Kohl bei Kerner: Der große Milde - DER SPIEGEL
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Kohl bei Kerner Der große Milde

Ein deutsches Monument besichtigt sich selbst: Helmut Kohl zeigte sich bei Johannes B. Kerner fast durchweg von der altersmilden Seite. Betonung auf fast: Die RAF und die Medien bringen ihn noch heute auf die Palme.
Von Reinhard Mohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Da saß er nun zum dritten Mal bei Kerner auf dem Sessel, um über den neuesten Teil seiner autobiografischen Trilogie zu plaudern, die sich bald zur Tetralogie weiten wird – dann bis ins Jahr 2000 hinein. Dabei ist Helmut Kohl, jedenfalls in dieser Sendung, kein wirklicher Interviewpartner, dem man echte Fragen stellt. Er ist eher ein Ausstellungsstück, ein kleines deutsches Weltwunder.



Verdammt lang her ist das alles, und selbst wenn Kohl über die Gegenwart spricht, wirkt es seltsam museal und antiquarisch. Er ist alt geworden. Das Sprechen fällt ihm schwer, schwerer noch als früher, und manchmal hat er Wortfindungsprobleme. Aber er ist auch milde geworden, mit einem Hang zum Buddhismus, den er auch körperlich beglaubigt.

1991 war das noch anders, als er bei einer Versammlung einem Eierwerfer sportiv hinterher hechtete und ihm eins aufs Maul geben wollte: "Der hat immer weiter geworfen, und das tut ganz schön weh", sagt Kohl. Aber seine Leibwächter haben ihn zurückgehalten. Wir fanden die Aktion damals sogar sympathisch, und man hätte dem zauseligen Juso eine Abreibung gegönnt. Eine gewisse Nähe zu Joschka Fischer war erkennbar: das pfälzische Gesamtkunstwerk im Straßenkampf.

Der Unterschied zu dem anderen großen Altkanzler Helmut Schmidt könnte nicht größer sein. Kohl ist ein Gefühlsmensch, Schmidt ein Gedankenmensch. Zwei Seiten der deutschen Medaille. Noch heute seziert Helmut Schmidt, ein gutes Jahrzehnt älter als Kohl, die Welt nach Belieben im blauen Zigarettendunst, fällt Urteile im Minutentakt und gibt Ratschläge an die Nachgeborenen. Helmut Kohl erzählt lieber vom Leben, von Freundschaften und Krankheiten, Fährnissen und Schicksalsschlägen.

Er ist noch weicher geworden als früher, und im Ansatz wütend wird er nur bei ganz bestimmten Stichworten. Bad Kleinen etwa. Auf dem dortigen Bahnhof kamen am 27. Juni 1993 bei einem GSG-9-Einsatz ein Polizist und ein Terrorist ums Leben kamen. In der Öffentlichkeit aber wurde der RAF-Mann zum Märtyrer erklärt, behauptet Kohl. Auch die seiner Ansicht nach seltsame Bevorzugung der RAF-Täter gegenüber ihren Opfern in all den Jubiläumsfeierlichkeiten dieses Jahres wühlt ihn immer noch auf.

Genauso wie ein Spielfilm, den der damalige Südwestfunk ausgestrahlt hat. Es ging um einen Attentat auf den amtierenden Bundeskanzler. Kohl war gemeint, und er war entsetzt. Bis heute ist er deshalb fertig mit dem Südwestfunk und allen seinen Nachfolgeorganisationen, wie immer sie sich jetzt nennen mögen.

Koloss der Erinnerung

Ein Elephantengedächtnis hat er, im Guten wie im Schlechten. Die kleinen Einspielfilmchen und die kurzen Fragen von Hamburger Abiturienten braucht er deshalb gar nicht, um von seiner Freundschaft zu Willy Brandt zu erzählen, die mit einem Gespräch über Abtreibung begann.

Vom merkwürdigen Verhältnis zu Margaret Thatcher, der englischen Premierministerin, die nach dem Fall der Mauer 1989 zu ihm sagte: "Zweimal haben wir Euch geschlagen, und jetzt seid Ihr schon wieder da!" Von Francois Mitterrand, dem französischen Staatspräsidenten, der ihm noch auf dem Totenbett zumurmelte: "Die Deutschen sind die Nummer 1 in Europa, und sie werden es auch in Zukunft sein."

Von Michail Gorbatschow, der dem Druck von Politbüro und KGB widerstand und die sowjetischen Panzer in den DDR-Kasernen ließ.

Und von Bill Clinton, gegen den er erst Wahlkampf machte, um George Bush senior bei der Wiederwahl zu unterstützen, ihn aber schon im Laufe seines Antrittsbesuches in Washington zum Freund gewann – letztlich beim privaten Gespräch mit Clinton und seiner Mutter. Es dauerte bis zwei Uhr morgens.

Auf dem Höhepunkt der peinlichen Staatsaffäre um Clintons Verhältnis mit seiner Ex-Praktikantin Monica Lewinsky ermunterte Kohl den US-Präsidenten, die Sache tapfer durchzustehen: "Bill, Du musst stehen bleiben!", riet der konservative deutsche Bundeskanzler dem amerikanischen Bonvivant. Ein beachtlicher Ratschlag. Clinton ließ sich das gerne zweimal sagen – und hielt durch. Bei Kohls Abwahl 1998 revanchierte er sich mit einem äußerst warmherzigen Brief.

Gelassen, nicht gleichgültig

Natürlich ist Kohl nicht nur Gefühlsmensch, der über Krankheit und Tod seiner Frau spricht, den schweren Autounfall seines Sohnes in Italien – "Ich habe überlegt auszusteigen, selbst Francois Mitterrand hat im Krankenhaus angerufen" – und über den schweren Schicksalsschlag des Attentats auf Wolfgang Schäubles, den er ohne jede Einschränkung immer noch "den Besten" nennt, der als sein Nachfolger geeignet gewesen wäre.

Nein, Kohl sagt auch ganz nüchtern, dass zum Zeitpunkt des Mauerfalls im November 1989 siebzig Prozent der Menschen, die in Europa lebten, die Nazi-Gräuel, Besatzung, Krieg und Völkermord noch aus eigener Anschauung erlebt hätten. So hielt sich die Begeisterung über eine Wiedervereinigung der Deutschen in engen Grenzen. Nur George Bush senior und der spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez reagierten uneingeschränkt positiv.

Helmut Kohls neue Milde und Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit. Nach einem kurzen TV-Ausschnitt eines heftigen Wortwechsels zwischen Willy Brandt und ihm aus dem Jahr 1985 fällt er doch noch ein Urteil über die Nachgeborenen. Zuviel "Zynismus und Angst" herrsche heute in der politischen Auseinandersetzung, zu wenig echte Leidenschaft und zu viel glatte, "operettenhafte PR-Inszenierung". Wen er da bloß gemeint hat?

Ausgerechnet heute Nacht haben wir von Andrea Nahles geträumt, von Ronald Pofalla, Reinhard Bütikofer und Hubertus Heil, von Renate Künast und Gregor Gysi. Ein Alptraum.

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