Künstler-Ranking "Waaas, diiie als Nummer eins!?"
Wer hat am meisten für die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst weltweit getan? Mut und Risikofreunde, Energie und Engagement werden beim jährlichen Künstler-Ranking von "Monopol" eher belohnt als die Verteidigung des Erwartbaren oder das Inszenieren von Sensationen.
Die Top-100-Liste versteht sich als Kritikerumfrage, die die wichtigsten Kuratoren, Galeristen, Sammler und Museumsdirektoren des Jahres vereint. Neben der "Monopol"-Redaktion haben auch freie Kritiker anderer Zeitungen und Magazine sowie internationale Kuratoren ihr Votum abgegeben. Erstmals sind in der Monopol-Liste auch Künstlerinnen und Künstler enthalten, unterteilt in die Kategorien Top und Hot.
Die eine Rubrik würdigt ein unangefochtenes Lebenswerk, die andere nennt Künstler, denen die Zukunft gehört. Hier sind die Top Ten der wichtigsten Protagonisten der internationalen Kunst-Szene:
1. Isa Genzken, Berlin
"Waaas, diiie als Nummer eins auf einer Rankingliste? Und das, obwohl ihr Beitrag im deutschen Pavillon enttäuschend war, auf höchstem Niveau zwar, aber dennoch enttäuschend?" Man ahnt schon das Raunen einiger Kunstexperten. Doch trotz des verhaltenen Gemeckers in einheimischen Feuilletons ist 2007 das Jahr Isa Genzkens. Und das nicht nur, weil sie die historisch belastete Aura des 1938 von den Nazis umgebauten deutschen Pavillons auf der diesjährigen Biennale in Venedig elegant lahmlegte, den potthässlichen Bau verschwinden ließ, sein Inneres zum Schweben brachte. Ihre Installation "Oil" zeigt ganz nebenbei, dass es für sie wirklich an der Zeit ist, weltberühmt zu werden.
Ausgehend vom Kanon der Minimal Art hat Genzken ein sich immer wieder selbst erneuerndes bildhauerisches uvre entwickelt, das Dinge und Materialien "as a matter of fact" kombiniert und dabei abstrakt aufzeigt, was es bedeutet, in einer modernen Gesellschaft zu leben. Stets bewegt sich Genzken dabei auf der Höhe der Zeit. Im Laufe von über drei Jahrzehnten entstanden ganz unterschiedliche Werke, etwa die am Computer entwickelten "Hyperbolos" der frühen Achtziger, "Weltempfänger" aus Beton, meterhohe Stelen, die an Personen oder spiegelnde Wolkenkratzer erinnern. Während sie sich in ihrer Arbeit immer wieder radikal neu erfand, definierte sie mit ihren Skulpturen Raum sowohl als physische als auch als gesellschaftliche Dimension.
Von Anbeginn korrespondierte sie dabei mit ihren Zeitgenossen, mit Bruce Nauman, Lawrence Weiner, Joseph Beuys, später dann mit Freunden wie Wolfgang Tillmans und Kai Althoff. Dass Genzken in ihren jüngeren Arbeiten, wie etwa der apokalyptischen Serie "Empire Vampire Who kills Death", Luxusgüter, Trash, Spielzeug zu fragilen Assemblagen kombinierte, wirkte gerade im Hinblick auf ihre früheren, reduzierten Arbeiten irritierend. Doch für die Gegenwartskunst leistet sie ähnlich Geniales, wie es Gertrude Stein zu Beginn der Moderne in der Literatur vollbrachte sie erschafft eine völlig eigenständige Sprache, die immer gänzlich konkret und zugleich absolut transzendent ist.
Wer Genzkens Arbeiten verstehen will, sollte aufhören, nach Bedeutungen zu fragen, und einfach sehen. Wenn man den eingerüsteten Pavillon betritt und sich den formalen und assoziativen Verknüpfungen dieser Installation überlässt, kann man vielleicht einen inneren Science-Fiction-Trip erleben, der ebenso psychedelisch ist wie die letzte Todessequenz von Kubriks "2001 Odyssee im Weltraum" nur zeitgemäßer. Der atemberaubende Wahnsinn des "Oil-Zeitalters" ist bei Genzken bunt und hart wie die Trolleys, die EasyJet-Schalter verstopfen, reißfest wie eine Galgenschlinge im Iran, schnell wie eine Reflexion im Spiegel, süß wie Tierbabys in den Tausenden von Wissenssendungen, durch die sich Arbeitslose tagtäglich zappen. Allein für dieses gnadenlos moderne Kopfkino, das sie im Bewusstsein des Betrachters entfacht, verdient sie den Oscar, den sie sich in ihrer Installation vorausschauend selbst verliehen hat: "Bester Film des Jahres 2007, Isa Genzken".
2. Richard Prince, Upstate New York
Wie kann man in einer Welt voller Multiples einzigartig sein? Diese Frage, die bereits Walter Benjamin oder Andy Warhol beschäftigt hat, bringt niemand provokanter, verführerischer und distanzierter auf den Punkt als Richard Prince. Sein Austieg zum "King of Appropriation" begann mit einem Skandal, als er 1983 unter dem Titel
"Spiritual America" das Porträt der nackten vorpubertären Brooke Shields präsentierte. Das Bild ist zwar so heiß, dass es das Fotopapier, auf dem es gedruckt ist, fast verbrennt. Dennoch hatte es Prince nicht selbst geschossen, sondern lediglich einen Filmstill aus Louis Malles ohnehin schon skandalösem Film "Pretty Baby" abfotografiert. Neben diesem Porträt werden ab Oktober im Guggenheim Museum in einer gigantischen Werkschau all die abfotografierten Images und Konsumikonen zu sehen sein, die Richard Prince in drei Jahrzehnten aus der perfekten Werbewelt in die unperfekte Wirklichkeit zurückholte: die Westernlandschaften, Pin-up-Girls, Rennwagen und Hollywoodstars. Und natürlich die berühmten Marlboro-Cowboys. Die Retrospektive kommt gerade richtig. Denn mit Künstlern wie Wade Guyton, Seth Price, Josh Smith, Kelley Walker oder Nate Lowman steht gerade eine junge, digital arbeitende Szene am Start, die viel von Prince gelernt hat.
Jeff Koons, Platz drei
3. Jeff Koons, New York
Anfang Juni trat Jeff Koons in der Londoner Dependance von Gagosian mit seinen aktuellsten Großformaten an die Öffentlichkeit. Die "Hulk Elvis"-Show handelt von seiner neuesten visuellen Obsession: aufblasbaren Eseln, Hummern und eben Hulk-Figuren. Es ist wie bei jeder seiner Werkgruppen in den vergangenen beiden Jahrzehnten er sorgt für Verstörung mit der scheinbaren bonbonhaften Oberflächlichkeit seiner Kunst. Sie wirkt wie Zeitgeist, der verfliegt. Und dann bleibt sie doch hängen erst in den Reusen der Netzhaut und des Gehirns und dann in denen der Kunstgeschichte. Das rechtfertigt auch die enormen Preise, die schon jetzt für sein Werk bezahlt werden bis zu fünf Millionen Dollar etwa wie im Fall des "Balloon Dog" aus hochglänzendem rostfreien Stahl, der auch schon vor François Pinaults Palazzo Grassi in Venedig Wache hielt. Gerne als genuiner Warhol-Erbe bezeichnet, sieht sich Jeff Koons selbst mehr als der Erbe Salvador Dalìs. Wie Dalì kombiniert Koons paradox: sublimes Handwerk mit banalen Formen, supersaubere Oberflächen mit extrem schmutzigen Motiven, Ironie mit Ernsthaftigkeit.
John Baldessari, Platz vier
4. John Baldessari, Santa Monica
Eigentlich war er nie weg. Trotzdem sieht es so aus, als würde John Baldessari immer wieder neu entdeckt. Derzeit wird der 1931 in San Diego geborene Künstler mit Ehren überschüttet, seine Werke erzielen Rekordpreise auf internationalen Auktionen. Erst in diesem Frühjahr wurden für eine seiner Arbeiten 4,4 Millionen Dollar geboten. Ausstellungen wie im Frankfurter Portikus oder die großangelegte Werkschau "Music" in Bonn sind weitere Indizien für den aktuellen Baldessari-Boom. 2009 wird ihm die Londoner Tate Modern eine gigantische Retrospektive widmen.
Baldessari kombiniert in seiner Arbeit Konzept, Fotografie und Malerei. Wie er in plakativen, filmisch anmutenden Bildern den American Way of Life seziert, inspiriert die junge Polit-Pop-Szene mehr als die Triumphe figurativer Malerei. Kein Wunder, denn bereits in den Siebzigern zeigte er seinen Studenten am California Institute of the Arts in Los Angeles, dass Gesellschaftskritik die Veränderung unseres Umgangs mit medialen Bildern bedeutet. Mit Schülern und Fans wie Robert Longo, Richard Prince oder Cindy Sherman prägte er eine neue Generation, deren konzeptionelle Arbeiten in der repressiven Reagan-Ära einschlugen wie eine Bombe, weil sie verführerisch waren wie eine Billboard-Reklame und scharf wie ein Punksong. Doch seine Wirkung ist nicht nur indirekt: Auch nach fast drei Jahrzehnten haben Baldessaris eigene Arbeiten nichts von ihrem subversiven Witz verloren.
Gerhard Richter, Platz fünf
5. Gerhard Richter, Köln
Dass er nun auch auf dem internationalen Auktionsmarkt der teuerste lebende deutsche Künstler ist, ist nur eine Bestätigung jener Hierarchie, die kunstgeschichtlich ohnehin bereits etabliert ist: Gerhard Richter ist die Nummer eins der deutschen Kunst nach 1945 dahinter folgen Sigmar Polke, Anselm Kiefer und Georg Baselitz. In diesem Jahr jedoch steht Richters ehemalige Frau Isa Genzken auf dem vordersten Platz des Monopol-Rankings, da die Werke des Kölners Malers, die auf der Biennale in Venedig und auf der Documenta in Kassel zu sehen waren, für keine neue Werkphase oder Richtung im Werk Gerhard Richters stehen, sondern nur, auf allerhöchstem Niveau, das bisherige Urteil bestätigen: Mit singulärer Beharrlichkeit und subtiler, ungebrochener Variationslust erkundet der 75-jährige Richter durch die Janusköpfigkeit seiner Malerei seit Jahrzehnten gleichermaßen die Grenzen von gegenständlicher und abstrakter Kunst. Er hat damit, über alle malerische Virtuosität hinaus, den Zweifel an der Darstellbarkeit als zentralen Bildinhalt der Moderne etabliert. Wenn das kein unzweifelhafter Verdienst ist.
Damien Hirst, Platz sechs
6. Damien Hirst, London
Die Geschichte ist sattsam bekannt. Zusammen 1106,18 Karat haben die insgesamt 8601 Diamanten, mit denen Damien Hirst "For the Love of God" bestückte den lebensgroßen Platinschädel, der das Kernstück seiner jüngsten Ausstellung in der Londoner White Cube bildete. Der Materialwert dieser Skulptur liegt irgendwo zwischen 16 und 20 Millionen Dollar. Und wenn die veranschlagte Kaufsumme von 99 Millionen Dollar erreicht wird, spielt Hirst, zumindest preislich, schon zu Lebzeiten in einer Liga mit Picasso und Klimt. (Teuerster lebender Künstler ist er seit diesen Frühjahrsauktionen bereits.) Während Hedgefonds-Manager ihre Lofts mit Hirst-Werken bestücken, der Künstler seine Londoner Ateliers erweitert, um dort Galerien, einen Verlag und ein Restaurant einzurichten, möchte mancher nichts mehr hören von dieser säkularisierten Rankingwelt der Superlative. Ein frommer Wunsch. Denn Hirst ist bereits jetzt allmächtig. Als Businessartist folgt er der Maxime, dass die einfachsten Ideen die besten sind. Indem er das ultimative Symbol für Tod mit den ultimativen Symbolen für Luxus und Dekadenz verschmelzen lässt, schafft er Vanitas-Ikonen, in denen sich unsere kaputte Gesellschaft ebenso freudig widerspiegelt wie einst in den Werken Warhols.
Bruce Naumann, Platz sieben
7. Bruce Nauman, New Mexico
Eigentlich ist es ein Wunder, dass ein derart menschenscheuer, stilistisch nur schwer fassbarer Künstler sich seit Anfang der Neunziger durchgängig an der Spitze einschlägiger Kunstcharts hält. Und das ohne jede Unterstützung durch den Auktionsmarkt. Nicht nur für Sammler und Kuratoren, sondern auch für junge Generationen ist der inzwischen 66-jährige Bruce Nauman ein Gott, dessen auf Minimal und Konzept, Performance und Video basierende Kunst Maßstäbe gesetzt hat, an denen sich Künstler bis heute abarbeiten. Dabei konstruiert und erfindet er Situationen, in denen er seine eigene Wahrnehmung und die des Betrachters bis an die Grenzen der Belastbarkeit treibt.
Ende der Sechziger filmte er sich in "Stamping in the Studio", wie er isoliert im Atelier absurd reduzierte Aktionen ausführte: Er wippte in einer Zimmerecke hin und her oder maß den Raum in winzigen Trippelschritten aus. Referenzen an Naumans schmerzhaft selbstreflexiven Umgang mit Raum, Handlung und Körper lassen sich heute überall entdecken zum Beispiel auf der diesjährigen Venedig-Biennale in Arbeiten von Paolo Canevari oder Sophie Whettnall. Seine Objekte aus Neonbuchstaben wie "Run from Fear, Fun from Rear" haben etwa Tracey Emin und Francesco Vezzoli inspiriert. Jetzt ist im Rahmen der "skulptur projekte münster 07" seine Arbeit "Square Depression" zu sehen, eine riesige Pyramidenform, die sich kopfüber in den Boden bohrt und den Besucher unter freiem Himmel von der Außenwelt abkapselt. Obwohl die Skulptur schon 1977 entwickelt wurde, hat sie auch nach dreißig Jahren nichts von ihrer beklemmenden Kraft verloren. Sie ist, wie die meisten Werke Naumans, eine negative Bühne zur Selbsterfahrung.
Peter Doig, Platz acht
8. Peter Doig, Port of Spain, Trinidad
Zehn Millionen Dollar scheinen für ein Werk eines stillen, zurückgezogenen Malers wie Peter Doig eine ziemliche Menge Geld zu sein. Als sein 1990 entstandenes Gemälde "White Canoe" im Februar bei Sothebys für das Fünffache seines Schätzpreises verkauft wurde, wurde Doig augenblicklich in den erlauchten Kreis lebender Künstlerinnen und Künstler katapultiert, die auf Auktionen die höchsten Preise erzielen. Allerdings hat dieser Star der zeitgenössischen figurativen Malerei nicht den heroischen Status eines Richters oder Ruschas. Stattdessen beeinflusst sein gemessener Stil im Bereich der antihistorischen Malerei Generationen von Künstlern, die nordeuropäische Romantik mit Darstellungen des modernen Lebens kombinieren in seinem Fall gespeist aus Jugenderinnerungen an die kanadische Wildnis. Vor einigen Jahren ist Doig sogar in seine frühere Kindheit zurückgekehrt und nach Port of Spain in Trinidad zurückgezogen. Für den von ihm mitbegründeten StudioFilmClub malt er jede Woche ein Kinoposter. Es wäre jedoch falsch anzunehmen, er habe sich vollständig aus dem Kunstbetrieb zurückgezogen. Tatsächlich öffnet im Februar 2008 in der Tate Britain eine große Doig-Werkschau ihre Pforten, die im Sommer kommenden Jahres auch im Musée dArt Moderne in Paris zu sehen sein wird.
Louise Bourgeois, Platz neun
9. Louise Bourgeois, New York
Louise Bourgeois, zäh und smart, ist auch mit 95 Jahren die unangefochtene Grande Dame der Kunstwelt. Jenny Holzer sagte einmal über sie: "Wenn ich mir so anschaue, was als Beleg weiblicher Unterlegenheit gilt, dann liefert das Werk von Louise Bourgeois den perfekten Gegenbeweis." Von Mai bis November dieses Jahres findet im Storm King Art Center, dem Skulpturenpark nördlich von New York, eine fantastische Retrospektive ihrer Arbeiten statt, wobei Bourgeois riesige Spinne unter freiem Himmel Hof halten wird. Zuvor, im Oktober, wird ihr die Londoner Tate Modern eine gigantische Retrospektive widmen. Eine weitere Rolle, in der man sie kennt: die Salondame, die junge Künstler mit ihren Arbeiten zu sich einlädt. Obwohl sie zurückgezogener lebt und arbeitet als früher, sollte man sich in Acht nehmen: Louise Bourgeois ist streitlustig. Die Unerschrockenheit, die ihre Arbeiten und ihr Denken kennzeichnet, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich der potentiellen Sprengkraft menschlichen Handelns zutiefst bewusst ist. "Mich interessieren die Ambitionen der Menschen", sagt sie, "ihr enormer Drang, ihren Platz in der Welt zu verteidigen, etwas darzustellen, erfolgreich zu sein manchmal um jeden Preis." Genauso wie sie selbst.
Wolfgang Tillmans, Platz zehn
10. Wolfgang Tillmans, London
Wahrheit, Freiheit und "das Sein im Hier und Jetzt" nur wenige Künstler können ironiefrei und glaubwürdig die ganz großen Themen angehen, ohne am Ende vor Kitsch oder Pomp zu stehen. Wolfgang Tillmans ist so einer. Neuerdings arrangiert der Turner-Prize-Träger seine Fotos mit Zeitungsausschnitten, Büchern und Flyern auf Holztischen, die schwer tragen an den ihnen auferlegten Widersprüchen. Die Arbeiten des 1968 in Remscheid geborenen Künstlers vereinen scheinbare Gegensätze wie Nähe und Freiheit, Schönheit und Analyse, Politik und Metaphysik. Der Venustransit und Abstraktionen auf lichtempfindlichem Papier, ein nackter Mann auf der Couch und knospende Zweige vorm Fenster sieht man erst mit diesem Tillmans-Blick, tun sich Zusammenhänge auf. Früher dokumentierte der Wahllondoner, der nun mit Between Bridges einen Kunstraum in London betreibt, den Technoaufbruch; im neuen Jahrtausend erweist er sich als sorgsamer Erforscher fotografischer Repräsentation von Wirklichkeiten. Bei seinen jüngsten Aufnahmen von gefaltetem Fotopapier leuchtet der Bildträger selbst in rätselhafter Schönheit.