Afroamerikanischer Künstler Marshall Endlich schwarz
Bisher war bildliche Schönheit in der Malerei immer weiß und immer mit weißer, westlicher Kultur verknüpft. Und bis heute gab es in der gesamten, großen Tradition der Kunstgeschichte wenig Interesse für schwarze Menschen und deren Lebenswelten. Das haben schwarze Künstler dann auch selbst verinnerlicht - das jedenfalls ist die Überzeugung des in Chicago lebenden Künstlers Kerry James Marshall. Mit ihm, dem Documenta- und Biennale-Teilnehmer und wohl wichtigsten afroamerikanischen Maler Amerikas, kommt jetzt "Blackness", also das Schwarze und das Schwarzsein als Hautfarbe wie als Kultur- und Lebensform, in der Bildenden Kunst zu ihrem längst überfälligen Durchbruch.
Auch in Deutschland ist Kerry James Marshall angekommen. Denn Marshall ist mit dem bedeutenden Wolfgang-Hahn-Preis ausgezeichnet worden, der alljährlich im Rahmen der Art Cologne im Kölner Museum Ludwig vergeben wird und den bisher Künstler wie Cindy Sherman, Mike Kelley, Rosemarie Trockel oder Pipilotti Rist bekommen haben. Immer ist der Preis mit einem 100.000-Euro-Ankauf für das Museum durch die Gesellschaft für Moderne Kunst verknüpft - der beste Anlass, dass nun erstmalig ein Werk Kerry James Marshalls in ein europäisches Museum Einzug hält. Parallel dazu tourt gerade eine große Retrospektive durch vier wichtige europäische Museen, die aktuell in Kopenhagen zu sehen ist.
Leidenschaft in der Gegenwart
Wie aber sieht ein Lebenswerk aus, das sich konsequent der Auseinandersetzung mit schwarzer Identität, mit einem afroamerikanischen Selbstverständnis verschrieben hat? Und das sich als bewusster Gegenentwurf zur dominanten weiß geprägten Kultur des Westens versteht? "Seine Malerei sieht sich nicht nur tief mit der Tradition des Genres verbunden, sondern bezieht sich auch leidenschaftlich auf die Gegenwart - auf deren soziale Ungerechtigkeiten, Rassenbeziehungen, Machtverhältnisse und politische Realitäten", so die Jury des Hahn-Preises, die Marshall als großartigen Maler, aber eben auch als bedeutenden schwarzen Maler würdigt.
Bereits als Heranwachsender kam Marshall, 1955 in Alabama geboren, mit afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegungen in Berührung. Aber zunächst einmal beschäftigte er sich mit den Techniken des Malens, dem "Wie", bevor er zu seinen spezifischen Themen, dem "Was", fand. Im klassischen Malstudium lernte er realistische Malerei, um dann auch den Weg in die Abstraktion zu erproben. "Erst muss man das figurative Metier meistern, bevor man sich die Abstraktion erobern kann", sagt Marshall und setzt eine Mischung aus beiden bis heute in seinen collagenhaften Bildern fort.
Schwarze Comic-Helden
Beeinflusst vom realistischen Stil von einem der ersten bekannten afroamerikanischen Maler, Charles White, zogen bald schwarze Comic-Helden und ihre Erzählungen, stolze Pin-up-Girls und historische Größen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Marshalls Bildwelten ein - die afroamerikanischen Lebensformen und -bedingungen wurden zu seinem ausschließlichen Metier. So setzt er David Walker, einen der ersten Anführer von Anti-Sklaverei-Aufständen, in aristokratischen Herrscherwürden in Szene.
In "Black Star" bricht eine überaus temperamentvolle Schönheitsgöttin, eine echte schwarze Venus, aus einem geometrisch-starren Gitterraster heraus - nachempfunden den "Black Paintings" des weißen Kollegen Frank Stella. In seinen "Vignetten" wirbelt ein tanzendes Paar durch eine idyllische Gartenlandschaft. Die hoch emotionalen, lasziven Szenarien erinnern an Fragonards Rokoko-Settings und suggerieren Heiterkeit und Sorglosigkeit, die aber ebenso fragil und zeitweilig sind wie der Tanz selbst, der hier zum Spiegel der Situation einer neuen schwarzen Mittelschicht wird.
Wie am Beispiel Fragonards fließt Marshalls intensive Auseinandersetzung mit traditioneller, eben weißer Kunstgeschichte immer wieder auf den verschiedensten Ebenen ein. Zitate aus US-amerikanischer Pop-Art und Kultur finden sich ebenso wieder wie Klischees und Mythen schwarzer Selbstfindung. "Schwarze Menschen besetzen Bereiche, auch ganz profane alltägliche, in höchst faszinierender Art und Weise. Style ist ein Teil davon, so dass zum Beispiel einfaches Gehen keine simple Angelegenheit ist. Du hast stilvoll zu gehen, du hast in einem bestimmten Rhythmus zu sprechen und Dinge mit einem ganz bestimmten Flair zu erledigen", sagt Marshall. Und so versuche er in seine Bilder "dieselbe Tendenz zum Theatralischen" zum Ausdruck zu bringen, "die ein integraler Teil der schwarzen Kultur zu sein scheint".
So finden Eigeninszenierung und Stilbewusstsein urbaner Black Communitys ihre perfekte Bühne - zugleich entwickeln Marshalls entschieden sozialkritische Bildwelten einen eigenen bissigen Humor.
Genau das macht die besondere Magie seiner Bilder aus: Wie das Abwesende und Unterdrückte, die aus der Sklaverei erwachsene No-Name-Existenz der afroamerikanischen Bevölkerung plötzlich aus den dunklen Bildräumen hervorbricht und ins gezielt gesetzte Rampenlicht gerät. Die Spannung von Ab- und Anwesenheit, zwischen Unterdrückung und Aufbegehren - genau das ist Kerry James Marshalls durchgehendes Thema.
Kerry James Marshall: Painting and Other Stuff. Kopenhagen. Kunsthal Charlottenborg bis 4.5.; Barcelona, Fundació Antoni Tàpies (10.6.-26.10.) und Madrid, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía (12.6.-26.10.).