Kilians Kolumne: Vaterländischer Orgasmus - DER SPIEGEL
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Kilians Kolumne Vaterländischer Orgasmus

Whopper-Lover, Wal-Mart-Kunde, hundert Liter Ketchup im Jahr - noch nie war Amerika so rotweißblau. Da muss man sich selbst als altgedienter Einwanderer tüchtig ins Zeug legen, schließlich gibt's das neue WIR-Gefühl nicht umsonst...
Von Martin Kilian
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Letzte Woche bretterte ich durch den tiefen Süden Amerikas, um den Fans von George W. Bush in der patriotischsten Region Amerikas den patriotischen Puls zu fühlen. Ich war platt! Ein Meer von Fahnen! Eine einzige donnernde Gefühlsaufwallung! Noch nie war Amerika so rotweißblau.

Schon auf der Autobahn knatterten von Fahrzeugdächern und -antennen die Fahnen - ein wahrhaft vaterländischer Orgasmus bei Vollgas. In einem "Waffle House" längs des Highways wurden patriotische Portionen serviert: ausladend, hymnisch, ein Bekenntnis zu amerikanischer Größe. Von der Jukebox drifteten Lee Greenwoods patriotische Elegien ("Gott segne Amerika") durch den Gastraum, während vor dem Eingang lustig die Stars and Stripes im patriotischen Herbstwind flatterten.

Plötzlich fällt mir Theodore Roosevelt ein: "Es gibt keinen fifty-fifty Amerikanismus in diesem Land; hier ist nur Platz für 100 Prozent Amerikanismus, nur für die, die Amerikaner sind und sonst nichts." Jesus! Ich sitze an der Theke im Waffel-Haus in South Carolina und bin nur zu neunzig Prozent Amerikaner. Was nun? Der Koch schaut bereits misstrauisch herüber. Ein Neunzigprozentiger, denkt er wahrscheinlich. Paranoia setzt ein. Um die Ecke lugt ein monumentaler Freak-out. Ich muss sofort Flagge zeigen.

"Sagen Sie, Buddy, ist Bush nicht der beste Präsident seit Clinton?", säusele ich. "Haben WIR nicht Glück, dass WIR ihn im ovalen Büro haben?" Und: "Ist er nicht das Tollste seit der Erfindung des Mikrowellenherds?" Keinesfalls reiche W. an einen Mikrowellenherd heran, grummelt der Koch. Ich widerspreche ihm hastig und fahre davon.

Höchste Zeit, sich einige Insignien der neuen patriotischen Ära zuzulegen. In Charleston werden sie feilgeboten: T-Shirts mit Aufschriften wie "Vereinigt sind WIR unschlagbar" oder "Trete ja nicht auf UNS herum" oder "Auf Gott vertrauen WIR". Ein Schild im Schaufenster verheißt, drinnen befinde sich eine "Auswahl patriotischer Themen". Nichts wie hinein.

Ich entscheide mich für ein Sweatshirt ("WIR kriegen dich, Osama") mit einem Adler darauf, ein T-Shirt ("Liebe Amerika oder verlasse Amerika"), eine Mütze mit dem Wappen der Ledernacken, eine kleine Ansteckfahne sowie einen Ansteckknopf mit einer Kampfansage gegen Neunzigprozentige. Außerdem ein Fläschchen Pfeffersauce, auf deren Etikett ein schlechtes Foto Bin Ladens von einem fetten roten Strich durchkreuzt wird.

Mein bescheiden vorgetragener Wunsch nach einem patriotischen Mengenrabatt lehnt die Verkäuferin rigoros ab. "Vereinigt sind WIR unschlagbar", erinnere ich sie. Und ein Discount bewiese doch, dass WIR UNS einig seien. "Sie sind sowieso nur ein Neunzigprozentiger", blafft sie." Und für die gibt es keinen Rabatt".

Verdammt! Weiß George W. Bush um diese unselige Heirat von Patriotismus und Kommerz? Ist ihm bewusst, dass sich abgefeimte Kriegsgewinnler an meiner Liebe zu Amerika bereichern? "Wenn immer du einen Mann von seiner Liebe zum Land reden hörst, ist das ein Zeichen, dass er erwartet, dafür bezahlt zu werden", warnte der berühmte amerikanische Publizist Henry Mencken.

"Ich liebe Amerika", sage ich spontan zu der Verkäuferin. Altgedienter Einwanderer. Total freiwillig hier. Mit Leib und Seele. Die besten Rühreier. Bagels - oh Boy! Donuts, hier bitte: Habe sogar einen in meiner Hosentasche. Baseball-Fan. The Strokes. Coltrane. Michael Jordan. Ein Bild von Alan Greenspan auf dem Nachttisch. Unterhosen von Calvin Klein. Burger-King-Aficionado. Whopper-Lover. Zwei amerikanische Töchter. Wal-Mart-Kunde. Über 100 Liter Ketchup pro Jahr.

Wow! Wie man sich doch in etwas hineinsteigern kann! Jetzt ja nicht den Faden verlieren! Jeden Sonntag vor der Glotze Football. Schusswaffen-Freak. Paul Auster. Fast Mormone geworden. Philip Roth! Donald Duck! Jeden 4. Juli die Unabhängigkeitserklärung gelesen. Bewunderer der Ramones. Pavement. Eiswürfel im Weißwein. Auto mit Automatik und Becherhaltern. Acht Fernseher, drei davon immer an. Bitte ein Budweiser. Frank Gehry, aber total. Rotweißblau meine Lieblingsfarben. W. mein Lieblingspräsident. Die Louisiana-Sumpfmeise mein Lieblingstier. Magnolien zum Frühstück. Vom Winde verweht seit Jahren. Niemand schöner als Doris Day. Sammler von Jefferson-Zitaten. Philip Roth!

"Den erwähnten Sie bereits", wirft die Verkäuferin schnippisch ein. Kein Discount. Ich werde mich bei W. brieflich beschweren. 87 Dollar und 99 Cent für eine zehnprozentige Steigerung meines Patriotismus? Finden Sie das nicht etwas übertrieben?