Fotograf Peter van Agtmael: Der Krieg kommt auch nach Hause
Fotograf Peter van Agtmael "Ich wollte fühlen, was Krieg ist"
SPIEGEL ONLINE: Herr van Agtmael, 2006 sind Sie mit 25 Jahren in den Irak-Krieg gezogen - als embedded Fotograf an vorderster Front. Warum wird man Kriegsfotograf?
Van Agtmael: Als Kind wollte ich Soldat werden. Ich war fasziniert von der Schönheit der Waffen, ohne zu wissen, was Töten eigentlich bedeutet. Mein Großvater war im Zweiten Weltkrieg und hat immer von der Kameradschaft geschwärmt. Aber dann habe ich Fotografien davon gesehen, und es verlor all seine Romantik. Es war: Blut, zerfetzte Körper, Zerstörung. Soldat wollte ich danach nicht mehr werden, aber die Faszination für den Krieg blieb. Und nach dem 11. September verschränkten sich mein Interesse für den Krieg und das für Amerika. Ich ging in den Irak, später nach Afghanistan. Aber ich sehe mich nicht als Kriegsfotograf, sondern als Amerika-Fotograf. Im Grunde wollte ich einfach sehen und fühlen, was Krieg ist - wie so viele Generationen von ziemlich naiven, meist jungen Menschen vor mir.
SPIEGEL ONLINE: Und hat es Ihre Erwartungen erfüllt?
Van Agtmael: Eine Weile lang habe ich es wirklich gemocht. Es gab mir eine Art Identität und meinem Leben eine Bedeutung. Das war sehr verführerisch und macht auch ein bisschen süchtig. Sechs Jahre lang war ich auf diese Kriege fokussiert, aber jetzt, mit 31, komme ich ein wenig ab davon. Zumindest was die Kampfhandlungen anbelangt. Denn es wiederholt sich alles, wird aber nicht weniger gefährlich. Und ich habe noch mehr vor im Leben. Lange leben zum Beispiel.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotos zeigen die Soldaten im Kugelhagel und in Camp-Monotonie, spielend mit afghanischen Kindern und schwer verletzt. Sie sind ihnen sehr nahe gekommen...
Van Agtmael: Mit Fotografie ist es seltsam: Die Leute denken, es sei irgendwie die Wahrheit, was auf dem Bild zu sehen ist. Dabei kann ein Foto die Wirklichkeit ebenso verzerren wie jedes andere Medium. Die Soldaten waren den schreibenden Journalisten gegenüber skeptisch, aber nicht bei Fotografen. Außerdem war ich auch Amerikaner und in ihrem Alter. Ich bin mit ihnen auf Patrouille gegangen und dadurch erfuhr ihr Handeln eine größere Bedeutung. Es war nicht mehr anonym.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben einige Soldaten porträtiert, nachdem sie aus dem Krieg zurück waren. Wie wurden sie in der Gesellschaft wieder aufgenommen?
Van Agtmael: Ein gutes Beispiel ist Raymond Hubbard. Er hat ein Bein als Soldat im Irak-Krieg verloren, und ich habe ihn einige Zeit begleitet. Dank modernster Technologie wurde er gerettet. 90 Prozent der verletzten Soldaten überleben, weil die Ausstattung an der Front inzwischen so gut ist. Schwer verletzt gewesen zu sein und überlebt zu haben, das machte Raymond stolz. Und er wurde gefeiert dafür, aber auf diese seltsame amerikanische Art, die irgendwie auf Abstand bleibt. Soldaten werden mit materiellen Dingen belohnt wie Laptops oder einem Trip nach Las Vegas. Aber das sind alles kurzlebige Sachen. Emotionale Unterstützung bleibt aus.
SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Raymond Hubbard passiert?
Van Agtmael: Er ist zurück in seine Heimatstadt Wisconsin gezogen und kümmert sich um seine Frau und seine zwei Kinder. Er bekommt Invalidenrente von der Army, finanziell muss er sich also keine Sorgen machen. Aber wenn du als junger Mann keinen Job und zu viel Zeit zum Nachdenken hast, kann das sehr destruktiv sein.
SPIEGEL ONLINE: Bekommen die Soldaten psychologische Hilfe?
Van Agtmael: Man kann sie bekommen, ja, aber die meisten wollen ihre Schwäche nicht eingestehen. Ich selbst habe Jahre dafür gebraucht. Manchmal trifft man auf unfähige Therapeuten und resigniert. Und die Beratungsstellen der Army sind so überlastet, dass sie einfach Pillen verschreiben. Ich befürchte, es wird noch schlimmer werden - wenn Irak und Afghanistan wieder auseinanderbrechen in den nächsten Jahren. Dann sehen all die Soldaten, die dachten, sie tun das Richtige, dass alles nichts genutzt hat.
SPIEGEL ONLINE: Aus europäischer Perspektive wirkt es immer so, als gäbe es gerade in den USA eine breite Unterstützung für die Army in der Gesellschaft...
Van Agtmael: Es gibt die große "Support our troops"-Bewegung, aber das sind nur Lippenbekenntnisse. Du bindest dir ein gelbes Band ans Auto, spendest für verletzte Soldaten, gehst zu einer Parade. Und wer schlecht übers Militär spricht, ist für dich ein Verräter. Das verhindert jedes offene Gespräch darüber, dass wir junge Menschen in einen Krieg schicken, dessen Ausgang völlig unklar ist. Ich mochte viele der Soldaten und habe einige Freunde unter ihnen gefunden, aber ich bin höchst misstrauisch gegenüber jedem, der sich freiwillig irgendwohin begibt, wo er getötet werden kann. Selbst wenn es für sein Land ist.
SPIEGEL ONLINE: Wie desillusionierend und brutal Krieg ist, das zeigen einige Ihrer Bilder. Wie hat die Army darauf reagiert?
Van Agtmael: Was ich am US-Militär sehr schätze, ist, dass sie einem als Journalist erlauben, den Krieg so zu zeigen, wie er ist. Aus Europa kam damals so viel Kritik an diesem embedded-System, bei dem die Journalisten quasi Teil der Einheit sind. Ob man da nicht zu sehr sympathisiere mit den Soldaten, ob es wirklich um Fakten gehe? Es ist verrückt, denn genau die Länder, aus denen die Kritik kam, halten Journalisten von allen Gefechten fern. Ich frage mich, ob es in Deutschland im kollektiven Gedächtnis ein einziges Bild eines verwundeten oder getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan gibt.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihre Erfahrungen im Krieg verändert?
Van Agtmael: Ich kann es noch nicht sagen, ich bin noch mittendrin. Aber ich bin müder geworden in vielerlei Hinsicht. Desillusioniert davon, wie wenig menschliches Leben wert ist, wie zynisch Regierungen handeln. Ich vertraue nur noch Menschen und Dingen, die sich als vertrauenswürdig erwiesen haben.
Homepage: www.petervanagtmael.net