meinung •Kulturkampf Deutschlands religiöse Obsession
Pegida-Kundgebung in Dresden
Foto: Arno Burgi/ dpa"Allahu-Akbar! Ungläubiger, du musst jetzt sterben." Jetzt, so war wohl die erste Reaktion vieler auf das Messerattentat von Grafing, ist es also so weit: Der islamistische Terror, der seine blutige Spur durch Europa zieht, ist bei uns angekommen.
Die Rufe des Attentäters sind indes kaum als Bekenntnis zum Islam oder Islamismus zu werten, sondern der perverse Ausdruck einer religiösen Obsession, die viele Deutsche ergriffen hat. Es war schon immer ein starkes Motiv, seinen Privatwahn religiös zu verbrämen und davon inspirierte Taten zur gottbefohlenen Glaubenshandlung zu stilisieren.
Tatsächlich sind die Übergänge zwischen Wahn und extremer Religionsausübung fließend. Was immer die Tatmotive des Verwirrten sein mögen, er hat die Wirkung seines mörderischen Auftritts - und damit sich selbst - dadurch vergrößert, dass er das gesteigerte Angstpotenzial aufgriff, das sich im Land ausgebreitet hat. Ein Potenzial, das erstmals seit 300 Jahren religiös konnotiert ist.
Christian Schneider, Jahrgang 1951, ist Kulturwissenschaftler und Politologe, der im Spannungsfeld von Soziologie, Sozialpsychologie und Psychoanalyse forscht. Er gilt als Begründer der Disziplin "psychoanalytische Generationengeschichte" und veröffentlichte zahlreiche Bücher, u.a. über die Generationengeschichte des Nationalsozialismus. 2009 wurde sein Film "Herrenkinder" über die NS-Eliteschule Napola bei den Hofer Filmtagen uraufgeführt.
Angesichts der aktuellen Diskussion über die Rolle des Islam in Deutschland, die im Schatten der medial dauerpräsenten Gräueltaten von IS und Boko Haram stattfindet und propagandistisch mit der verstärkten Einwanderung aus islamischen Ländern verknüpft wird, verändern sich die Angstinhalte. Und nicht nur sie. "Religion", sagte der Philosoph und Psychologe William James vor mehr als 100 Jahren, "ist die Gesamtreaktion eines Menschen auf das Leben." Also nicht in erster Linie eine Sache des Verstandes, sondern des Gefühls, der durch Ängste, Hoffnungen und Leidenschaften geprägten Persönlichkeit jedes Einzelnen.
Die Debatte über die vermeintliche "Islamisierung Deutschlands" hat Facetten, die tief ins kollektive Selbstgefühl der Deutschen reichen. Angesichts der weitgehenden Auflösung traditioneller Milieus und der schwindenden Kohäsionskraft nationaler Identitätsentwürfe ist es kein Wunder, dass sich dabei religiöse Gefühle zurückmelden. Nicht in Form expliziter Glaubensbekenntnisse oder einer Renaissance kirchlichen Engagements, sondern im Zeitalter der Globalisierung eher in einer perversen Komparatistik: Welche Religion hat mehr "Gefühlspower"? Sind wir christlich Geprägten, verglichen mit dem ungeheuren Emotionspotenzial, das in den islamistischen Exzessen zum Ausdruck kommt, nicht automatisch auf der Verliererseite in der globalen Auseinandersetzung? Fehlt unserer säkularen, von religiösen Kraftquellen weitgehend abgeschnittenen Gesellschaft nicht etwas Entscheidendes im "Kampf der Kulturen"?
Die Sehnsucht nach der prämodernen Ordnung
Eine Stimme unter vielen: "Hand aufs Herz: Es sind nicht nur Angst und Schrecken, die uns die Bilder leidenschaftlicher religiöser Ausbrüche in der arabischen Welt einflößen. Gewiss, die Distanz ist groß und unverständlich sind uns Geißelungszeremonien, mit denen Hunderttausende einen Imam feiern (...). Doch es sind eben auch Bilder ekstatischer Hingabe, religiöser Inbrunst und damit das Gegenteil dessen, was unsere eigene Religion im Abendland ausmacht."
So Alexander Gauland in einem Interview des Deutschlandradios. Damals, vor 12 Jahren, meinte er in der "heißen" islamischen Glaubenskultur ein Antidot gegen die Kälte der entzauberten westlichen Welt entdeckt zu haben: Das "Credo von der fortschrittlichen Säkularisierung", so mahnte er, sei zu überdenken.
In gewisser Weise hat er damals die grundlegende Schizophrenie seiner heutigen Partei offengelegt. Der aggressive Traditionalismus der AfD funktioniert nicht ohne das Gefühlsangebot, das am intensivsten durch religiöse Bindung erzeugt werden kann. Der Masterplan, das - nicht zuletzt grundatheistische - "68er-Deutschland" wieder auf Werte einzuschwören, die Gefühle von Erwähltheit und zweifelsfreier Sinnfülle wecken und damit eine emotionale Gewissheit schaffen, die das alle Parteien plagende Problem der "inneren Sicherheit" auf eine spirituelle Ebene hebt, geht nur auf, wenn er etwas von dem aufnimmt oder kopiert, was der politische Islam in radikaler Weise demonstriert.
Die Sehnsucht antisäkularer Konservativer nach einer prämodernen Ordnung von festen Sinngehalten und primordialer Gemeinschaft, die "ekstatische Hingabe" und "religiöse Inbrunst" ermöglicht, bringt sie zwangsläufig in die Spur dessen, was sie bekämpfen. Die heimliche Gefühlsgemeinschaft von durchgeknallten Modernisierungsverlierern und Spätkonservativen wird durch die Obsession des Religiösen gestiftet, die mittlerweile untergründig den politischen Diskurs hierzulande bestimmt. Sie gehört, ob islamisch oder christlich motiviert, definitiv zu Deutschland.