Kulturmanager Scheytt kritisiert Freihandelsabkommen - DER SPIEGEL
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Kulturmanager Scheytt: Gefahr für Europas Kultur

Foto: Friso Gentsch/ picture alliance / dpa

Kulturpolitiker Scheytt "Bald beantragt Hollywood deutsche Filmförderung"

Er ist Peer Steinbrücks Mann fürs Feingeistige, doch Oliver Scheytt kann auch grob. Im Interview wettert das Mitglied im SPD-Schattenkabinett gegen das Freihandelsabkommen mit den USA. Er fürchtet den Niedergang des deutschen Kulturstaats - und den aggressiven Kulturkapitalismus aus Amerika.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Team von Peer Steinbrück für Kultur zuständig - ein Thema, das kaum eine Rolle spielt im Wahlkampf. Wie motiviert man sich da?

Scheytt: Ich bin hochmotiviert. Ich will dazu beitragen, dass Kulturpolitik auf der Bundesebene eine größere Beachtung findet. Deutschland ist ein Kulturstaat, und Kulturpolitik hat nicht nur eine Bedeutung für das Land nach innen, sondern auch für unsere Repräsentation in der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Sie warnen davor, dass das Freihandelsabkommen, das derzeit zwischen Europa und den USA verhandelt wird, unsere kulturelle Vielfalt gefährdet. Wie kommen Sie darauf?

Scheytt: Was wir gerade in der Datenaffäre erleben, ist nicht nur eine Frage von Freiheit und Sicherheit, sondern zutiefst auch eine Frage der Werte und der Kultur, des Wissens und der Information. Die US-Medienmultis schöpfen Ideen und Kreativität ab, indem sie Datenspeicher zur Verfügung stellen, in die wir unsere Informationen eingeben. Das sind die Rohstoffe des 21. Jahrhunderts. Wer im mentalen Kapitalismus über das Wissen verfügt, prägt Haltungen und Kulturen. Das Freihandelsabkommen würde die US-Dominanz noch verfestigen.

SPIEGEL ONLINE: Was sehen Sie denn konkret in Gefahr?

Scheytt: Wenn die Kultur nicht aus dem Freihandelsabkommen ausgenommen wird, können wir unsere kulturelle Identität nicht mehr so fördern, wie wir es gewohnt sind. Museen, Theater, der Buchmarkt - so ziemlich alles wäre betroffen. Die Buchpreisbindung dürfte fallen, die öffentliche Förderung von Institutionen auch. Und Hollywood wird dann bald deutsche Filmfördergelder beantragen. Wir müssen unsere Werte schützen. Die Bundesregierung versagt an dieser Stelle. Sie lässt zu, dass die Kultur zu einem reinen Produkt verkommt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein wenig arg eurozentrisch. Warum soll unsere vermeintliche Hochkultur denn die einzig richtigen Werte transportieren?

Scheytt: Ich sage nicht, an der europäischen Kultur soll die Welt genesen. Aber wir erleben tagtäglich, dass überall auf der Welt unsere kulturellen Werte geschätzt werden. Ob die Bilder, die in Europa entstanden sind und jetzt in Asien und Amerika in Museen hängen, oder unsere Musik, die in den großen Sälen der Welt gespielt wird. All dies gehört zu unseren Schätzen. Ich wehre mich dagegen, unsere Kultur zu einer reinen Ware von Handel und Dienstleistungen werden zu lassen. Wir sollten sie nicht einem Mainstreaming nach amerikanischer Manier unterwerfen, sondern unsere kulturelle Vielfalt stärken.

SPIEGEL ONLINE: Aber wäre das Freihandelsabkommen nicht auch ein leichter Weg, um unsere Kultur in den USA populärer zu machen?

Scheytt: Es ist eine völlig naive Vorstellung, dass wir angesichts des Marktvorsprungs etwa der amerikanischen Filmbranche mit dem europäischen Film auch nur annähernd konkurrieren könnten. Wir sind zu schwach auf diesem Feld. Der Markt hat hier längst für eine Bereinigung gesorgt. Wenn wir dieses Szenario auch auf andere Bereiche übertragen, die Musikwirtschaft oder die Theaterkunst, werden wir künftig eben immer mehr Musicals sehen und immer weniger Inszenierungen von Ensembletheatern.

SPIEGEL ONLINE: "Traumschiff", "GZSZ" und "Kokowäh" - unsere Film- und Fernsehwirtschaft könnte eine Qualitätsspritze aus den USA doch ganz gut vertragen.

Scheytt: Ja. Aber der strukturelle Nachteil besteht allein schon in der Sprache. Amerikanische Filme werden automatisch auf Englisch gedreht. Der europäische Film lebt von der Sprachenvielfalt, sie gehört zu unserer Identität. Wird die Zusammenarbeit verstärkt, kommt man schnell in Schwierigkeiten. In welcher Sprache, mit welchen Schauspielern soll der Film, soll die Serie gedreht werden?

SPIEGEL ONLINE: Bei der Kulturfinanzierung haben die USA einen anderen Weg eingeschlagen als wir. Dort wird viel über Stiftungen, Privatpersonen oder Unternehmen gefördert, und das funktioniert in vielen Bereichen ganz gut. Warum soll das eine Gefahr sein?

Scheytt: Dieses System hat scheinbar ganz gut funktioniert bis zur Finanzkrise. Als die Märkte zusammenbrachen, wurde in den USA eine Kultureinrichtung nach der anderen geschlossen. Selbst größere Einrichtungen haben einen erheblichen Schaden erlitten. In den Vereinigten Staaten sind viele Kulturinstitutionen abhängig von der Lage der Banken. Wenn ich mir das amerikanische Modell für uns vorstelle - ein Schreckensszenario.

SPIEGEL ONLINE: Können wir denn im Kulturbereich gar nicht lernen von den Amerikanern?

Scheytt: Wir können lernen, wie wir Kulturangebote besser vermarkten. Wenn das New Yorker MoMa in Berlin eine Ausstellung macht und es kommen über eine Million Menschen, steckt dahinter auch geschicktes Marketing. In der Ökonomie der Aufmerksamkeit ist Vermittlung sehr viel wert. Aber das heißt nicht, dass wir Inhalte einfach freigeben. Schon jetzt sind doch bizarre Entwicklungen zu erleben.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Scheytt: Die Bildagentur Getty Images digitalisiert zum Beispiel die Bestände deutscher Museen, und wir müssen nachher fragen, ob wir sie in unseren Katalogen abdrucken dürfen und die entsprechenden Lizenzgebühren bezahlen. Durch ein Freihandelsabkommen würden solche Entwicklungen massiv verstärkt.

Das Interview führte Veit Medick