Kilians Kolumne Nicht oval!? Oh boy!
Gestern kroch mir mal wieder die Schamröte ins Gesicht. Über einem billigen (Euroschwäche!) Roten bei Miller's, der schönsten Bar der Welt, fragten mich Barry und Tom, wie es in Deutschland zugehe dieser Tage. Ich hatte gerade 48 Stunden in Berlin verbracht. "Furchtbar", antwortete ich. Die Lage in Deutschland sei deprimierend. Nirgendwo sei ein Mann wie George W. Bush in Sicht. Die Politiker seien insgesamt bodenlos hässlich. Statt Beastie Boys hörten die Leute Rudolf Schock. Das Büro des deutschen Präsidenten ("Kanzler") sei nicht oval. Barry glotzte mich ungläubig an. "Nicht oval?" Zudem sei das Kanzleramt, in dem der deutsche Präsident wohne, architektonisch restlos abgefuckt. Man könne nur hoffen, dass es im Zuge der Erderwärmung von Lianen und Schlingpflanzen überwuchert werde.
Kein Wunder also, dass ich ausgewandert sei, sagte ich. In Deutschland seien selbst die Multimillionäre pleite. Die Arbeitsplätze würden nach Kabul und Lagos ausgelagert. Niemand spreche Latein. Die Bundeswehr sei nicht in der Lage, einen Angriff der Hell's Angels abzuwehren. Keine Frau sei so schön wie Doris Day. Und außerdem - hier lehnte ich mich vor - sei es mit der Kolumne bald vorbei. Die Deutschen, so sei in Pisa festgestellt worden, könnten nicht mehr lesen. "Oh boy!", sagte Barry. Die einzigen guten Dinge in Berlin, schluchzte ich mit tränenerstickter Stimme, kämen aus Amerika: McDonald's, Starbucks, Apple, Ally McBeal, Cornflakes und Tick, Trick und Track. Selbst das Essen bei Borchardt, wo der deutsche Präsident immer mampfe, sei bestenfalls mittelmäßig. Jedenfalls nicht so gut wie das Büfett bei Country Joe's Chicken Shack in Alabama, mit seiner leckeren Maisgrütze und den blassgrünen Dosenerbsen.
Am schlimmsten aber drücke die Steuerlast - die Leute gingen vollkommen gebückt. Jeden Freitag, wenn der Wochenlohn ausgezahlt werde, schleppten sie den Cash sofort zum nächsten Finanzamt. Das Volk, fuhr ich fort, sei deshalb andauernd auf der Flucht vor der Steuerfahndung und reise nach Ibiza, Monaco, Hawaii, Bermuda, Acapulco, Fidschi oder die Malediven. Wieder zu Hause schleppten sie sich zu achtdimensionalen Diavorträgen mit Dolby Surround über Afghanistan, Somalia und andere exotische Orte, wo die Steuereintreibung extrem lasch sei. "Oh boy", murmelte Barry. Wir waren uns spontan einig, dass Deutschland kein Platz zum Leben sei.
Wie anders doch Amerika ist! Schauen Sie sich nur Bushs Armee an! Erste Sahne! Jemand wie Scharping dürfte in W.s Armee allerhöchstens ein Depot kommandieren, in dem der Große Zapfenstreich gelagert wird. Und andauernd senkt W. die Steuern. Besonders für die Reichen. Endlich schlägt sein Studium an der Eliteuni Yale an! Er stellt den Klassenkampf von Marx' Füssen auf Hegels Kopf. Ein neoliberaler Robin Hood! Mit dem Sheriff von Nottingham ist er total dicke. Weshalb amerikanischen Trillionären Zumutungen wie in Deutschland erspart bleiben; kein amerikanischer Milliardär schmeißt seinen Zaster in einen Aldi-Plastikbeutel und reist als Obdachloser verkleidet nach Zürich.
No, Sir, Amerikas Reiche genießen ihre Mäuse! Geraten sie in Bedrängnis wie Kenneth Lay, der Boss des bankrotten Enron-Konzerns, darf die Ehefrau aus einem Luxuspenthouse mit 1300 Quadratmetern ("!") Wohnfläche der geschockten Nation schluchzend mitteilen, man sei pleite. Worauf W. sofort eine Steuersenkung ansetzt, um den Kontostand der vom Schicksal übel Gebeutelten wieder von 200 Millionen auf 300 Millionen Dollar zu stemmen. Wie es sich gehört, Baby!
Derartiges Mitgefühl vermisse ich in Deutschland. Dazu kommt die Leseschwäche. Geben Sie doch zu, dass Sie kaum im Stande sind, diese Kolumne zu lesen. Nun schlägt die Stunde der Wahrheit! Siehe die italienische Studie! Siehe ebenfalls die riesigen Schilder mit den erstaunlich großen Buchstaben ("AUSFAHRT") an den Autobahnen - ein todsicherer Hinweis auf eklatante nationale Leseschwäche! Wäre es nicht an der Zeit, dass auch Sie auswandern, um wieder lesen zu lernen? Vielleicht nach Amerika? Wo es der Verteidigungsminister trotz seines virilen Namens ("Rums-Feld") mit keiner Gräfin treibt und die Steuern niedriger werden, je reicher man ist. Wo Borchardt ein Imbisstand in einem Trailerpark wäre und das hässliche Kanzleramt eine Sondermülldeponie.