Jungschauspieler-Buch "Next Generation": Jetzt sind wir dran - DER SPIEGEL
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Jungschauspieler-Buch "Next Generation" Jetzt sind wir dran

Sie sind die jungen Stars des Burgtheaters, einige machen auch im Kino Furore: Birgit Minichmayr, Johanna Wokalek oder Philipp Hochmair. Ein üppiger Band porträtiert die kommende Schauspielergeneration - und besticht mit großartigen Fotos. Wenn nur die Texte nicht wären.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein üppig bebildertes Buch über junge Schauspieler, sechs der begabtesten und bekanntesten obendrein, engagiert an der berühmtesten und bedeutendsten Bühne des deutschsprachigen Raums, dem Wiener Burgtheater - das muss doch was sein!

Nun, ist es auch, aber wie viel mehr könnte es sein. Ein Jammer.

Im zehnten Band der Edition Burgtheater, erschienen zum Abschluss der Direktion Klaus Bachlers, widmet sich der promovierte Theologe und Theaterkritiker Klaus Dermutz den jungen Akteuren des altehrwürdigen Hauses: Birgit Minichmayr und Johanna Wokalek, die jüngst auch mit den Kinofilmen "Alle anderen" und "Der Baader Meinhof Komplex" auf sich aufmerksam machten, ferner Nicholas Ofczarek, Dorothee Hartinger, Philipp Hauß und Philipp Hochmair (der als einziger im Herbst die Burg verlässt und ans Hamburger Thalia Theater wechselt).

Eine wunderbar große Auswahl an Schwarzweißfotos dokumentiert Glanzlichter der jüngeren Theatergeschichte, etwa das grandiose Baumstamm-Bühnenbild, durch das Minichmayr und Ofczarek in Martin Kusejs "Weibsteufel"-Inszenierung balancieren müssen. Oder die jahrelange One-Man-Show von Hochmair als Werther , die ihn aus dem Nürnberger Dürer-Gymnasium über Off-Festivals und Gastspiele in Südamerika und Sibirien bis ans Burgtheater führte.

Die Bildstrecken alleine lohnen den Kauf des Buches, allzu euphorische Reaktionen indes bremsen die Texte aus.

Zwar serviert Dermutz manch hübsche Anekdote, etwa jene über Hochmair, der sich seine Kostüme und Rollen im Fotoautomaten aneignet - die vier Fotos eines Streifens ergeben eine Art Kurzgeschichte. Oder jene über Wokalek, die 1994 als 19-Jährige grenzenlos selbstbewusst mit Sack und Pack nach Wien reist, um am Reinhardt-Seminar vorzusprechen - und sich gleich eine Wohnung zu nehmen. Scheitern ausgeschlossen.

Bloß: Der Ton der Texte, der will zu solch verwegener Jugendlichkeit einfach nicht passen, der ist so gar nicht "Next Generation". Dermutz schreibt brav, bieder, lahm, mit ewig langen Zitatmonstern der Porträtierten - ein verkappter Interviewband. Wer schon einmal ein Publikumsgespräch besucht hat, in dem Schauspieler wortreich ihre Kunst zu erklären versuchen, der ahnt, wie fad das sein kann.

Dermutz beleuchtet ausführlich die Anfänge der Porträtierten, beschreibt wichtige Inszenierungen mit ihnen, auch jene außerhalb des Burgtheaters, zitiert Kritiken und eben die Schauspieler selbst. Zu häufig jedoch kompiliert er das Material nur, all die Fakten und Zitate, ohne zu klaren Interpretationen zu kommen. Die meisten Urteile bleiben blass, der Mut zur Einordnung fehlt, der Text zerfällt in Episoden.

Und so bleibt die Frage, die doch eigentlich die zentrale sein sollte, offen: Was macht den Stil der sechs jungen Schauspieler zu einem jungen Stil?

Immerhin, ein Feigenblatt gibt es: Die Analyse, die den porträtierenden Texten fehlt, liefert der Frankfurter Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann in seinem klugen Essay "Schauspielen zwischen Drama und Postdramatik". Im innovativen Theater sei der Schauspieler häufig nicht mehr das, was er einmal war - er sei er selbst: "Sein Spiel zeigt weniger eine Rolle an, eine dramatische Fiktion, ... sondern zielt stattdessen auf den gegenwärtigen Moment, das Hier und Jetzt der Aufführungssituation." Der Schauspieler verkörpere nicht mehr in erster Linie eine Fiktion, sondern strahle seine ganz reale Aura auf das Publikum aus - in einem Theater der Erfahrung, nicht des Verstehens.

Den Transfer von diesem einleitenden Essay zu den Einzelbeispielen leistet Dermutz leider kaum. Am ehesten gelingt ihm das noch bei Hochmair - vielleicht, weil dieser am klarsten in das von Lehmann entworfene Bild passt, vielleicht auch, weil er die reflektiertesten Zitate der sechs Schauspieler beisteuert. "Hochmair ist ein Luftgeist, der seine Freude daran hat, Atome und Atmosphären durcheinanderzuwirbeln", schreibt Dermutz. "Meiner Meinung nach ist Kunst Energie", sagt Hochmair.

Zu gerne hätte man auch in den anderen Porträts genauer erfahren, was die Porträtierten zu Angehörigen der Next Generation macht, was sie unterscheidet von ihrer Vorgänger-Generation.

Nur ihr Alter? Das kann doch nicht sein!


Buch Klaus Dermutz: "Next Generation".  Band 10 der Edition Burgtheater, mit einem Essay von Hans-Thies Lehmann. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag; 256 Seiten; 24,90 Euro.