Jüdisches Museum "Es ist schon voll genug"
Berlin - Seit Februar 1999 zieht das Jüdische Museum im Stadtteil Kreuzberg viele Hauptstadt-Touristen an - obwohl es bisher nur als Hülle existiert. Das leere Gebäude, mit dem der Amerikaner Daniel Libeskind die brüchige Geschichte der Juden in Deutschland architektonisch darstellen will, ist für viele schon aussagekräftig genug. Mehr als 200.000 Menschen haben den Bau in Form eines zerborstenen Sterns bereits besichtigt. Jetzt soll die Leere ein Ende haben: Die Führungen durch den Libeskind-Bau wurden eingestellt und die Installation der Ausstellung zu zwei Jahrtausenden deutsch-jüdischer Geschichte begonnen. Am 9. September 2001 soll das größte jüdische Museum Europas eröffnet werden. "Dieses architektonische Juwel des neuen Berlin soll eine ebenso herausragende Ausstellung beinhalten - das ist die Herausforderung für uns", sagt der amerikanische Museumsdirektor Michael Blumenthal.
Was in der extravaganten Hülle künftig zu sehen sein wird, ist allerdings noch nicht ganz klar. Die Ausstellungsmacher hatten sich für ein "narratives Konzept" entschieden, bei dem erst festgelegt wird, welche Geschichte und Geschichten erzählt werden sollen und dann die Exponate dazu gesucht werden. Fest steht bislang lediglich, dass es einen chronologischen und einen thematischen Teil geben wird. Von der Römerzeit bis zum wiedervereinigten Deutschland soll die jüdische Geschichte in mehrere Zeiträume eingeteilt werden. Daneben soll es zwölf oder 13 "Themeninseln" geben, beispielsweise zum Leben der Landjuden oder zum Sabbath. 80 Mitarbeiter sind derzeit mit dem Aufbau der Ausstellung beschäftigt. Der neuseeländische Projektdirektor Ken Gorbey, der die Arbeiten bis zur Eröffnung leitet, will die ersten Exponate um die Jahreswende installieren. Aufbauen kann er auf die über Jahrzehnte gewachsene Sammlung der jüdischen Abteilung im Berlin Museum, aus der das Jüdische Museum hervorgegangen ist. Dabei soll es allerdings nicht bleiben: weltweit hat das Museum Rechercheure damit beauftragt, nach Material zu suchen. Immerhin sind 5.700 Quadratmeter Ausstellungsfläche zu füllen.
Für die Zeit nach der Eröffnung im September stellt sich das Museum auf eine halben Millionen Besucher im Jahr ein. Ziel sei es, ein möglichst breites Publikum zu erreichen, sagt Gorbey: "Wir wollen nicht nur den Akademiker überzeugen, sondern ebenso die Familie mit Kindern." Befürchtungen, dass die Ausstellung den imposanten Libeskind-Bau nicht ergänzen, sondern mit ihm konkurrieren könnte, hat der Projektdirektor nicht: "Ich bin mit Libeskind einig, dass dieser Ort nicht komplett ist, bis die Ausstellung eröffnet ist". Einige Besucher sehen das allerdings offenbar anders. "Füllt das Gebäude nicht mit Ausstellungsstücken. Es ist schon voll genug", schrieb ein amerikanischer Besucher ins Gästebuch.