Künstlerhilfe Rau erzählt Märchen...
Berlin - Die Weltlage "weist alles andere als märchenhafte Züge auf", sagte ein vergrippter Johannes Rau zur Begrüßung. "Angesichts der Bilder, die sich eingebrannt haben, scheint nichts mehr so selbstverständlich wie zuvor", erklärte er vor dem Publikum, das aus geladenen und zahlenden Gästen aus dem Umfeld des Berliner Kulturbetriebs und Finanzwesens bestand.
Aber trotz vieler Selbstzweifel ließ Rau es sich nicht nehmen, seinem Amtssitz im Berliner Schloss Bellevue am Dienstagabend verkleideten Märchenfiguren und prominenten Märchenonkeln zu überlassen. Das märchenhafte Abendprogramm stiftete die Kulturstiftung der Deutschen Bank und dazu ein (dem Zeitgeist etwas widersprechendes) üppiges Büfett. "Wir müssen wachsam sein, aber dürfen nicht aufhören, ein normales, ziviles Leben zu führen", begründete Rau seinen Entschluss, die ungewöhnliche Aktion trotz der bedrückenden Weltlage durchzuführen, "sonst haben die gewonnen, die unsere Welt zerstören wollen".
Der Anlass war für Rau sichtlich eine Herzensangelegenheit. Nach seinen Worten hatte Berlins ehemaliger Kultursenator Stölzl die Idee entwickelt, Prominente könnten alte Märchen aus der Grimmschen Märchenschatulle vortragen, um unter Verzicht auf eine Gage dazu beizutragen, weniger wohlhabenden Künstlern Gutes zu tun. Diese Aufgabe stellt sich seit 1953 die Deutsche Künstlerhilfe, die der damalige Bundespräsident Theodor Heuss ins Leben gerufen hat - "zum Dank einer Kulturnation an ihre verdienten Künstler". Die bedürftigen Mittelempfänger werden jeweils von den Kultusministerien der Länder vorgeschlagen.
Zu deren Gunsten verwandelte sich der größte Saal im Schloss Bellevue in eine funkelnde Bühnendekoration mit der Aufschrift "Zweitausendundeine Nacht". Davor nahmen namhafte Kunst-Köpfe nacheinander Platz, um jeweils ein bekanntes Märchen vorzulesen.
Von Lüpertz bis Kollo
Die Bandbreite reichte vom Düsseldorfer Edel-Maler Markus Lüpertz, der "Der Wolf und die sieben Geißlein" vortragen durfte, bis hin zu Operettenstar Rene Kollo, der als hörbar begabtester Märchenonkel "Hänsel und Gretel" interpretierte. Namensgemäß trug daneben der Schriftsteller Peter Schneider "Das tapfere Schneiderlein" vor, außerdem versuchten die Sänger Patrick Lindner oder "Sasha" ihr Märchenglück. Einzig die Schriftstellerin Sigrid Damm sprengte den deutschen Kulturkreis, indem sie den selbst übersetzten Text "Jubmel, Batje und Nanna" erzählte. Wegen protokollüberschreitender Überlänge des Gesamtprogramms mussten bedauerlicherweise Christoph Hein und Volker Schlöndorff am Ende auf ihre Lesungen verzichten, so blieben die Märchenklassiker "Frau Holle" und "Dornröschen" dagegen ungehört.
Nur wenige Vorleser zeigten Mut, wenigstens ein klein wenig vom klassischen Märchentext abzuweichen, oder mit eigenen Worten Texte einzuordnen, so wie der Heidelberger Grafiker Klaus Staeck. "Im Märchen geht es immer nur um Gut und Böse", kommentierte er spitz, deshalb sei "das hier alles ziemlich zeitnah". Und der politische Karikaturist Dieter Hanitzsch traute sich bissig, seinen Vorlesetext "Rumpelstilzchen" als politisches Märchen zu deklarieren. Denn darin drehe es sich wie im wahren Leben, "um falschen Versprechungen auf Kosten anderer".
Ein solches falsches Versprechen seitens der Artisten deckte sogleich Johannes Rau auf. Moderatorin Carmen Nebel hatte einen Reigen "junger" Künstler angekündigt. "Wie sie mich in die Rubrik junge Künstler einordnen, bleibt ein Geheimnis des Abends", feixte der Bundespräsident, bevor er mit Bravour den Text der "Bremer Stadtmusikanten" las.