Käßmann-Gottesdienst: Worry! Be happy! - DER SPIEGEL
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Käßmann-Gottesdienst Worry! Be happy!

Wie verkraftet die evangelische Kirche den Rücktritt Margot Käßmanns? SPIEGEL ONLINE hat am Sonntag danach dem Gottesdienst in Deutschlands bedeutendster Protestanten-Kirche gelauscht. Der zeigt: Der Fall Käßmann ist eine politische Katastrophe - und ein spiritueller Glücksfall.
Geistliche Käßmann: Verfolgt von den Medien
Geistliche Käßmann: Verfolgt von den Medien

Geistliche Käßmann: Verfolgt von den Medien

Foto: Jochen Lübke/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Margot Käßmanns

Berlin - Wenn es um die Inszenierung geht, sind die Katholiken dann doch ganz inspirierend. Im Berliner Dom gibt am ersten Sonntag nach dem Fall der österreichische Romantiker Anton Bruckner den Ton an. Dessen Katholizismus darf getrost mit innig bezeichnet werden.

Wie die Trompeten und Posaunen brausen über der Gemeinde! Es klingt erstaunlich modern, man kennt diesen dräuenden Sound aus amerikanischen Kinodramen. Dritter Akt. Die Katastrophe liegt hinter uns. Jetzt beginnt die Läuterung.

Evangelischen Kirche in Deutschland

Fanfarenstöße für Käßmann, den Popstar des Protestantismus. Am Dienstag ist die Ratsvorsitzende der (EKD) zurückgetreten: weil sie mit ihrem VW Phaeton in Hannovers Innenstadt eine rote Ampel überfahren hatte; weil die Polizei anschließend einen Blutalkoholwert von 1,54 Promille maß. Sie war hart im Austeilen, sie kritisierte den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr - nun ist sie hart gegen sich selbst.

Protestantisches Exil vom Irak bis Niedersachsen

Wie geht der deutsche Protestantismus an seinem zentralen Ort damit um? Die Causa verschweigen? Bagatellisieren? Oder für eine ideologische Brandrede nutzen? Zumal doch dieser Sonntag offiziell als Gedenktag für die bedrängten und verfolgten Christen in den Kalender eingetragen ist. Ausgerechnet Käßmann hatte dies noch kurz vorher initiiert.

Die Verfolgten und die Gestürzte: "Zwei Paar Schuhe zwar", sagt Domprediger Friedrich-Wilhelm Hünerbein - und nutzt sie doch zur Illustration einer Kerngeschichte metaphysischer Erbauung. Mehr Christen denn je in zweitausend Jahren Kirchengeschichte würden heute verfolgt. Und dann das "Geschehen um unsere geschätzte Margot Käßmann". Die Ex-Bischöfin als Symbolfigur eines Ausnahmezustandes. Natürlich dürfe kein Mensch unter Alkoholeinfluss Auto fahren, aber "nicht jeder wird so öffentlich vorgeführt, wie wir es in den letzten Wochen erlebt haben, nicht mal Politiker".

Somit hat die evangelische Diaspora gegenwärtig zwei Gesichter: Jenes der in protestantischen Krisengebieten ausharrenden Gemeinde - etwa in Nordkorea, in Iran oder im Irak - und das der vor Ort standhaltenden Käßmann. Das Exil ist im irakischen Mossul ebenso wie im niedersächsischen Hannover: Hier wie dort rückt der Gläubige ins Zentrum jener Prüfungen vor, aus denen sich die Dramaturgie des christlichen Erlösungsromans herleitet. Denn, so Prediger Hünerbein: "Aus Leiden wird Bewährung. Aus Bewährung Hoffnung."

Deshalb sind die Wirren um die wohl prominenteste Protestantengestalt seit Luther einerseits ein kirchenpolitisches Debakel - spirituell sind sie jedoch ein Glücksfall, weil Mandat und Nobilitierung zugleich.

Eindrucksvoller als in Gestalt von Margot Käßmann wird das religiöse Programm einer moralisch-selbstkritischen Integrität kaum auf uns kommen. Sie litt, sie bewährte sich - und artikulierte dann ein Credo, das hoffnungsvoller nicht sein könnte: "Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand."

Und wenn dieser Fall eingelassen ist in die höhere Logik einer Prüfungs- und Bewährungsgeschichte, kann es sogar einer nach oben sein. Die Koordinaten eines Sturzes bestimmt der Protestant immer noch selbst, in der Auseinandersetzung mit seinem Gewissen und Glauben. Bei den Katholiken läuft das ein wenig anders, zurzeit sind sie ja sowieso nicht die erste Adresse für moralische Expertise.

Aber den Sound für ein ordentliches Drama, den haben sie drauf.

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