Kulturfestival "Tanz im August": Gemischtes Einzel - DER SPIEGEL
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Kulturfestival "Tanz im August" Gemischtes Einzel

Aus zwei mach eins: Beim Kulturfestival "Tanz im August" fällt bei einer zentralen Produktion einer von zwei Tanzstars aus - die Veranstalter zeigen die Inszenierung trotzdem, nun eben als Solo. Ein Wagnis.
Von Nora Reinhardt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sneaker statt Spitzenschuhe, Hose statt Tutu, Bügeln statt Pirouetten, Expression statt ästhetischer Perfektion, David Bowie statt Tschaikowsky: Das alles ist zeitgenössischer Tanz, und der wird beim größten und ältesten Tanzfestival Deutschlands seit dem gestrigen Freitagabend wieder in Berlin gezeigt, gefeiert, bestaunt, beklatscht.

Vergangenes Jahr, bei der 20. Auflage, lockte das Programm 22.000 Zuschauer, sicher auch dank des besonders stattlichen Jubiläumsetats, der es den Festivalmachern ermöglichte, viele große Namen einzuladen. Doch auch dieses Jahr listet der Spielplan einige internationale Tanzstars auf: Israel Galván, Salia Nï Seydou - und Louise Lecavalier, die weltbekannte Tänzerin von Lalala Human Steps. Doch nun das!

Seit Donnerstagnacht ist auf der Festival-Homepage zu lesen, dass die Vorstellung mit Louise Lecavalier aus "wichtigen privaten Gründen in abgeänderter Version" gezeigt werden muss - nämlich ohne sie. Aufgrund eines Todesfalls in der Familie ist Lecavalier in ihre Heimat nach Kanada geflogen. Das Problem für die Produktion: Louise Lecavalier ist eine von nur zwei Tänzern in "Is you me".

Gemeinsam mit dem Tänzer und Choreografen Benoît Lachambre wollte die Tanzvirtuosin sich in einem Vier-Sparten-Gesamtkunstwerk mit Tanz, Musik, Grafik und Video der Frage nähern: "Is you me" - Bist du ich? In dem Zwei-Personen-Stück fehlt nun also eine entscheidende Person: das Gegenüber, das "you". Kann das funktionieren?

Gemischtes Einzel

Ja, meint die 34-jährige Kuratorin Pirkko Husemann, die die Hiobsbotschaft bereits verdaut zu haben scheint. Benoît Lachambre wird ohne seine Partnerin tanzen. "Ich vertraue einfach darauf, dass ihr Fehlen durch andere Einfälle kompensiert wird."

Auch in Wien vor ein paar Tagen konnte Lecavalier nicht tanzen - von den Veranstaltern des ImPulsTanz-Festivals habe man aber nur gutes Feedback gehört, keiner habe seine Karte zurückgegeben. "Man kann es auch so sehen: Nur in Wien und Berlin wird diese Aufführung so gezeigt, dann nie mehr." Keine Angst vor dem Scheitern der Produktion? "Nein, Benoît ist ein Virtuose der Improvisation."

In der ursprünglichen Inszenierung, die beide gemeinsam erarbeitet haben (auch einer der Gründe, warum auf eine Zweitbesetzung im vorhinein verzichtet wurde), gibt es folgende Szene: Louise Lecavaliers Oberkörper ist hinter einer halbhohen, weißen Rampe zu sehen. Blonde Zöpfe, ein Kapuzenpulli.

Sie fasst an ihre Füße, die in Turnschuhen stecken, liebkost sie - und plötzlich werden die Beine immer länger. Der Überraschungsmoment: Sie streichelt die Beine ihres Mitspielers Lachambre, dessen Oberkörper nun hinter der Rampe auftaucht - ein Vexierspiel, das die Frage des Titels präzise und poetisch einkreist: Bist du ich? Wie viel von dir steckt in mir? Wenn ich dich streichle, zu welchem Anteil streichle ich mich selbst?

Bewegende Projektionen

Auf diesen Überraschungsmoment werden die Zuschauer verzichten müssen, auf andere nicht. Denn nicht nur die beiden Tänzer stehen im Mittelpunkt der Inszenierung, gleich großen Anteil haben zwei andere Künstler: Hahn Rowe und Laurent Goldring.

Der New Yorker Musiker Hahn Rowe, der bereits mit R.E.M., Moby und Antony and the Johnsons zusammengearbeitet hat, hat das Musikkonzept erstellt und liefert live - und das ist nun der große Vorteil - elektronische Musik, die er individuell an die veränderte Situation anpassen kann.

Der französische Visualist und bildende Künstler Laurent Goldring zeichnet - ebenfalls in Echtzeit - Krickelkrackel-Zeichnungen, die auf die Rampe projiziert werden. Neue Charaktere kommen so hinzu, mit denen der Tänzer Lachambre interagieren kann.

Außerdem gibt es digitale Projektionen wie einen Pixelregen aus auf- und abspringenden Herzen, Zahlen und Punkten, die eine Animationsfilm- oder Videospielästhetik erzeugen. Optisch scheint das experimentelle Projekt also gesichert zu sein. Aber inhaltlich? "Bist du ich?" - die Frage ist offen.


"Is you me" von Par B.L. Eux: 17. und 18. August, 19.30 Uhr, Akademie der Künste, Hanseatenweg, Berlin, mit vorherigem Einführungs-Workshop von Maren Witte ab 17.30 Uhr.

Festival Tanz im August . 14. bis 30. August im Podewil, Hebbel am Ufer, Akademie der Künste, Halle Tanzbühne Berlin, Haus der Berliner Festspiele, Radialsystem V, Sophiensaele. Karten-Tel. 030/25 90 04 27.