Kunst an der Karre: Tiefgefrorener BMW - DER SPIEGEL
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Kunst an der Karre Tiefgefrorener BMW

Der Lack ist ab: Der dänische Künstler Olafur Eliasson stellt im Museum einen gefrorenen BMW H2R in einen begehbaren Kühlschrank, Künstler wie Richard James und Bless ziehen Autos Jeans oder Haute-Couture-Kleider an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So kalt war es noch nie in einer deutschen Museumsausstellung. Denn um das "Your mobile Expectations: BMW H2R project" von Olafur Eliasson in der Münchner Pinakothek der Moderne anzusehen, muss man einen minus zehn Grad kalten Riesenkühlschrank betreten. Darin steht dann das gürteltier-ähnliche Objekt: der von BMW entwickelte, wasserstoffbetriebene Rennwagen H2R, überzogen mit einer dicken Eisdecke. Und weil so mancher Besucher zweifelt, ob unter dem Eis wirklich ein Auto ist, krabbeln Skeptiker schon mal auf den ausgeteilten Wolldecken auf den Knien herum, weil sie zwischen der gefrorenen Karosserieersatzhülle das "echte" Auto zu entdecken versuchen. Zwei, drei Schlitze gibt es, durch die man den Steuerknüppel sehen kann oder den überfrorenen Sitz erahnt.


Solche Aktionen um die angetauten Gucklöcher herum zeigen Eliassons geistige Unterfütterung seines Kunstwerks: "Objekte können nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind stets Teil komplexer physischer und geistiger Beziehungen, sie verändern sich im jeweiligen Kontext und sind von den Werten und Erwartungen ihrer Benutzer abhängig." Sie sind sogar von der Temperatur der Besucher abhängig, denn die strahlen so viel Wärme aus, dass das Kunstwerk schon mal stellenweise ein bisschen tropft und ungeplante Gucklöcher eröffnet.

Aber es geht dem Künstler noch um vieles mehr: um "Wahrnehmung, Mobilität, Temporalität und erneuerbare Energien sowie das Verhältnis zwischen Autoproduktion und globaler Erwärmung". Und um Poesie, Kraft und Geschwindigkeit oder die "tiefgreifenden Auswirkungen von Kunst und Design in ihren zeitgenössischen gesellschaftlichen Zusammenhängen".

Das haben Künstler früher lockerer gesehen. Seit der Autohersteller BMW 1965 "hochentwickelte Technik und Kreativität" zusammenbringen wollte, haben viele Künstler die Karossen bemalt oder besprayt. Und die meisten wollten ihre Arbeit nicht überinterpretieren wie z.B. Frank Stella, der sein "Farbmuster als sympathisches Dekor" verstand. Roy Lichtensteins interpretierte seine gemalten Linien als Straße, die dem Auto zeigt, "wo es langgeht".

Mit ähnlichem Unernst, Humor und Leichtigkeit haben sich in diesem Frühling sechs Modedesigner mit dem Thema Auto beschäftigt. "Car Cover" zu entwerfen, war die Aufgabe, die das Journal "Intersection" ihnen gestellt hatte. Ksubi, die australischen Kult-Jeans-Designer, haben ihrem Auto eine kantige Black Box übergestülpt, der Japaner Hiroki Nakamura, Creative Director von Visvim, hat eine Hülle aus Gore-Tex entworfen, deren Muster an amerikanische Quilts erinnert. Gequiltet hat auch der Amerikaner Adam Kimmel, aus dessen Autokleid genähte Arme und Beine herausragen. Das Modehaus Martin Margiela hat auf den Überzug das genaue Abbild des darunter verborgenen Alfas drucken lassen, sogar mit Nummernschild und Radschrauben, der Brite Richard James benähte den blauen Jeansüberzug mit graublauen Rädern, Lampen, Fenstern und dem Spoiler.

Und dann Bless. Die Berlinerinnen Ines Kaag und Desiree Heiss haben sich vorgestellt, dass man neuerdings sein Auto in die Wohnung mitnehmen kann und es dort als Möbelstück nutzt. Als Sofa beispielsweise oder um darauf zu schlafen. Eigentlich wollten sie es mit einem beigen Naturleder überziehen, aber weil sie ihr Auto-Cover wie ein Haute-Couture-Kleid anfertigen lassen wollten, war das zeitlich nicht zu machen. Jetzt ist das Autokleid aus anthrazitfarbener dicker Baumwolle ohne Beschichtung genäht und perfekt an jede Ausbuchtung und an jedes anmontierte Teil wie zum Beispiel Scheibenwischer oder Rückspiegel angepasst. Auf dem Alfa sitzt es wie ein Handschuh, aber, wie immer bei Bless, sind die Entwürfe auch anders zu nutzen. Zum Beispiel als Auto Cover ohne Auto drunter. Dann kann der Überzug ein Sitzmöbel in der Wohnung verdecken oder über einem Schaumstoffblock zur schlaffen Autokarikatur mutieren.

Vorstudien für ihren Entwurf haben Bless auch betrieben, und herausgekommen sind dienstbare, ferngesteuerte Automodelle, die sich in der Wohnung hin- und herdirigieren lassen. Eines ist mit Fell bezogen, ein anderes hat Pflanzen auf dem Dach, eines transportiert Bücher, einen Lautsprecher oder ein Tablett mit Schnittchen. Ein "work in progress" sei das, sagen die Bless-Macherinnen, und dass man mit weiteren Entwicklungen rechnen könne.

Die Bless-Entwürfe eignen sich jedenfalls als Bastelvorlage für alle, die noch ein fast vergessenes Modellauto im Schrank haben.


Olafur Eliasson "Your mobile Expectations: BMW H2R project". München. Pinakothek der Moderne. 29.5.-20.7 .

Auto-Cover  des Magazins "Intersection".

Homepage von Bless .