Kloster-Talk Seehofer in Beckmanns Beichtstuhl
Man mag sich denken: Der krabbelige Sportreporter Beckmann aus Norddeutschland mit seiner auf intim heruntergedimmten gleichnamigen Talkshow. Und der oberbayerische Instinktpolitiker Seehofer mit seinem unbedingten Willen zum CSU-Parteivorsitz. Na, das kann was werden.
Man ahnt: Beckmann wird gleich mal sportiv einsteigen. Seehofer muss schließlich über den Kampf zum Spiel finden: Denn "Bild" mutmaßte über eine außereheliche Affäre inklusive Schwangerschaft, das Tandem aus Bayerns Schon-bald-Ministerpräsident Günther Beckstein und CSU-Vorsitz-Aspirant Erwin Huber versucht, die Macht gerade ohne ihn zu verteilen. Aus der Abwehr müsste Seehofer dann flink auf Offensive umschalten, einen tödlichen Pass aus der Tiefe des Raums spielen. Die Parteibasis ist sein zwölfter Mann. Und Seehofer ist der Zug zum Tor eingeimpft. Jetzt müsste er ihn nur noch reinhauen.
Doch es kam ganz anders. Denn Reinhold Beckmann kommt aus Twistringen.
Twistringen liegt 35 Kilometer südlich von Bremen, hat ein bisschen mehr als 10.000 Einwohner und die Bundesstraße 51. Aber vor allem sind dreiundfünfzigkommasieben Prozent der Twistringer katholisch. Und Beckmann war Messdiener in dieser papistischen Enklave im hohen Norden.
Selbstkasteiung des Sünders
Vielleicht läuft deshalb das Gespräch mit dem praktizierenden Katholiken Horst Seehofer eher spirituell denn sportiv. Klar, zu Beginn geht es noch ziemlich säkular zu: Beckmann fragt nach dem Machtkampf mit Huber. Und Seehofer sagt, dass er und Huber immer freundlich miteinander umgegangen seien (was nicht stimmt), jeder aber "so seine Truppen und Anhänger" habe. Und da gebe es "ein paar Scharfmacher und Fundamentalisten" (was stimmt). So neigt sich das Gespräch langsam ins Religiöse.
Ob die "privaten Probleme" etwas "Negatives bewirken" könnten, fragt Beckmann. Und spielt auf die "Bild"-Geschichte über die Affäre an. Ja, sagt Seehofer, "bei der ein oder anderen Person sicherlich". Und der Zuschauer hat jetzt schon eine Idee davon, dass Seehofer weder die eine noch die andere Person ist.
Er habe "die starke Vermutung", dass die Affäre "deshalb öffentlich gemacht wurde, um mir zu schaden". Es sei "schon Absicht, mich mit solchen Dingen politisch zu beschädigen". Mehr will er dazu nicht sagen. Fortan schlüpft er in die Rolle des Sünders: "Damit muss man leben, das muss man aushalten." Dann noch ein bisschen Selbstkasteiung ("Wir selbst machen das Leben manchmal öffentlich, da müssen wir das auch in Kauf nehmen") und fertig ist die Mixtur für die Basis daheim auf dem Sofa: "Ich freue mich, dass die große Mehrheit der Bevölkerung dies als niederträchtig einstuft", sagt Seehofer und meint die Berichte über sein Privatleben.
Absolution im Beckmann-Studio
Es ist Reinhold Beckmann immer wieder vorgeworfen worden, er würde sich an seine Gesprächspartner heranwanzen, würde ihnen in seiner kritiklosen Art und seiner ständigen Suggestiv-Fragerei auf die Pelle rücken. Mag sein. Aber beim Konterpart Seehofer kommt er damit voran, es gelingt Beckmann, sich in den Ingolstädter Katholiken hereinzufragen.
Seehofer war schon mehrere Male in der Sendung. Beckmann spielt ihm jetzt ein Archiv-Video aus dem August 2002 vor. Das war kurz nach jener Herzmuskelentzündung, die Horst Seehofer nur knapp überlebt hatte. Der CSU-Politiker mit den sehr kurzen Haaren aus jenem Jahr berichtet nun dem CSU-Politiker Modell 2007 davon, dass es "einem leid tut, dass man dem Beruf die Priorität gibt", dass man sich Zeit nehmen müsse für die Familie und die Freunde.
Und wieder ist es der sündige Katholik Seehofer, der darauf in der Gegenwart kontert: Von "menschlichen Schwächen" bei guten Vorsätzen spricht er. Davon, dass es "ja kein Drama ist, wenn ein Mensch sagt, ich habe dies oder jenes nicht einhalten können". Ja, natürlich, so ist das. Horst Seehofer ist in der Reuephase des Menschlichen, allzu Menschlichen. Und die Basis daheim vor den Empfangsgeräten würde, wenn sie nur könnte, ein gemeinschaftliches "Ego te absolvo" ins Beckmann-Studio nach Hamburg hinüber schicken.
Frömmeln im Kloster
Und wenn er Seehofer schon einmal in der Ecke hat, so ist es nur zwangsläufig, dass Beckmann jetzt die Kloster-Frage stellt. In früheren Zeiten nahm Seehofer Auszeiten in einem Benediktinerkloster, das ist bekannt. Beckmann fragt nach den monastischen Ritualen und ob Seehofer sie mitgemacht habe. Und wieder kommt eine Seehofer-Antwort, die ihn als Menschen zeigt, nicht als Polit-Maschine: "Wissen Sie, dieses Frömmeln, nur weil man im Kloster ist, sich als Mensch zu verstellen, jetzt plötzlich ein Mönch zu sein, das wäre nicht sauber." Und wer jetzt nicht daheim in Bayern dem Herrn hinter der Mattscheibe kräftig zugenickt hat, der dürfte ein wirklich überzeugter Anhänger von Erwin Huber sein.
Irgendwie merkt Seehofer, dass Beckmann, der Norddeutsche, richtig fit ist im Katholischen. "Sie kennen sich aus", flirtet er mal anders herum über Beckmanns Küchen-Massivholz-Tisch, "waren Sie auch schon im Kloster?" Beckmann, verlegen: "Ja, wie Sie, auch bei den Benediktinern." Oje. Jetzt stört der Zuschauer. Seehofer könnte jeden Moment spitzbübisch lächeln, ein knallig buntes Herz-Jesu-Bildchen aus der linken Innentasche seines Jackets ziehen und es an Beckmanns weißen, gestärkten Hemdkragen heften.
Aber er tut es nicht. Stattdessen fragt Beckmann noch nach Seehofers "jenseitigen Erfahrungen" und wie die "ausgesehen" hätten. Kein Witz! ARD, Montagabend, 23.23 Uhr. Alles ist möglich. Seehofers Antwort handelt dann vom ewigen Leben, von Mut und Kraft. Soviel dazu. Denn an dieser Stelle soll noch ein wenig Platz sein für jene öffentlich-rechtliche Rentnergang, die das Spirituelle dieser Beckmann-Sendung noch weiter anheizen konnte.
Methusalem-Dreigestirn
Das Ex-"Tagesschau"-Dreigestirn Dagmar Berghoff, Wilhelm Wieben und Jo Brauner setzte sich nach einer Dreiviertelstunde zu Beckmann und Seehofer an den Tisch. Ein bisschen knittrig zwar, aber die Stimmen wie eh und je. Man brauchte nur die Augen zu schließen und die Zeitreise begann: Der Kanzler hieß wieder Kohl, die DDR war auch noch da und RAF-Terroristen erschütterten das bundesrepublikanische Gefüge.
Berghoff, Wieben und Brauner berichteten von ihrer Tour. Sie ziehen derzeit durchs Land und künden den Menschen von den Begriffen des 21. Jahrhunderts: Von der Tätowierung knapp überm weiblichen Steißbein ("Arschgeweih") bis zur Selbstaufgabe der ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein Heide Simonis ("Hoppel-Heide").
Doch es dauerte nicht lange und die Spiritualität kehrte zurück. Es war der 71-jährige Wilhelm Wieben, der davon sprach, dass er wisse, "die Zeit läuft ab". Umso mehr genieße er jeden Tag und mache nur noch, worauf er Lust habe. Er gehe "sorgfältig mit Menschen um, die mir wertvoll sind". Das sei "keine Melancholie", das sei "eine Art von Heiterkeit". Dieser Wilhelm Wieben brachte eine demütige Ruhe in die Runde. Horst Seehofer nickte beständig mit dem Kopf.
Aber als Wieben erzählte, wie er 1998 bei der "Tagesschau" aufhörte, wir er "plötzlich Unlust spürte" über den Job. Da macht Horst Seehofer nur "Hm, Hm".
Der Mann hat ja immerhin noch was vor.