Kulturgüter-Rückgabe: Kaczynski-Berater kritisiert Beute-Begriff - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kulturgüter-Rückgabe Kaczynski-Berater kritisiert Beute-Begriff

Die Lage im deutsch-polnischen Streit um die Rückgabe von Kulturgütern, die nach dem Krieg nach Osten verlagert wurden, ist angespannt genug, jetzt meldet sich der polnische Präsidentenberater Cichocki zu Wort - und empört sich über die Beute-Rhetorik der Deutschen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Von Rückgabe kann keine Rede sein. Marek Cichocki, Berater des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und Direktor des Europäischen Zentrums Natolin in Warschau, hat deutsche Restitutions-Forderungen zurückgewiesen. Er sei der Ansicht, dass etwa Bestände der früheren preußischen Staatsbibliothek an ihrem jetzigen Standort in Krakau bleiben sollten "und nicht in Breslau oder in Berlin, wie man sich das in Deutschland lieber vorstellen würde", sagte Cichocki im Deutschlandfunk. Warschau sei der Auffassung, die Kulturgüter hätten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen befunden, "und die wurden nicht von den Polen hierher gebracht. Status quo ist, dass diese Güter sich jetzt auf dem polnischen Territorium befinden."

Zu den umstrittenen Kulturschätzen zählen unter anderem Nachlässe Johann Wolfgang von Goethes und Manuskripte Wolfgang Amadeus Mozarts und Johann Sebastian Bachs, aber auch der Text des "Liedes der Deutschen" in der Handschrift seines Verfassers August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Sie waren zum Schutz vor Bombardierungen während des Krieges auf heute polnisches Gebiet ausgelagert worden.

Scharfe Kritik übte Cichocki an Begriffen wie "Beute" oder den "letzten Kriegsgefangenen", die der deutsche Unterhändler Tono Eitel für Kulturgüter in polnischem Besitz verwendet hatte: "Das ist wirklich unakzeptabel, wenn man so eine Sprache benutzt, besonders gegenüber Polen", sagte Cichocki. Eitels jüngste Artikel und Äußerungen hätten "sehr viel dazu beigetragen", dass dieses Problem "jetzt viel schwieriger" zu lösen sein werde als zuvor. Eitel verhandelt im Auftrag der Bundesregierung über die Rückführung deutscher Kulturgüter aus dem Osten.

Cichocki kritisierte "ein selektives Vorgehen auf der deutschen Seite". Nur Polen werde - anders als beispielsweise Russland - von der Rückführungsdiskussion in dieser Weise getroffen. Er habe nicht gehört, dass in Russland verbliebene Kulturgüter "als letzte Gefangene des Zweiten Weltkrieges bezeichnet worden sind oder als Beute", betonte er.

Er sei der Auffassung, dass die in Polen verbliebenen Bestände der Bibliothek durch ihr spezifisches Schicksal und ihre Geschichte zu europäischem Kulturerbe geworden seien: "Selbstverständlich sollten die Sammlungen dieser Staatsbibliothek offen sein für jeden, also auch für die Forscher und Interessierten aus Deutschland und anderen EU-Ländern." Er sei aber "strikt dagegen, diese Frage nur so national zu verstehen". Auf die Frage, ob Fallerslebens "Lied der Deutschen" auch geistiges Eigentum der Polen sei, antwortete Cichocki, er habe "nichts dagegen, dass gerade dieser Text dem deutschen Partner unter bestimmten Umständen zurückgegeben wird".

bor/AFP

Mehr lesen über