanischem Stil, dem Barock oder der Renaissance nach empfunden, verwittern und zerfallen, Metallstützen rosten. Andere Abschnitte hingegen sind in gutem Zustand, manche sogar frisch in Stand gesetzt. An einer Stelle weist eine Metalltafel darauf hin, dass der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker Spenden zum Erhalt des Friedhofes gesammelt hat. Der von der Jüdischen Gemeinde und der Stadt Berlin gemeinsam unterhaltene Friedhof gilt als kulturell und historisch bedeutende Kulturstätte und als "Spiegelbild der jüdischen Geschichte in Deutschland", so Hermann Simon, Direktor des Centrums Judaicum in Berlin.
Doch für den Unterhalt und die Instandhaltung des mit über 40 Hektar und 115.500 Grabstätten größten städtischen Friedhofs und größten jüdischen Friedhofs in Europa fehlt dennoch ständig Geld. 600.000 Euro stehen nach Angaben der Friedhofsverwaltung jährlich zur Verfügung. Nicht genug, um den Verfall der Anlage aufzuhalten. Laut Pressemeldungen werden in einem bereits vor Jahren erstellten Gutachten bis zu 40 Millionen Euro für die Sanierung veranschlagt.
Um in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die kulturelle und historische Bedeutung der Anlage wach zu halten und ausreichende Mittel für die Erhaltung zusammen zu bringen, wünscht sich die Jüdische Gemeinde eine Aufnahme in die Welterbeliste der Unesco. Damit flöße zwar kein Geld aus den Kassen der Unesco, aber auf nationaler Ebene stünden hoffentlich neue Mittel zur Verfügung. "Der Friedhof bringt alle Voraussetzungen mit, um unter die national wertvollen Denkmäler gezählt zu werden. Zunächst aber geht es knallhart um Geld", heißt es in Kreisen des Senats, Ansprechpartner der Gemeinde für das Antragsverfahren.
Doch einen Platz neben den bislang 31 deutschen Welterben-Stätten zu bekommen, ist ein komplexer und langwieriger Prozess: Ein Antrag auf Aufnahme muss vom Gesamtstaat gestellt werden, was also eine Einigung der Bundesländer untereinander voraussetzt. Da Berlin aber nächstes Jahr Wohnsiedlungen aus den zwanziger Jahren, das Projekt "Berliner Moderne", in der Liste unterbringen will, besteht bis etwa 2015 kaum eine Chance für den jüdischen Friedhof.
Gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde will die Oberste Denkmalbehörde Berlins daher nach Alternativwegen suchen. Wie der Leiter der Behörde, Manfred Kühne, erläuterte, ist es ein Weg, im europäischen Ausland nach weiteren jüdischen Friedhöfen möglichst aus mehreren Epochen zu suchen und die Stätten gemeinsam auf die Liste zu bringen. Vorstellbar wäre, dass ein anderes Land, vielleicht ein osteuropäisches, als Antragsteller auftritt. Voraussetzung für einen Antrag ist es ein plausibler Managementplan. Das heißt zunächst, dass die Erhaltung des Friedhofs finanziell gesichert sein und neue Geldquellen gefunden werden müssen.
Zahlreiche über Berlin hinaus bekannte Persönlichkeiten sind auf dem Friedhof beigesetzt. So der Publizist Theodor Wolff, die Verleger Rudolf Mosse und Samuel Fischer, Warenhausgründer Hermann Tietz und der Mediziner Julius Hirschberg. Auch heute wird der Friedhof noch genutzt, wie viele frisch angelegte Grabstätten beweisen.
Zahlreiche Gräber erinnern an die schreckliche Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert: Vor dem Eingangsgebäude, einem T-förmigen Gebäudekomplex mit hoher Kuppel im Zentrum und Säulengängen an den Seiten im Architekturstil der italienischen Renaissance, befindet sich eine Gedenkstätte für die im Holocaust ermordeten Juden. "Erde und Asche" aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ist hier beigesetzt. Kranzförmig um die Gedenkstätte angeordnet erinnert je eine Steintafel an eines der von den Nazis errichteten Konzentrationslager. Auf dem Friedhof befindet sich eine Grabstätte für "geschändete Thorarollen". In einem Ehrenhof sind jüdische Soldaten aus dem ersten Weltkrieg beigesetzt. Ein Ehrenmal erinnert an 12.000 im Ersten Weltkrieg gefallene Soldaten.
Den Zweiten Weltkrieg überstand der Friedhof mit erstaunlich wenig Schäden. Zwar wurden einige Tausend Gräber und einzelne Gebäude von Bombentreffern zerstört. Aber es kam kaum zu Verwüstungen durch die Nazis. Am 11. Mai 1945, nur Tage nach der Befreiung Berlins durch die Alliierten, fand auf dem Friedhof der erste öffentliche jüdische Gottesdienst seit 1933 statt.
Doris Berve-Schucht, AP