Kujaus vor Gericht Gefälschter Fälscher
Dresden - Soll noch einer sagen, die Postmoderne habe ausgespielt. Die Idee, dass sich heutzutage nichts Originelles mehr erschaffen und in Kunst und Literatur nur noch zitieren lässt, gehört zwar zu den arg strapazierten Gassenhauern der Kulturtheorie. Im Falle der gefälschten Kujaus aber wird das Konzept buchstäblich augenfällig. Wie sonst soll man den Schwindel deuten, mit dem eine 48-jährige Frau nun die Freunde von Fälschungen narrte? Bei der Dame wurden zahlreiche Bilder mit dem nachgemachten Signet des virtuosen Kunsttricksers Kujau entdeckt, wie heute ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur ddp erklärte.
Laut Polizei hatte sie die Bilder als "Originalfälschungen" deklariert. 500 in Fernost hergestellte Gemälde habe die Frau mit einem Kujau-Signet versehen und im Internet zum Verkauf angeboten. Nach bisherigen Ermittlungen sei dabei ein Schaden von mehr als 550.000 Euro entstanden. Man war durch die große Anzahl der im Internet verkauften Gemälde alarmiert worden. Eine Schülerin Kujaus, Gabriele Sauler, hat nach eigenen Angaben bereits im Oktober 2005 Anzeige gegen die Kujau-Fälscherin erstattet
Die gefälschte Fälschung: Die kunstsinnige Betrügerin machte Ernst mit der Einsicht, dass Authentizität auch nur eine Frage der Perspektive ist. Und wirft darüber hinaus schwierige Fragen auf: Wenn das Original eine Fälschung ist, welchen ontologischen Status hat dann die Fälschung der Fälschung? In welcher Verbindung stehen gefälschte Fälschung und Vorlage der Fälschung? Und ist der gefälschte Kujau nicht eigentlich ein Kujau höherer Ordnung? Ein potenzierter quasi, indem sich die verdoppelte Falschheit zur kreativen Echtheit verdichtet?
Die Dame selbst hatte sich aus professionellen Gründen ja auch schon dupliziert: Sie firmierte als Kujau-Nichte. Das ist schon ein gewagtes Spiel, das man sonst nur aus den literarischen Vexierspielchen eines Paul Auster kennt: den Fälscher selbst in die Fiktion hineinzuziehen und ihm eine neue Genealogie anzudichten.
Wer weiß: Vielleicht bestreicht schon der nächste Fälscher die Palette mit Farbe, um es mit den gefälschten Fälschungen der falschen Kujauerin bunt zu treiben. Die Leidtragenden sind am Ende die Ermittler: In der endlosen Kette der Kopien wird sich ihre Begriff von Original und Fälschung immer mehr auflösen.
Zurück bleibt ein Stück Geschichte: Kujau, der im Jahr 2000 starb, malte Kopien von Bildern bekannter Künstler wie Salvador Dali und Marc Chagall. 1983 wurde er durch einen Skandal berühmt: Der "Stern" druckte die von ihm gefälschten Hitler-Tagebücher ab. Kujau musste deswegen für drei Jahre ins Gefängnis - und tauchte als Kopie in der Kinosatire "Schtonk" von Regisseur Helmut Dietl wieder auf.
Daniel Haas, Anna Reimann