Kulturnation Estland: Russisches Roulette - DER SPIEGEL
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Kulturnation Estland Russisches Roulette

Eigentlich könnte das kleine Volk der Esten zufrieden sein: Seit 16 Jahren ist es wieder unabhängig, pflegt seine Sprache und Kultur und wird sogar von der EU gefördert. Wenn da bloß nicht der Schatten des "russischen Imperialismus" wäre, der über der ehemaligen Sowjetrepublik liegt.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn die Sonne über Tallinn scheint, was auch im Sommer nicht so oft vorkommt, packen Leena, Enno und Meelis ihre Notenblätter und Instrumente ein und machen sich auf den Weg ins Café Pierre, gelegen in einem Hinterhof im historischen Zentrum der Stadt. Eine Seite des Hofes wurde schon restauriert, an der anderen wird noch gearbeitet.

Nur mit viel Phantasie kann man sich vorstellen, dass aus der Ruine hinter dem Café Pierre das Gästehaus "Hortensia" werden soll. Alle Gebäude, sowohl die baufälligen als auch die wiederhergestellten, stammen noch aus der Zeit als Tallinn Reval hieß und eine Hansestadt war, in der deutsche Kaufleute den Ton angaben. Heute wird in Tallinn noch immer Deutsch gesprochen, aber es sind nur deutsche Touristen, die nach dem Preis der Schmuckstücke aus Bernstein fragen, die in den vielen Souvenirläden angeboten werden.

Auch Leena, Enno und Meelis pflegen eine deutsch-österreichische Tradition, die in Deutschland aus der Mode gekommen ist. Sie spielen Caféhaus-Musik - "Bel Ami", "An der schönen blauen Donau", ein Potpourri aus der "Csardasfürstin". Meelis, der älteste im "Salon Trio", hat schon Musik gemacht, als Tallinn noch Hauptstadt der Sozialistischen Sowjetrepublik Estland war, Leena gibt auch Musik-Unterricht, und Enno, der Jüngste, hat soeben das Konservatorium beendet. "Wir spielen überall, wo man uns haben will", im Café Pierre, auf Hochzeiten und Betriebsfesten.

"Man konnte entweder Lehrer oder Spion werden"

Und während auf dem Marktplatz Kunsthandwerker für die Touristen Mittelalter spielen und eine Hare-Krishna-Gruppe singend durch die Innenstadt zieht, überlegt sich Mati Sirkel, ob er ein Kapitel aus der "Strudelhofstiege" von Heimito von Doderer zu Ende übersetzen oder ins Deutsche Kultur-Institut gehen soll, um dort ein paar Zeitschriften zu lesen. Aber das Wetter ist zu schön, um die Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen, also entscheidet sich Mati Sirkel auch für das Café Pierre, wo es nicht nur selbstgebackenen Kuchen, sondern auch italienischen Wein gibt.

"Es war ein großes Geschenk und ein Privileg, aus der Nähe erleben zu dürfen, wie eine Nation wieder erwacht", sagt Sirkel, nachdem er einen Pinot Grigio bestellt hat, "nach 50 Jahren Leben in Schmutz und Verlogenheit, vergessen und verraten von der zivilisierten Welt". Sirkel, 1949 in Paide geboren, hat nach Schule und Abitur deutsche Philologie an der Universität von Tartu studiert und seine Diplomarbeit über den Einfluss des deutschen Expressionismus auf die estnische Dichterin Maria Under geschrieben. Die Leute, die sich damals mit deutscher Sprache und deutscher Literatur beschäftigten, galten als "Verrückte" ohne Aussichten auf ein Auskommen. "Man konnte entweder Lehrer oder Spion werden, beides wurde schlecht bezahlt und war nicht gut angesehen."

Nichts als Potter und Pilcher

Sirkel wurde freier Übersetzer und übersetzte alles in Estnische, was gerade benötigt wurde: Gebrauchsanweisungen für Küchengeräte, Abhandlungen zur Landwirtschaft, Handbücher für Handwerker und Techniker. Damit konnte er sich über Wasser halten. Und "um nicht zu verblöden", las er Hölderlin und Kleist, Rilke und Musil. "Am längsten habe ich mich mit Kafka beschäftigt." Damals gab es in Estland nur einen einzigen Buchverlag, "Das Estnische Buch", der an literarischen Übersetzungen interessiert war. Von Musils "Mann ohne Eigenschaften", den Sirkel in zweijähriger Arbeit ins Estnische übertragen hatte, wurden 800 Exemplare aufgelegt und 400 verkauft. Kaum erfolgreicher waren "Die Blechtrommel" und "Katz und Maus" von Grass. "Es gibt bei uns keinen Markt für ausländische Literatur, außer für Harry Potter und Rosamunde Pilcher."

Als 1990 die "allgemeine Anarchie" (Sirkel) ausbrach, kam es immerhin zur Gründung eines freien Schriftstellerverbandes, dem inzwischen 300 estnische Autoren, Kritiker und Übersetzer angehören. Das ist nicht wenig bei einer Bevölkerung von rund einer Million. 14 Jahre, von 1990 bis 2004, war Sirkel Sekretär, beziehungsweise Vorsitzender des Verbandes, er konnte ins Ausland reisen und Kollegen kennen lernen, die er bis dahin nur vom Namen kannte: Cees Noteboom, Christoph Hein und die Dichter vom Prenzlauer Berg.

"Jetzt werden die Spielregeln in Brüssel gemacht"

Jetzt verbringt Sirkel die meiste Zeit wieder in seiner kleinen und fernseherlosen Dachgeschosswohnung im Zentrum von Tallinn, schreibt Vor- und Nachworte und übersetzt Werke von Heimito von Doderer und Robert Walser. Rückblickend tut es ihm leid, "dass ich in den letzten Jahren kein Tagebuch geführt habe, wir hatten nicht genug Phantasie, um uns den Kapitalismus auszumalen". Es sei alles viel zu schnell gegangen. "Wir hatten keine Wahl, wir mussten uns dem großen Strom anschließen. Früher wurde alles in Moskau entschieden, jetzt werden die Spielregeln in Brüssel gemacht."

Natürlich kommt aus Brüssel auch das Geld, mit dem die estländische Wirtschaft bezuschusst und die primäre Akkumulation des Kapitals ermöglicht wird. Es gibt auch Töpfe, aus denen Kulturprojekte gefördert werden, zum Beispiel die Übersetzungen von Literatur ins Estnische. Und deswegen schaltet Mati Sirkel gleich einen Gang zurück: "Ich weiß, die Vergleiche hinken auf beiden Füßen, es ist mehr eine Gefühlsache."

Wie viele Esten hat auch Sirkel das Gefühl, dass die neue Unabhängigkeit nicht allen gleichermaßen zugute gekommen ist. "Es gibt bei uns viel mehr Reiche als vor 1991, aber auch viel mehr Arme." Vor allem die Alten und die Rentner seien regelrecht "geopfert" worden, während die Jungen und die Smarten die historische Gelegenheit nutzten, "schnell reich zu werden". Doch alles in allem, gibt Sirkel zu, "lagen wir mit den meisten politischen Entscheidungen der letzten Jahre richtig", dann bestellt er noch ein Glas Pinot Grigio und holt sich eine neue Packung Marlboro, denn aus der Alkohol- und Tabaksteuer wird die estnische Stiftung "Kulturkapital" finanziert, die ihrerseits Autoren und Übersetzer fördert. "So helfe ich mir selbst."

"Was der russische Bär einmal hatte, gibt er nicht wieder her"

Und so könnte Mati Sirkel mit sich und seinem Leben in Freiheit und relativem Wohlstand zufrieden sein, wenn nur nicht der lange Schatten des "russischen Imperialismus" über Estland läge. "Die Russen können es uns nicht verzeihen, dass wir uns von ihnen losgelöst haben. Sie denken, ein freies Estland ist ein Witz, und warten nur darauf, dass wir kollabieren."

Das wiederum klingt wie ein Witz, denn was soll es 140 Millionen Russen stören, wenn eine Million Esten ihren eigenen Weg gehen? "Es geht ums Prinzip, was der russische Bär einmal hatte, das gibt er nicht wieder her", sagt Sirkel und kommt auf "die Russen" zu sprechen, die in Estland leben, rund 300.000 von insgesamt 1,4 Millionen Einwohnern des Landes. Einige hätten die estnische Staatsbürgerschaft angenommen, andere ihre russischen Pässe behalten, manche seien Staatenlose, aber alle, sagt Sirkel, bilden eine "eigene Gesellschaft" und verhalten sich "loyal gegenüber Moskau".

Als Ende April ein sowjetisches Kriegerdenkmal aus der Innenstadt von Tallinn an den Stadtrand verlegt wurde, ließen es "die Russen" auf eine Kraftprobe ankommen. "Sie demonstrierten und randalierten, warfen Schaufenster ein und plünderten die Geschäfte. Und jedem von uns war klar, wo die Drahtzieher sitzen." Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, kam aus Moskau eine Delegation der Duma angereist und verlangte von der estnischen Regierung, sie sollte zurücktreten.

"Schreiben Sie das! Das haben die Zeitungen im Westen nicht berichtet!", empört sich Sirkel, "alle haben den Esten die Schuld gegeben." Auch Angriffe auf das Internet, das von über 90 Prozent der Esten benutzt wird, seien von Moskau gesteuert gewesen. "Die versuchen alles, um uns zu destabilisieren."

Das hört sich wie eine Verschwörungstheorie an, aber Sirkel ist nicht der Typ des Paranoikers, der vor Gespenstern davon läuft. Er kann sich noch gut an die Zeit vor 1991 erinnern, als die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik von Esten regiert wurde, die ihre Anweisungen von Moskau bekamen. Dass Estland seit 2004 der EU und der Nato angehört, findet er beruhigend, aber er macht sich keine Illusionen. "Wenn es wirklich darauf ankäme, würde uns niemand helfen. Mit Russland will sich keiner anlegen."

Inzwischen hat das "Salon Trio" die Noten gewechselt. Leena, Enno und Meelis spielen jetzt die Ouvertüre zu "Zar und Zimmermann".

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