Kilians Kolumne: Amerika braucht einen Tröster - DER SPIEGEL
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Kilians Kolumne Amerika braucht einen Tröster

Nach den beispiellosen Terrorakten in New York und Washington suchen die Amerikaner Trost. Doch George W. Bush muss erst lernen, wie ein Präsident in solchen Krisenzeiten aufzutreten hat.
Von Martin Kilian
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Atmosphäre ist unheimlich. Die einstürzenden Türme des World Trade Center. Das Loch im Pentagon. Und keine Kondensstreifen am amerikanischen Himmel. Nur ein einziges Flugzeug ist im amerikanischen Luftraum unterwegs - Ws. Boeing 747. Wo ist W.? Die Nachricht vom größten Terroranschlag der Geschichte erreichte ihn, als er in Florida einer Schulklasse vorlas. Bis ihm plötzlich sein Stabschef Andy Card etwas zuflüsterte. Bald darauf hob die Air Force One mit W. ab, flog aber nicht zurück nach Washington, sondern auf den Luftwaffestützpunkt Barksdale in Louisiana. Und von dort weiter in den mittleren Westen, zu einem Militärflughafen nahe Omaha, Nebraska.

Meine amerikanischen Freunde und Nachbarn können unterdessen kaum fassen, was in New York und Washington geschehen ist: Unschuldige Amerikaner an Bord von vier Linienmaschinen wurden ermordet, um unschuldige Amerikaner auf dem Boden zu töten. Mein Telefon steht nicht mehr still. Und im Land des ewigen Verkaufs schließen die Einkaufszentren, sogar der Shopping-Kanal im Fernsehen setzte sein Programm ab. Überall wird zu Blutspenden aufgerufen.

Die Nationalparks sind geschlossen worden, darunter auch die Präsidentenkonterfeis am Mount Rushmore, wo W. sicherlich auch mal hingemeißelt werden möchte. Seine erste kurze Ansprache aus Florida war nicht gerade eine Meisterleistung (zu hölzern, zu unbeteiligt), die zweite hingegen schon besser. Da die Anschläge in New York und Washington einer Kriegserklärung gleichkommen, ist W. als Präsident und Amerikas Oberkommandierender gefordert. Seine Schönwetterpläne für den politischen Herbst ("Wirtschaft ankurbeln, sexuelle Abstinenz, Werte") sind plötzlich von vorvorgestern. Und seine Ferien sind endgültig vorbei.

Denn bei amerikanischen Tragödien mutiert der erste Mann im Staat zu einem mythischen Tröster, der die Nation zusammenhält und psychologisch aufmöbelt. Erinnern Sie sich, wie Ronald Reagan das kollektive amerikanische Bewusstsein nach dem Absturz der Challenger-Raumfähre streichelte? Noch signifikanter war, wie Bill Clinton nach dem Bombenanschlag in Oklahoma City 1995 reagierte. Seine Rede nach dem Terrorakt riss eine ins Trudeln geratene Präsidentschaft herum. Und wo immer es Opfer und Katastrophen zu beklagen gab: Big Bill fand stets die richtigen Worte, strahlte stets die geforderte Empathie aus, war unschlagbar in seiner Rolle als Tröster und Optimist.

Nun werden sich die Amerikaner um ihren Präsidenten scharen, wie Amerikaner es immer tun, wenn die Nation einen Belagerungszustand verspürt. In diesem Kontext kam nicht unbedingt gut an, dass W. in Nebraska in einem Kommandobunker saß, derweil seine Kommunikationsdirektorin Karen Hughes am Nachmittag vor die Kameras trat. Meine Nachbarn wollen W. hören und nicht Hughes! "Wer ist die Dame?", fragten sie. So schnell wie möglich möchten sie Bush wieder im Weißen Haus sehen. Endlich, am Abend trifft er in Washington ein und verbreitet ein bisschen Normalität.

Aber wer weiß, was Bushs Leibwächter vom Secret Service bewog, ihn erst mal aus dem Verkehr zu ziehen. Vielleicht waren Ws. Schlapphüte bei der CIA und der elektronischen Schnüffelbehörde NSA vorübergehend aufgewacht und befürchteten weitere Attacken. 30 Milliarden Dollar pro Jahr gibt die Nation für Aufklärung aus - und erhielt dafür die größte nachrichtendienstliche Pleite seit Pearl Harbor. Und was Ws. Raketenschutzschirm anbelangt: Die fürchterlichen Attacken zeigten einmal mehr, dass statt aufwendiger Schutzschirme bessere Kontrollen auf amerikanischen Flughäfen gebraucht werden. Selbst Wladimir hätte wohl nichts gegen mehr Spürhunde auf Flughäfen einzuwenden.

Wird Bush der Herausforderung gerecht werden? Wird er eine mega-große Rede halten? Wird er uns alle beruhigen und dabei Führungsqualitäten entwickeln? Oder wird er in den kommenden Wochen, wenn Amerika trauert, bevor es nach Rache ruft, seine Präsidentschaft in den Sand setzen, weil es ihm an "Kommunikationsfähigkeit" mangelt? Seine Unterlinge im Weißen Haus teilten der "New York Times" mit, man wolle Ws. "Kommunikationsfähigkeiten polieren". Yes Sir! Schnellstens sollte W. in die Werkstatt gebracht und "poliert" werden. Denn die Ferien sind, wie gesagt, vorbei. Amerika leidet, der Tröster ist gefragt.