Klinsmann-Debatte: Raus aus der Ego-Höhle! - DER SPIEGEL
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Klinsmann-Debatte Raus aus der Ego-Höhle!

Deutschland und Jürgen Klinsmann haben viel gemeinsam: Keine wirkliche Leidenschaft, kein Fußballfieber, kein echter WM-Groove. Zeit, sich an ein paar fast vergessene deutsche Werte zu erinnern.
Von Reinhard Mohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ego" heißt ein Roman von John von Düffel, der vor wenigen Jahren erschien. Einfach "Ego". "Ich". Sein Protagonist, ein erfolgreicher Geschäftsmann, hat nur eines im Sinn: Die Tiefe seines Bauchnabels. Die misst er zunächst mit dem Zentimeter-, dann nur noch mit dem Millimetermaß. Das Geheimnis des Bauchnabels ist ganz einfach: Je flacher er ist, desto muskulöser sein Umfeld. Je muskulöser sein Umfeld, desto flacher der Bauch. Je flacher der Bauch, desto schöner der ganze Mann. So trainiert "Ego" rund um die Uhr, am Schreibtisch und im Fitnessclub, beim Autofahren und beim Geschlechtsverkehr.

Schnell begreift der Leser dieser atemberaubenden Egomanie, dass der arme Mann niemals glücklich werden wird. "Ego" rotiert buchstäblich in sich selbst. Allein sein Glaube an die Abschaffung des Bauchnabels hält ihn am Leben. Dahinter herrscht die reine Leere.

Wir wissen nichts über den Bauchnabel von Jürgen Klinsmann, aber der Teamchef der deutschen Fußballnationalmannschaft hat auch einen festen Glauben. Er glaubt an seine Mannschaft und an den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft. Das ist schön und löblich, und wir wollen auch alle gerne mitglauben.

Doch spätestens seit dem Debakel von Florenz vor einer Woche ist die Wirklichkeit in die deutsche Glaubensgemeinschaft eingebrochen. Nicht nur Klassenunterschiede, sondern "Welten" (Reinhold Beckmann) lagen zwischen dem Können der italienischen und der deutschen Mannschaft. Kein deutscher Fußballexperte, kein deutscher Fußballfan hat das anders gesehen, wenn er nicht völlig betrunken oder anderweitig, also viel angenehmer beschäftigt war.

Nicht einmal hundert Tage vor WM-Beginn herrscht also Alarmstufe rot.

Und was macht Klinsmann?

"Ich glaube an die Mannschaft!", beschwor er, nach einigen kleinlauten und wohlfeilen Beschwichtigungen unmittelbar nach Spielende, die deutsche Öffentlichkeit in sattsam bekannter Weise. Irgendetwas ändern? Iwo. Selbstkritik? Fehlanzeige.
Stattdessen Durchhalteparolen und Glaubensbekenntnisse.
Nur zur Erinnerung: "Zu Gast bei Freunden" lautet das WM-Motto.

Nicht "Willkommen in der Therapiegruppe!"

Dann ging es beinah fluchtartig zurück in die kalifornische Wahlheimat.

Man stelle sich nur einmal vor, Sepp Herberger, Helmut Schön, Jupp Derwall, Berti Vogts oder Rudi Völler hätten sich in vergleichbarer Situation ins Tessin, nach Thailand, New York oder Abu Dhabi verdrückt und von dort aus per E-Mail, Handy und Mailbox "kommuniziert".

Sepp Herberger an alle: "Der Ball ist rund. Und das nächste Spiel ist immer das Schwerste. Ciao ragazzi!"

Inzwischen aber ist die deutsche Gesellschaft derart liberal und tolerant geworden, dass sie "dem Jürgen" die kalifornische Sonne gerne gönnt und das Pendeln zwischen den Welten durchaus normal findet. Einzige Bedingung: Erfolg. Besser: Die Leistung muss stimmen. Und da kommen sie doch wieder ans Tageslicht, die guten alten "deutschen Werte": Leistung, Disziplin, Verantwortungsbewusstsein, Augenmaß, Zusammenhalt. Manchmal sogar ein bisschen Gespür und Stilempfinden.

All das aber sieht Jürgen Klinsmann, der sich immer mehr wie ein esoterisch inspirierter kalifornischer Sektenguru aufführt, in seinem persönlichen "Glauben" natürlich bestens aufgehoben. Im Glauben an die Mannschaft, an seine Trainingsmethoden, an sein "Konzept", an seine "Spielphilosophie", vor allem aber: an sich selbst.

Wenn es am Ende niemand mehr tun sollte - er wenigstens glaubt an sich selbst. Und das scheint ihm das Wichtigste zu sein. Wer nicht an ihn glaubt, sondern gleichfalls an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten, der fliegt, wie Deutschlands derzeit bester Abwehrspieler Christian Wörns, hochkant aus dem Kader.

Womöglich steckt in dieser übersteigerten Ego-Gläubigkeit von "Klinsi" ein falsches Verständnis des amerikanischen Selbstbewusstseins. Das sagt keineswegs: "Ich bin der Größte", sondern "Ich kann es schaffen".

"Kann" nicht "bin".

Sei's drum.

Wieder einmal musste "Kaiser" Franz Beckenbauer eine Bresche in diesen schleichenden und organisierten Selbstbetrug schlagen und frischen Wind in die stickige Inzucht-Atmosphäre von Klinsi & Friends bringen, Klartext reden: "Das ist ein Unding. Als Gastgebertrainer muss man anwesend sein."

So kommentierte die Ikone des deutschen Fußballs, nebenbei Cheforganisator der WM 2006 in Deutschland, gestern die merkwürdige und auffallende Abwesenheit Klinsmanns beim Düsseldorfer "Workshop" aller Cheftrainer der 32 WM-Länder. Selbst der brasilianische Chefcoach Parreira war aus Rio de Janeiro angereist.

Spöttisch fügte Beckenbauer seinem unmissverständlichen Verdikt hinzu: "Jeder geht mit seinem Bereich so um, wie er erzogen wurde. Er hätte hier erscheinen müssen. Das ist ein Pflichttermin, und so viele Pflichttermine hat er ja nicht."
Da war es plötzlich wieder, jenes typisch deutsche Wort von der "Pflicht".

Und das war gut so.

Zwar hat auch Beckenbauer, das genaue Gegenteil eines engstirnigen deutschen Spießers, der anderen nichts gönnt, im Verlauf seiner einzigartigen Weltkarriere schon viel Unsinn geredet, aber hier hat er einfach Recht.

Seine gestrige Intervention könnte im besten Fall ein "Wake-up-call" sein, ein Weck- und Ordnungsruf in letzter Sekunde, der den eigentümlichen Trancezustand durchbräche, in dem sich Fußballdeutschland seit geraumer Zeit befindet.

"Wir müssen alle an der Seite dieses Bundestrainers stehen", sagt DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Nein, müssen wir nicht.

Viele Millionen Menschen freuen sich auf das einmalige, weltumspannende Ereignis, doch inzwischen hat sich reichlich Mehltau auf die Vorfreude gelegt. Es ist zwar unbestreitbar, dass Klinsmann zu Beginn seiner Amtszeit einigen frischen Wind in die vermuffte DFB-Greisenstube gebracht hat und durchaus Anfangserfolge wie beim "Confederations Cup" erzielte. Aber seitdem hat er sich mehr und mehr hinter seinen Lehrsätzen verbarrikadiert, die sich selbst zu genügen scheinen. Gerade jetzt, wo sich die Misserfolge häufen, müsste er raus aus der Ego-Höhle und rein in die Debatte.  

Doch ausgerechnet dem kalifornischen Großkommunikator Klinsmann, mit modernsten wissenschaftlichen Kenntnissen ausgerüstet, gelingt es nicht, seine Absichten zu vermitteln und jene Begeisterung zu erzeugen, die nicht auf reiner Einbildung und manischer Selbstsuggestion beruht, sondern auf nachprüfbaren Tatsachen. 

Aber damit scheint Jürgen Klinsmann durchaus symptomatisch für jenes Land zu sein, dem er so oft entflieht. Ein Land ohne wirkliche Leidenschaft, ohne Fußballfieber und echten WM-Groove. Das wahre Drama hierzulande sind 18 Minuten Mehrarbeit pro Tag im Öffentlichen Dienst. Da schrillen die Ver.di-Trillerpfeifen.

Andererseits können ein paar fehlende Feuerlöscher im WM-Stadion schon echte Depression auslösen. Die "Stiftung Warentest" - das ist Deutschland.

Stattdessen aber wäre eine weitere alte deutsche Tugend gefragt, die freilich stets im Kampfe lag mit romantisch verklärter Sehnsucht und irrationaler Selbstverblendung: Ein engagierter Realismus. Gerne auch: Gesunder Realismus, gepaart mit einem kräftigen Schuss Optimismus.

Das heißt: Genau hinschauen, überlegen, Fehlerquellen suchen und, wo möglich, beheben. Dann aber hoffen und kämpfen. Am Ende vielleicht sogar: Feiern.

Deutschland muss weiß Gott nicht Fußballweltmeister werden.
Aber es muss sich aus dem Schlepptau lähmender egomanischer Glaubensbekenntnisse lösen. So viel Mut müsste eigentlich aufzubringen sein. Auch das übrigens ein alter deutscher Wert.