Katapultier-Kunstaktion Der Absturz der Riesenbulette
20.00 Uhr: "Die wollten doch pünktlich um 20.00 Uhr anfangen, das stand doch extra überall in der Presse", sagt die eine Hamburgerin zur anderen, "wann geht's denn endlich los?". Die beiden Freundinnen gehören zu den vorerst knapp fünfzig Schaulustigen. Mehr haben es nach einem heftigen Regenguss nicht ans andere Elbufer geschafft. Rund die Hälfte sind Medienleute, man muss sich unter den Kameras wegducken. Auch die andere Hälfte hat sich mit Video- und Fotokameras bewaffnet.
Derweil werkelt die vierköpfige Künstlertruppe "Wuuul", die die Grünkernaktion im Rahmen des internationalen Kunstfestivals "Artgenda 2002" veranstaltet, noch am 10 Meter hohen Katapultkonstrukt. Sie montieren runde Betongegengewichte ans zerbrechliche Holzgerüst, im Hintergrund glüht die Hamburger Skyline.
20.30 Uhr: Immer mehr Hamburger haben die Elbe überquert. Familien mit Hund sind unter den paar Hundert Hanseaten. Die Schlange vor dem Getränkestand ist allerdings länger, als die vor dem improvisierten Grillkohleofen. Da röstet das 600-Kilo schwere, drei Meter breite Ungetüm aus Bioeiern, Biogrünkern noch vor sich hin - angemischt mit biologisch bedenklichem Elbwasser. Sind die von Greenpeace?
Egal, Alex und zwei Kumpels holen jedenfalls erstmal Teller aus ihren Rucksäcken. Schneiden an der Riesenbulette rum, essen davon. "Schmeckt ein bisschen wie Popel", sagt Alex. Mal sehen, vorsichtig probieren: Schmeckt so pampig wie's aussieht. Und ungesalzen. Runtergeschluckt wird natürlich nicht.
21:00 Uhr: An den Landungsbrücken sollen aufgebrachte Kunstgegner mit Plakaten herum laufen: "Schon Oma hat gesagt, mit Essen spielt man nicht". Wahrscheinlich sind das nur verkleidete Angehörige der Künstlertruppe. Wieso hört man die nicht? Die wie Kohlekumpel aussehenden "Wuuul"-Akteure haben immer noch nicht alle Gegengewichte montiert, der Bratling ist noch nicht durchgegart.
Die ersten Radioreportagen werden per Handy durchgegeben, massenweise Bilder in die Agenturzentralen gefunkt. Durch die Menge laufen bekittelte Lilo-Wanders-Verschnitte, die indirekt auch zu "Wuuul" gehören, obwohl sie das verneinen. Sie haben Pommesattrappen auf dem Kopf und massenweise Haaren an den nackten Beinen. Die "Mädels" notieren die Adressen der Schaulustigen, um ihnen die Bratlingsreste nach Hause zu schicken.
21.15 Uhr: Bewegung! Zwar kann man vor lauter Medienmenschen - eine Fotografin hängt fast über dem Grill - die Riesenbulette nicht sehen. Jetzt soll die biologische 600-Kilo-Bombe auf ein hölzernes Tablett. Von da aufs Katapult. Letzte Wetten werden abgeschlossen, wo das Zeug wohl hinfliegt. Auf die Zuschauer? In die Elbe? Die Journalistin einer großen Hamburger Boulevardzeitung sollen gewitzelt haben, dass das am anderen Elbufer beheimatete Verlagsgebäude angepeilt werden solle - und gleich danach ihr Heimatverlag. Wie subversiv!
21.30 Uhr: Unter Anfeuern der auf 1000 Schaulustigen angewachsenen Truppe, unter der kein Politiker zu sichten war, hieven die Aktionisten den Riesenfladen endlich runter vom Grill. RUMS! Die gusseiserne Plattform, auf der die breierne Masse zwei Tage lang gebacken wurde, gibt nach. Alles buht oder johlt vor hämischen Lachen. Und jetzt? "Steuergelder!", ertönt der Schlachtruf der "Wuuulers". Schaufelweise retten sie einige pampige, übelriechende Haufen der zerbrochenen Bulette auf ein Holzquadrat, das sie am Katapult anbringen.
21:45 Uhr: Endlich geht's los. Mit einem Auto ziehen die Künstler am Seil, das den Katapultarm betätigt. Dieser zerbricht zwar mit Caracho - aber er funktioniert. Ganze 25 Meter weit fliegen die Grünkernreste. Fast auf den Getränkestand. Begeisterung im Publikum wie nach einem "Golden Goal" - Aktion glimpflich verlaufen. "Es ist schon was Großartiges passiert", resümiert "Wuuul-Künstler" Alexander Hoepfner die mehrtägige "Artgenda"-Aktion. Er meint wohl das großartige Medienecho, das er sichtlich genießt. Richtig krank findet Hoepfner nur, dass sich einige Hamburger an den dampfenden Kloßüberresten bedienen - die angeblich in ein Museum sollen, damit die 10.000 Euro-Subventionen der Stadt Hamburg nicht verschwendet sind. "Die sind doch pervers, da ist doch Elbwasser drin!".
Was war nun Sinn der "Artgenda"-aktion? "Die Hauptaussage war, auf außergewöhnliche Weise ein gutes Bild zu machen. Und das haben wir auch", sagt der sichtlich durchnächtigte Hoepfner. Jedenfalls hat die "Wuuul"-Aktion viele Bürger über die Stadtgrenzen hinaus zu so etwas wie einer Kunstdebatte animiert. Und sie mobilisiert, mal ans andere Elbufer zu gehen, um das wunderbare Bild der nächtlichen Hamburger Skyline zu sehen. In dieser Beziehung ist die Hansestadt nicht leer ausgegangen.