Körperkultur Die Kunst der Fleischbeschau
"Vorher kalt duschen", raten Kenner des legendären Annie-Sprinkle-Films "Herstory of Porn". Darin gewährt die Ex-Porno-Queen und promovierte Sexualwissenschaftlerin dem Publikum ausgiebige Einblicke in ihren Unterleib, allerdings nicht ohne ironischen Beigeschmack. Für das Programm "Zeig mir Dein Fleisch" in Hamburgs Kulturtreffpunkt Kampnagel ist die Sex-Expertin gleich mit einem ganzen Vorrat sexueller Wohltaten angereist.
So können sich "Frauen und Transsexuelle über 18" auf einen Orgasmus-Workshop bei Amerikas umtriebigster Kämpferin gegen die Prüderie freuen. Für nur 38 Euro verspricht die Sexologin die "Entdeckung innerer Vulkane und den Zauber des heilenden Sex".
Der radikalen britischen Künstlerin Kira O'Reilly geht es nicht um Heilung, sondern um Selbstverletzung. In ihrer Performance "Succour/ed" erprobt sie die altertümliche medizinische Technik des Schröpfens am eigenen Körper. Die Verletzungen und Schnitte in ihrer Haut versteht O'Reilly als künstlerische Spuren und "Erforschung der Materialität des Körpers".
"Dieses Mal kommen internationale Künstler, die statt Leinwand und Farbe ihren eigenen Körper und Blut oder andere Körperflüssigkeiten zur Grundlage künstlerischer Schöpfung machen", beschreibt die neue Kampnagel-Intendantin Gordana Vnuk das Konzept von "Zeig mir Dein Fleisch" (15. Januar bis 16. Februar).
Dass es zu Protesten gegen die teilweise radikale Zurschaustellung von Sexualität und Schmerz kommen wird, hält Vnuk für unwahrscheinlich. "Natürlich werden sich manche fragen, ob das überhaupt Kunst ist", räumt die Intendantin ein, "aber genau diesen Diskurs wollen wir anregen."
Als Schockerlebnis gelten insbesondere die Arbeiten des Amerikaners Ron Athey: Die Kultfigur der internationalen Body-Art-Szene inszeniert in seinen umstrittenen Shows sexuelle Praktiken als persönliche Opferrituale. In Hamburg wird erstmals seine neue Performance "Joyce" aufgeführt, in dem der Künstler einen radikalen Zusammenhang herstellt zwischen religiösen Obsessionen, Inzest und daraus entspringenden Krankheiten wie Selbstverstümmelung und Persönlichkeitsspaltung.
Eine extreme Form der körperlichen Transformation hat auch die Französin Orlan gewählt. Die Multimedia- und Performance-Künstlerin hat ihren Körper mit Hilfe plastischer Chirurgie in eine lebende Skulptur verwandelt. In mittlerweile zehn Operationen hat sie aus ihrem Gesicht nach dem Vorbild klassischer Schönheitsideale immer wieder neue Antlitze geformt.
Doch auch die Besucher können ihre Fähigkeiten als Selbstdarsteller beweisen und sich als Synchronsprecher für Porno-Filmen versuchen. Die lustvollsten Stöhner werden von einer illustren Fachjury ausgezeichnet, bestehend aus einem Oberstaatsanwalt, dem Künstler Charles Kissing und Hamburgs bekanntester Ex-Hure Domenica.