Kunst-Broker Avi Spira: Der Mann mit dem goldenen Blick - DER SPIEGEL
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Kunst-Broker Avi Spira Der Mann mit dem goldenen Blick

Der boomende Kunstmarkt hat einen neuen Berufsstand geschaffen: Kunst-Broker wie Avi Spira steuern reiche, aber unkundige Sammler durch die Szene, stöbern wertvolle Stücke auf, arrangieren die Übergabe. Und kassieren dafür kräftig - zehn Prozent des Kaufpreises.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt Situationen, vor denen schaudert selbst Avi Spira ein bisschen. Nehmen wir zum Beispiel, dass sich zwei Klienten auf ein und dasselbe Kunstwerk versteift haben. Was dann? Bei wem liegt dann seine Loyalität? "Exzellente Frage", lacht Spira. "Das könnte ein schöner Seiltanz werden."

Abwegig ist das nicht. Im irren Kunstmarkt dieser Tage hat es schon so manches Drama gegeben im Kampf um Gemälde, Skulpturen, Installationen - die Statusobjekte du jour für den, der sonst schon alles hat. Das zeigen allein die mehr als 40.000 Menschen, die sich diese Woche über gut zwei Dutzend Kunst- und Kulturfestivals schoben - allen voran die "Art Basel Miami Beach" (ABMB), die größte, bekannteste, schickste derartige Messe in den USA. Ihre Abertausende Werke im Millionenwert waren oft schon binnen Stunden verkauft.

Spira liebt diese Events, für ihn sind sie pures Adrenalin. Er gönnt sich kaum Schlaf, hetzt vom Arbeitsfrühstück zum Galeristentreffen zum Kundenlunch zum Schätztermin zum Sektempfang zum Dinner in der Villa eines reichen Sammlers. Mit dem Handy am Ohr versucht er, seine Klienten durchs Labyrinth des Kunst-Hypes zu steuern. "Ich helfe ihnen zu navigieren", sagt er dazu bescheiden.

Avi Spira ist "Art Broker", ein Kunstberater. Seine Kunden sind Wall-Street-Milliardäre, Private-Equity-Fürsten, Hedgefonds-Manager, Staranwälte, Immobilienmogule, aber auch Konzerne und Banken - durchweg anonyme Interessenten, die Spira diskret an die Hand nimmt, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Lust nach Vorzeigekunst stillen sollen. Denn in einer Szene "mit dieser Tiefe und Breite" verlieren selbst alte Hasen den Überblick, und "Durchschnittssammler" (Spira) sind sowieso aufgeschmissen: "Ich bin ihre Augen und Ohren."

"Zugang. Expertise. Disziplin"

Dabei tut Spira viel mehr als "nur" Gemälde vermitteln. Er ist Gutachter, Detektiv, Spion, Lehrer, Sammler, Therapeut, Kindermädchen, Fremdenführer, Reisebegleiter. Ein ganz schön hoher Anspruch für einen, der mit 31 oft gerade halb so alt ist wie sein Auftraggeber und der in seiner Arbeitsuniform - Khakihose, schwarzes Sportsakko, offenes kariertes Hemd - eher aussieht wie ein Hobbyconnaisseur.

Es ist ein boomendes, doch stilles Geschäft, das meist hinter den Kulissen abläuft, abseits der ungelernten Öffentlichkeit und mit eigenen Ritualen, Gepflogenheiten und Tabus. Spira redet nur ungern darüber. Zu manchen Fragen hat der New Yorker höchstens ein charmantes Lächeln - zum Beispiel die, wie viele Kunden er denn genau habe: "Wir haben unsere Kapazität noch nicht erreicht."

Eine diplomatische Antwort. Und wahr. Denn in den letzten Jahren ist der Markt explodiert: Der Reichtum von Wall Street und Hollywood erreichte unerhörte Sphären, eine neue Generation von - oft unkundigen - Käufern drängte in die Galerien, die Preise für Kunstwerke durchbrachen Schallgrenzen. Bei den jüngsten Herbstauktionen versteigerten Christie's und Sotheby's in New York feine Kunst im Wert von insgesamt 1,7 Milliarden Dollar, so viel wie noch nie in ihrer Geschichte.

Spira stieß, trotz oder auch gerade wegen seiner Jugend, mit perfektem Timing in diese brodelnde Szene. Nach dem Kunststudium an der New York University verdiente er sich zunächst in Galerien und Auktionshäusern die Sporen. 2004 gründete er mit einem Partner aus Costa Rica seine eigene Consulting-Firma: Art Ventures International mit Sitz an Manhattans edler Park Avenue, auf halber Distanz zwischen Christie's in Midtown und Sotheby's auf der Upper East Side. Ihr Firmenmotto strotzt vor Selbstvertrauen: "Zugang. Expertise. Disziplin. Die einzige Art, im 21. Jahrhundert Kunst zu sammeln."

Abstrakt oder nicht abstrakt?

Hinter den hehren Worten stecken viel Fußarbeit, Vielfliegermeilen und persönliche Flexibilität: Spira begleitet seine Klienten auf Reisen, jettet zu Auktionen, Messen und Privatsichtungen auf allen Kontinenten. Und macht sich auch mal alleine auf den Weg, wenn er ein Schnäppchen wittert. Sein Terminkalender ist die Weltkarte des Kunstjahres: "Miami, Basel, London, New York, Chicago, Los Angeles."

Wenn er gut ist, hat er einen goldenen Blick. Er stöbert seltene Stücke auf, "hier ein Warhol, dort ein Picasso", arrangiert die "Vorstellung", verhandelt und inszeniert die Übergabe, jenes komplex-pikante Wechselspiel der Naturelle. Sein Kundenkreis ist international, doch oft "New-York-zentriert". Sein costa-ricanischer Partner sorgt derweil dafür, dass die blühende Jetset-Szene Lateinamerikas bedient wird.

Das traf vor allem auch in Miami Beach zu, dem Nexus aus nord- und südamerikanischer Kultur: Hier hat Spira diese Woche eine Reihe von Stammkunden durchs Gewirr der Ausstellungsstände bugsiert, zugleich Kontakte mit seinen Galerien geknüpft und auch den einen oder anderen neue Klienten eingefahren.

"Jeder ist anders", sagt Spira. "Und auf jeden nehmen wir speziell Rücksicht." Manche kaufen mehrere Stücke pro Jahr, manche heuern ihn nur für ein einzelnes "Projekt" an, manche wollen ihr neues Anwesen "in den Hamptons, in Florida oder in Paris" dekorieren. "Einige lieben Abstraktes, andere hassen Abstraktes, einige lieben Fotografie, andere verstehen nicht, wieso Fotografie Kunst ist."

Der Mythos des hungernden Künstlers

Da muss der eigene Geschmack auch mal hintanstehen. Spiro versucht zwar, wie er es diplomatisch umschreibt, seine Auftraggeber "zu schulen" und "ihren Wissenskreis zu erweitern": "Was ist neu, was ist interessant, was ist gut." Doch wenn künstlerische Kenntnis angesichts der momentanen Kaufhysterie mal in den Hintergrund rückt, siegt stets der Kunde. "Es ist eine delikate Balance", sagt Spira. "Nicht immer sind wir einer Meinung."

Besorgen wird er ihnen das Werk trotzdem, denn am Ende "zählt nur die Beziehung". Schließlich arbeitet er meist auf Provision: Zehn Prozent des Kaufwerts sind "Standard". Andere Klienten zahlen ihm einen Pauschalvorschuss, wieder andere eine Stundengebühr, zum Beispiel für das reine Prüfen und Schätzen eines Kunstwerks - "150 Dollar und aufwärts".

Manche jedoch sehen den Kunstmarkt und Leute wie Spira, die ihn anheizen und zugleich davon profitieren, als Perversion. "Es ist schon interessant, wie der Erfolg von Kunst heute daran gemessen wird, wie teuer man sie verkaufen kann", sagt die New Yorker Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die etwas angewidert über die Messe wandert, ganz in Schwarz. "Besonders hier in Amerika. Ich finde es schockierend." Sie selbst sei eine arme Künstlerin gewesen, habe fünf Jahre lang sogar in einem Citroen gelebt und auf Sardinien Schafe gemolken, um sich über Wasser zu halten. "Das", schwärmt sie nostalgisch, "waren die guten alten Zeiten."

Keine Angst vor der Blase

Spira sieht keinen Anlass, seine Branche zu rechtfertigen. "Der Mythos des hungernden Künstlers, der kein Werk verkauft und erst nach seinem Tod Ruhm erzielt, starb vor 100 Jahren", sagt er eiskalt. Die Definition von Kunst sei längst eine andere als früher: "Wertanlage, Diversifikationsmodell für finanzielle Portfolios, Statussymbol. Kunst zu besitzen ist, als werde man in einen elitären Club aufgenommen."

Auch das stete Raunen bei der "Art Basel Miami Beach", der Markt kühle sich ab und drohe zu kippen, ignoriert Spira, zumindest nach außen hin. "Das habe ich auch gehört", sagt er. Doch einen "tipping point" sehe er nicht: "Ich glaube nicht, dass die Blase platzt. Ich glaube nicht mal, dass wir überhaupt in einer Blase sind." Das muss er aber auch sagen - sonst würde er ja seine eigene Profession ins Aus reden.

Sein Telefon klingelt. Spira wendet sich entschuldigend ab, muss sich dann verabschieden. "Sorry", sagt er. "Ein Klient." Und damit verschwindet er wieder, Handy ans Ohr gepresst, im Menschengewühl von Miami Beach, zwischen Strandläufern, Models, Rentnern, Studenten, Flitterwöchlern, Pauschaltouristen - und dem gelegentlichen Multimilliardär.

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