Kunst "Billige Eigenheime"
KulturSPIEGEL:
Frau Ferguson, Ihre Ausstellung im deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale 2004 in Venedig heißt "Deutschlandschaft - Epizentren der Peripherie". Was soll man sich darunter vorstellen?
Francesca Ferguson: Wir zeigen eine 80 Meter lange Fotocollage, die sich durch den ganzen Pavillon zieht: zersiedelte Vorstädte, verlassene Industriebauten, Gewerbehallen und Baulücken. In dieses Panorama eingebettet sind 38 Architektenbauten, die sich tatsächlich mit dieser Umgebung auseinander setzen.
KulturSPIEGEL: Sind 38 Vorort-Bauten denn repräsentativ für die deutsche Architektur?
Ferguson: Ja. Sie zeigen, dass Architektur in diesen Gebieten Veränderungen anstoßen kann.
KulturSPIEGEL: Schon ein originelles Wohn- oder Parkhaus soll das Gesamtbild verbessern?
Ferguson: Ein Architekt kann mit seinem Bau einen Gegenentwurf liefern, neue Materialien einführen, Perspektiven eröffnen, etwa Alternativen zum Billig-Eigenheimbau, in dem die Deutschen Meister sind. Wir hoffen, dass die Ausstellung die Peripherie mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt.
KulturSPIEGEL: Ist das nicht Aufgabe der Stadtplanung, also der Politik?
Ferguson: Auch. Man muss in den Ämtern über einengende Planungsrichtlinien und Bauvorschriften nachdenken. Es ist doch bedenklich, dass heute nicht Architekten, sondern oft Logistikfirmen Siedlungen und Gewerbegebiete planen und bauen.
KulturSPIEGEL: Woran liegt es, dass diese Entwicklung kaum öffentlich diskutiert wird?
Ferguson: Weil die Medien lieber über "Avantgarde-Architektenstars" berichten als über dieses komplexe Thema. In England dagegen gilt Architektur als interessantes Feld. Es gibt im Fernsehen zum Beispiel eine Serie über "Dreamscapes".
KulturSPIEGEL: In Ostdeutschland werden viele Plattenbau-Peripherien abgerissen. Warum fehlt das Thema in der Ausstellung?
Ferguson: Es fehlt nicht, wir zeigen auch Rückbau, aber das ist nicht unser Fokus. Ich habe mich entschieden, gebaute Architektur zu zeigen und nicht zu theoretisieren.
KulturSPIEGEL: Ist eine zweidimensionale Fotocollage nicht sehr theoretisch?
Ferguson: Überhaupt nicht. Wer sich über die Dokumentation hinaus interessiert, kann sich hinsetzen und zu jedem Projekt detaillierte Informationen lesen und Interviews mit den Architekten anhören.
INGEBORG WIENSOWSKI
Architektur-Biennale. Venedig. Giardini di Castello. 12.9.-7.11., www.labiennale.org