Kinky Friedman Der gute Kauz von Texas
Das neueste Buch von Kinky Friedman heißt "Texas Hold 'Em" (der Name einer beliebten texanischen Form des Pokerns) und trägt den Untertitel "Wie ich in einem Stall geboren wurde, im Sattel starb und als geiler Frosch wieder auferstand". Seine bekanntesten Songs heißen "Proud to be an Asshole from El Paso" (Stolz darauf, ein Arschloch aus El Paso zu sein) und "They Aint Making Jews Like Jesus Anymore" (Es gibt keine Juden mehr wie Jesus). Er sagt von sich, er habe einige schlimme Erfahrungen mit Drogen gemacht - von denen die eine mehrere Jahrzehnte lang angehalten habe. Und sein ganzer Ehrgeiz im Leben, so Friedman, sei es, Amerikaner in Flugzeugen bei Laune zu halten.
Kann man es ernst nehmen, wenn so einer Gouverneur von Texas werden möchte? Ein Amt, von dem aus es bekanntlich nicht mehr weit bis ins Weiße Haus ist? Friedman beantwortet in "Texas Hold 'Em" die Frage selbst: "Viele Leute fragen mich, ob die ganze Sache ein Witz ist. Das stört mich mehr, als ich das erwartet hätte. Die Frage ist doch nicht, ob meine Kandidatur ein Witz ist, sondern ob das gegenwärtige Gesocks an Politikern ein Witz ist."
Es ist das Merkwürdige an Kinky Friedman, dass einem das Lachen über seinen speziellen Humor im Gesicht gefriert, wenn man beginnt darüber nachzudenken. Denn Friedman - der die Widersprüche des Jüdisch-Seins und des Cowboy-Seins ebenso unter einen Stetson bringt wie das Leben als Bohemien in New York und als Rancher in Texas - meint es tatsächlich ernst. Lustig ist die Idee nur, solange man sich in konventioneller Weise davon leiten lässt, wie die Dinge zu sein haben. Wenn man sich auf Friedmans Welt einlässt, verschwinden die scheinbaren Inkongruenzen, die das, was er sagt, absurd erscheinen lassen. Plötzlich macht alles Sinn. So auch seine Gouverneurs-Kandidatur. Aus Friedmans Sicht war der Schritt in die Politik logisch.
Kinky ist Kinky
Geboren wurde Richard "Kinky" Friedman 1944 als Sohn eines jüdischen Pädagogen in Chicago. Als er fünf Jahre alt war, zog seine Familie auf eine Ranch in Texas, kurz darauf beschloss Friedman, Country-Sänger zu werden. 20 Jahre lang tourte er mit seiner Band The Texas Jewboys, spielte im Vorprogramm von Bob Dylan und Willie Nelson und schaffte es, jedes Publikum, das ihm vorgesetzt wurde, vor den Kopf zu stoßen. Er wurde in West Texas von der Bühne gejagt und von Feministinnen an einer New Yorker Universität aus dem Saal gebuht - und darauf ist er ein bisschen stolz.
Doch zu Beginn der achtziger Jahre wurde er der Konzerthallen und vor allem des Kokains überdrüssig, das in den siebziger Jahren überall rumlag, und er zog zurück nach Texas. In einem Wohnwagen auf der Ranch seiner Eltern begann er, auf seiner Schreibmaschine Krimis zu verfassen, deren Hauptfigur stets Kinky Friedman hieß.
Diese Romanfigur, sagt Friedman, sei keine idealisierte Version von sich selbst. "Er vollbringt keine Heldentaten. Er stolpert nur so durchs Leben, er kriegt keine Frau ins Bett, und er baut einen Haufen Scheiße." Kinky ist Kinky und so soll es auch sein: "Man hat sein Leben, und man hat seine Arbeit", sagt er, "und man sollte die beiden so sehr durcheinander bringen, wie es nur irgend geht. Van Gogh hat das getan, Hank Williams hat das getan, Charles Bukowski hat das getan. Und natürlich, der Not gehorchend, Anne Frank."
"Die Unterscheidung zwischen liberal und konservativ bedeutet für mich einen Scheißdreck"
Ob man den Gouverneurs-Wahlkampf nun als Leben oder als Kunst bezeichnet, ist demnach nicht so wichtig. Fest steht, dass er nichts substantiell Neues ist für Friedman. Er ist eine Fortsetzung dessen, was er schon immer tat. Und was ist das? "Die Wahrheit sagen", wiederholt er während eines Telefoninterviews, das entgegen aller Befürchtungen keine Aneinanderreihung von Kalauern ist, sondern eine angenehm nüchterne weltanschauliche Diskussion.
Das funktioniert vermutlich deshalb so gut, weil gleich zu Beginn die üblichen Begriffschubladen aus dem Fenster geflogen sind. "Die Unterscheidung zwischen liberal und konservativ bedeutet für mich einen Scheißdreck", sagt er. Und fügt ohne Luft zu holen an: "Die Unterscheidungen zwischen Demokrat und Republikaner auch."
Eine Kategorie allerdings bedeutet Kinky Friedman doch etwas - Texas. Das Texas, das er meint, ist das Texas von Sam Houston, jener schillernden Figur, die einst Präsident der Republik Texas war, später Gouverneur und Senator. Houston ist Friedmans großes politisches Vorbild: "Als sie Sam Houston gesucht haben, um ihn zum Gouverneur zu machen, haben sie ihn mit ein paar Cherokees besoffen unter einer Brücke gefunden. Er war vor mir der letzte wirklich unabhängige Gouverneur."
In Friedmans Universum steht Houston für das Renitente und das Anarchische im texanischen Geist, das den Staat stets davor bewahrt hat, wirklich vom Rest der USA aufgesogen zu werden. "Texas war bis vor kurzem die letzte Zone Amerikas, die frei von Bullshit war." Jetzt machten sich jedoch auch hier die korrupten Politikertypen breit, die schleimigen Lügner und PR-Schwätzer und, was noch schlimmer sei, die politisch korrekten Gedankenpolizisten.
Davor möchte Friedman seinen Staat retten, vor dem, was er "Wussification" nennt. Die Wusses - die Weicheier und Laberer - sollen woanders bleiben und Texas ein Reservat für Männer wie ihn. Eine Zuflucht für Misfits, für die, die nirgends sonst dazu passen. Wie etwa ein jüdischer Cowboy.
Anti-fundamentalistischer Glaube
Wie bei den Songs der Jewboys ist bei Friedmans politischen Ansichten für jede Interessengruppe eine Provokation im Programm. Er will die Grenze zu Mexiko dicht machen. Er sei nicht gegen die Todesstrafe, sondern nur dagegen, die Falschen umzubringen. Er ist für die Schwulenehe, aber dagegen, das Schulgebet abzuschaffen. George W. Bush hält er für einen im Grunde anständigen Mann. Allerdings habe er wie alle Politiker seine Seele und seine Wähler an die Firmen verkauft. Er, Friedman, werde sich hingegen Zeit seiner Regierung nicht mit einem einzigen Lobbyisten treffen.
Ein Kinky Friedman lässt sich nicht vereinnahmen, nicht einmal vom Judentum. "Ich bin ein guter Christ", sagt er, auf seinen Glauben angesprochen. "Ich glaube an Jesus und ich glaube an Moses." Vor allem aber glaube er daran, "eher den streunenden Hunden zu helfen als den fetten Katzen". Weiter gehen die ethischen Richtlinien nicht, die seine jüdische Erziehung ihm vermittelt habe, sagt er. Sein Glaube ist in allererster Linie eines: anti-fundamentalistisch.
Sollte Friedman nicht gewählt werden, will er sich gekränkt aufs Land zurückziehen und Schafe züchten. Aber daran mag er gar nicht denken. Er möchte glauben, dass er Texas retten kann und dass die Leute in ihm die Verkörperung der bedrohten texanischen Seele sehen. "Das letzte Mal lag in Texas die Wahlbeteiligung bei 30 Prozent", ist eines von Friedmans Standardargumenten bei seinen erstaunlich gut besuchten Wahlkampfveranstaltungen. "Das zeigt mir, dass die Leute nicht glücklich mit ihren Optionen sind." Laut einer Umfrage des "Rasmussen Reports" verfügte Friedman Anfang Januar über stolze zwölf Prozent der Wählerstimmen. Der amtierende Gouverneur Rick Perry, ein Republikaner, lag allerdings bei 40 Prozent. Aber gewählt wird ohnehin erst im November. Kinky Friedmans Wahlkampfslogan lautet bis dahin: "Why The Hell Not?" - "Warum zum Teufel nicht?"
Und ja - warum zum Teufel eigentlich nicht!