Korrespondenten: Sex statt Holocaust - DER SPIEGEL
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Korrespondenten Sex statt Holocaust

Igal Avidan, 39, ist Deutschland-Korrespondent der zweitgrößten israelischen Tageszeitung "Maariv". Im SPIEGEL-Interview spricht er über die abflauende Deutschland-Berichterstattung in Israel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Mit Ihnen wird der letzte israelische Zeitungskorrespondent aus der Bundesrepublik abgezogen. Warum?

Avidan: Die Berichterstattung aus Deutschland ist zu einem Luxus geworden, den sich die Zeitungen nicht mehr leisten wollen. Auch unsere Presse leidet unter einem starken Anzeigenrückgang, und die blutigen Ereignisse in Israel überschatten die Auslandsberichterstattung.

SPIEGEL: Nicht einmal das öffentlich-rechtliche Fernsehen Israels hat in Deutschland noch einen Korrespondenten?

Avidan: Nein, obwohl das letzte Redaktionsbüro sogar teilweise vom Bundespresseamt finanziert wurde.

SPIEGEL: Woher sollen die Israelis dann ihr Wissen über das Land des Holocaust beziehen?

Avidan: Aus amerikanischen Medien, aus der Sat.1-Berichterstattung über die Bundesliga und gelegentlich auch aus übersetzten Artikeln von SPIEGEL und "Zeit". Sonst sieht es mager aus.

SPIEGEL: Was ist aus der viel gerühmten "Sonderbeziehung" zwischen den beiden Staaten geworden? Interessieren sich die Israelis nicht mehr für die Entwicklungen in Deutschland?

Avidan: Die Leser eigentlich schon. Nur bei den Redakteuren ist das Interesse nicht mehr da. Ich hoffe, das ändert sich wieder, wenn die Intifada vorbei ist.

SPIEGEL: Über welche Themen haben Sie in den vergangenen Jahren geschrieben?

Avidan: Meistens über Kuriositäten oder über Sexgeschichten. Gelegentlich auch mal über die Holocaust-Ausstellung, die NPD-Debatte oder antisemitische Vorfälle. Aber auch das ist nur dann von großem Interesse, wenn Menschen verletzt oder getötet werden. Sachschaden allein wären nur eine Kurzmeldung wert. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin dagegen war überhaupt kein Thema.

SPIEGEL: Gibt es ohne eigene Berichterstattung auch kein aktuelles Deutschland-Bild mehr?

Avidan: Nein, natürlich nicht. Das Deutschland-Bild ist bereits stark von der Vergangenheit geprägt ­ und wenn es kein Gegenwartsbild mehr gibt, dann wird der Eindruck auf ewig von der Vergangenheit geprägt sein. Das ist sicherlich weder im Sinne der Deutschen noch der Israelis.