Kochshow "Liebe isst…": Potpourri der Peinlichkeiten - DER SPIEGEL
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Kochshow "Liebe isst…" Potpourri der Peinlichkeiten

Als nächstes Kapitel der televisionären Koch-Manie schickt ProSieben nun Männer an den Herd und lässt sie um die Gunst einer Frau wettkochen. Der erotische Kitzel der kulinarischen Bemühungen hält sich in Grenzen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebe geht durch den Magen, sagt der Volksmund, und besonders scheint der alte Spruch derzeit für die Programmgestalter des deutschen Fernsehens zu gelten: Wenige Formate bereiten ihnen so viel zungenschnalzende Freude wie Kochsendungen aller Art. Seit der Entdeckung des "Homing" als Gesellschaftstrend, dem Siegeszug des britischen Hipsters Jamie Oliver und seiner Epigonen Tim Mälzer und Ralf Zacherl wird auf allen Kanälen gebrutzelt, was das Zeug hält. Das ZDF beorderte schon vor längerem seine Allzweckwaffe Johannes B. Kerner an den Herd, und ab heute beugt sich sogar der Kulturkanal Arte dem Zeitgeist und beobachtet die Gastronomin Sarah Wiener bei der Essenszubereitung  (ab 20.15 Uhr).

Den bis dato letzten echten Coup im boomenden Genre aber landete im vergangenen Jahr der kleine Kölner Sender Vox: mit der Doku-Soap "Das perfekte Dinner" , in der fünf Kandidaten sich gegenseitig nach Hause einladen, bewirten und bewerten. Gewürzt mit bösen Kommentaren, generierte die Reihe alsbald Rekordquoten von bis zu 19,2 Prozent Marktanteil in der Gruppe der 14–49-Jährigen und brachte sogar schon einen Ableger hervor ("Das perfekte Promi-Dinner"). Kein Wunder, dass die Konkurrenz aufmerksam wurde: Warum nicht mal Köcheln mit Flirten kombinieren, dachte man sich bei ProSieben, besann sich auf eine weitere Volksweisheit ("Auf jedes Töpfchen passt ein Deckelchen") – und gab die Dating-Kochshow "Liebe isst… Das Single-Dinner"  in Auftrag.

Das Konzept der heute startenden kulinarischen Partnersuche orientiert sich offenkundig an der Bauweise des "perfekten Dinners": Vier Männer bitten jeweils dieselbe Frau zu sich nach Hause und kredenzen ihr ein Drei-Gänge-Menü (Folgen montags bis donnerstags), bevor sie sich am fünften Tag festlegen muss, bei wem es ihr am besten gefallen hat – dem Gewinner winkt ein romantisches Wochenende mit ihr. Dass dabei weniger raffinierte Rezepte als Ausstrahlung, Auftreten und persönliche Sympathie im Mittelpunkt stehen, versteht sich; für ausreichend Kommentierung durch alle Beteiligten zwischendurch ist ebenfalls gesorgt, und auch die aus dem Vox-Vorbild bekannte Wohnungsinspektion wurde nicht vergessen.

Verzweifeltes Hantieren mit den Zutaten

Der Grat zwischen Selbstdarstellung und Vorgeführtwerden ist bei den Gigolos am Herd genauso schmal wie der zwischen Anteilnahme und Voyeurismus beim Zuschauer. In Folge eins führt der Balanceakt direkt zum Absturz: Der Besuch von Daniela, 25, selbstständige Promoterin aus Mönchengladbach, beim 30-jährigen Software-Entwickler Jörn aus Essen gerät zum veritablen Desaster. "Ich blicke mit sehr gemischten Gefühlen auf den heutigen Abend hin", formuliert der gestresste Gastgeber gleich zu Beginn und gesteht, dass seine Kochkunst ("Kaffee kann ich super") sich bisher im Wesentlichen auf "das Öffnen und Warmmachen von Dosen" beschränkte.

Weil er Daniela zuvor aber per Videobotschaft einen "italienischen Abend" mit Bruschetta, überbackenem Kalbsfilet und Tiramisu verheißen hat, hantiert er nun verzweifelt mit den Zutaten: "Meine Erfahrung im Gemüseschneiden tangiert gegen null", seufzt er mit riskanter Rhetorik, während zwischendurch gezeigt wird, wie sich seine Besucherin von einer Freundin bei der Wahl der Garderobe helfen lässt. Weil Jörn dazu noch Schwierigkeiten hat, Kapern überhaupt zu besorgen ("ein Begriff, den ich zwar schon gehört habe, aber keine Ahnung, was das ist"), hagelt es Häme von den Konkurrenten, und die Regie spielt feinfühlig "Don’t worry, be happy" ein.

Als Daniela schließlich eintrifft, nimmt das Debakel seinen Lauf: Während sie sich allein aus ihrer Jacke schält, fummelt er an der Proseccoflasche rum, und als sie seine Kerzengalerie mit einem gnädigen "Hast Dir aber Gedanken gemacht" kommentiert, antwortet er brav: "Das sollte man ja auch". Bei Tisch erzählt er, warum sein Kater der einzige Überlebende des Wurfs war – "die übrigen sind im Geburtskanal erstickt". Und als ihr immerhin das abschließende Tiramisu zu munden scheint, vergisst er nicht zu erwähnen, dass man gar nicht schmecke, "dass da der Kater dran war." "Gott segne dich für dein nächstes Date", kommentiert Mitbewerber Pamir das Geschehen – das 25-jährige Fotomodell aus Köln (Erkennungsmelodie: "Mr. Bombastic") ist der Dienstags-Kandidat.

"Mach' AAAH!"

Wer allerdings geglaubt haben sollte, mit seinem Auftritt würde der Peinlichkeitsfaktor sinken, sieht sich getäuscht: Der gestylte Beau und Männermagazin-Leser blamiert sich zwar anders, aber ebenfalls nach Kräften. Spätestens als er nach fünf Minuten beginnt, seine potenzielle Herzensdame eindeutig-zweideutig mit dem Rinder-Carpaccio zu füttern ("Mund auf, Augen zu und beiß rein"), wird klar, dass es der Produktionsfirma Blue Eyes ("Die Alm", "Die Burg") beim Herren-Casting nicht um kulinarische Kultur, sondern um Komposition eines möglichst vielfältigen Potpourris der Peinlichkeiten gegangen sein muss. Bei den Damen indes scheinen die Nehmerqualitäten im Vordergrund gestanden zu haben: Daniela jedenfalls trägt das Macho-Gehabe mit Fassung und schluckt auch die folgende Fütterattacke ("Mach' AAAH!").

Halbwegs normal-menschlich vermag sich erst Bewerber Nummer drei, der 26-jährige Kölner Sänger Andreas, zu präsentieren: Für seine unverkrampfte Art ist die Besucherin so dankbar, dass sich der aus dem Kühlschrank servierte Rotwein als Nichtigkeit erweist. Bevor sie am Freitag den Sieger küren muss, hat sie allerdings noch "Hähnchen in Bananenschalen bzw. -blättern" beim zungengepiercten Eventmanager Daniel, 27, zu verkosten. Der verfeinert die Mahlzeit mit der Erwähnung, er werde nun die Gambas "entdarmen und die Köpfe abnehmen", bevor er die Kokospfannkuchen als Röstitaler serviert. Wem da nicht wohlig warm ums Herz wird...

Dass sich sowohl der kulinarische als auch der amouröse Prickel von "Liebe isst…" in Grenzen hält, ficht ProSieben freilich nicht an. Vorerst vier Staffeln mit fünf 30-Minütern sind angesetzt; für die Programmierung der Show um 19.45 Uhr kippte der Sender eigens seine Abendnachrichten aus der Primetime. Und wenn man zugrunde legt, dass auch "Das perfekte Dinner" vor allem voyeuristische Gelüste bedient, könnte das Kalkül sogar aufgehen.


Liebe isst… Das Single-Dinner: ab 8. Januar, 19.45 Uhr, ProSieben