Kolumne "Goosens Grätsche": Eine Extraschicht EM - DER SPIEGEL
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Kolumne "Goosens Grätsche" Eine Extraschicht EM

Sehen und gesehen werden: EM-Kolumnist Frank Goosen musste ausgerechnet während eines Viertelfinales im Fernsehen und als Kabarettist auftreten. Das spannende Spiel hat er trotzdem nicht verpasst. Wie er das gemacht hat? Lesen Sie hier.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich habe ja in meinen 16 Jahren als Komiker schon viel gemacht und getan, aber vor 400 Menschen auftreten und gleichzeitig Fußball gucken – das war selbst für mich neu.

Die Weisheit der Programmplaner der "Extraschicht" wollte es, dass dieses überaus erfolgreiche und hochkarätige Ruhrgebiets-Selbstvergewisserungs-Ereignis in diesem Jahr an einem Viertelfinaltag der Fußball-Europameisterschaft stattfand.

Die "Extraschicht" ist ein echter Knaller: Bis tief in die Nacht hinein findet in und an so ziemlich allen Orten der Industriekultur (Zechen, Eisenhütten, Fabriken aller Art) Wundersames statt: Tanz, Theater, Literatur, Kabarett, Gesang und was man sich sonst noch so ausdenken kann. Das ganze Revier ist auf den Beinen, denn dank eines ausgeklügelten Shuttle-Systems kommt man nicht nur fix von A nach B, sondern, wenn man will, sogar von P nach X. Es ist die einzige Nacht im Jahr, wo unser ÖPNV funktioniert.

Da wollte ich auch in diesem Jahr nicht fehlen, und da man auf mein entrüstetes "Da ist doch EM!" nicht das ganze Festival verschieben wollte, durfte ich also am Samstagabend in der Henrichshütte zu Hattingen ran, besser gesagt, in deren Restaurant Henrichs. Zwar geht es mit der "Extraschicht" schon am frühen Abend los, so dass ich meinen Auftritt auch noch vor dem Spiel der Niederlande gegen Russland hätte hinter mich bringen können, doch um 18 Uhr sitze ich zunächst mit Jürgen von der Lippe im Kölner Filmhaus als Gast seiner Sendung "Was liest du?"

Ältere Männer und ich

Von der Lippe ist ein überaus belesener Mann, der irgendwo in Köln eine Wohnung haben soll, die er nicht mehr betreten kann, weil sie voller Bücher ist. Als Gast für die Sendung war ich, nach seiner glaubhaft dem Publikum im "Warm-up" vorgetragenen Aussage, deshalb in Frage gekommen, da ich zwar deutlich größer, vor allem aber sehr viel schwerer (vulgo: dicker) sei als er selbst. Außerdem habe ich weniger Haare. Ältere Männer treten gern mit mir auf.

Die Sendung wird überaus witzig, was vor allem an den vorgestellten Büchern liegt: David Nicholls "Keine weiteren Fragen" gehört zum Komischsten, was ich in den letzten Jahren lesen durfte, und Horst Evers’ neues Buch "Mein Leben als Suchmaschine" ist ohnehin Weltklasse. Man amüsiert sich als Komiker ja ungern über das, was Kollegen fabrizieren, aber bei Evers geht es beim besten Willen nicht anders. Fast jede Seite gehört in die Kategorie "Wäre ich gern selbst drauf gekommen!"

Kurz vor acht komme ich aus Köln weg, treffe knapp eine Stunde später in Hattingen ein und muss um neun mit meinem ersten Programmblock anfangen. Eine "Bühne" im eigentlichen Sinne gibt es nicht. In der Nähe des vollbesetzten Tresens steht ein Mikrofon, daneben ein Tisch. Auf diesem baue ich mein Macbook samt DVB-T-Antenne auf – und diesmal haut es hin. Wenn nicht gerade die Bedienung vorbeiläuft, ist der Empfang einwandfrei.

Gute Tipps, schlechte Spiele

Ich eröffne meine Darbietung mit dem Halbsatz: "Wenn Sie glauben, dass ich während eines Viertelfinales bei einer Europameisterschaft beim Auftreten aufs Fernsehen verzichte..." Das ist ein bisschen frech. Andererseits interessieren sich viele Menschen im Publikum sehr für dieses Spiel. Etwas unsachlich melden sich die Holland-Hasser zu Wort, doch das kann ich nicht durchgehen lasen. Geben Sie mal bei YouTube "Denis Bergkamp" ein. Man kann ohnehin kein ganzes Volk hassen, aber schon gar keines, das solche Fußballer hervorbringt.

Ich mache also Ausschnitte aus meinem Fußballprogramm "Echtes Leder" und halte das Publikum zwischendurch über das Spiel auf dem Laufenden. Die am Tresen können sogar mitgucken. Um viertel vor zehn ist mein erster Block zu Ende, das Publikum zieht weiter, zwanzig Minuten später stehe ich vor anderen, nicht weniger fußballinteressierten Vierhundert. Alle sind sehr dankbar, dass sie Komik bekommen und trotzdem die EM nicht verpassen. Viele Männer werden jetzt weniger Vorbehalte haben, wenn die Frau demnächst sagt: "Schatz, wir gehen heute Abend ins Cabaret!"

Wie in der Bundesliga

Kurz vor Beginn der Verlängerung bin ich mit dem zweiten und letzten Block durch. Um meinen Tisch versammelt sich eine ebenso freundliche wie kompetente Runde von Herren im mittleren Alter. Wir könnten Väter der jungen russischen Spieler sein, und in einigen Augen glimmt ein wehmütiges: "So einen Sohn hätte ich auch gern!" Nun, ich habe zwei davon, aber das nur am Rande.

Beim Frühstück am Sonntagmorgen zeigt sich meine Frau beeindruckt, dass die Spiele des Viertelfinales ziemlich genauso gelaufen sind, wie von mir vorhergesagt. Die Deutschen, hatte ich geweissagt, werden gegen Portugal ganz anders auftreten als gegen Kroatien, die Türken darf man nie abschreiben (das erfüllt aber schon den Tatbestand der Phrasendrescherei) und die Niederländer werden ihre phänomenale Vorrundenform nicht bruchlos in die Finalspiele retten können. Dummerweise hatte ich trotz allem darauf getippt, dass, wenn auch knapp, Kroatien, die Oranjes und Italien weiterkommen.

Das Spiel der "Azzuri" gegen die "Selecion" ist am Abend, wie von mir prognostiziert, nicht das erhoffte Feuerwerk. Und im Elfmeterschießen versagt der Bayern-Dusel, mit dem die Italiener vor zwei Jahren noch Weltmeister geworden sind.

Es ist also letztlich wie in der Bundesliga: Meine Tipps sind klasse, nur die Spiele laufen so blöd.

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