Kunst: Coole Hochstapelei - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kunst Coole Hochstapelei

Der Kölner Bildhauer Thomas Rentmeister türmt Kühlschränke zu Skulpturen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Früher fand Thomas Rentmeister nichts Besonderes an Kühlschränken. Außer dem Gerät in seiner Wohnung hatte er noch ein weiteres, kaputtes im Atelier stehen, das er als Ablage für ein paar große Dosen Penatencreme benutzte. Die Creme diente dem Bildhauer Rentmeister, 39, nicht zur Hautpflege, sondern als Experimentiermaterial für seine Arbeit. Nachdem er vor zwei Jahren im Kölnischen Kunstverein aus einer Tonne Nussenia-Nuss-Nougat-Creme eine 16 Meter lange braune, klebrige, fettglänzende "Haufenskulptur" geformt hatte, wollte er untersuchen, ob Penatencreme die richtige Konsistenz und Farbe für eine neue Skulptur haben könnte. Deshalb spachtelte er, "einfach nur mal so", mit der heilenden Paste eine Ritze im Kühlschrank zu, und weil der Balsam den "total veränderte", fand Rentmeister zu einer neuen, besonderen Begeisterung für die kühlenden Küchengeräte.

Künstler Rentmeister, Skulptur "Santo*"

Künstler Rentmeister, Skulptur "Santo*"

Foto: Statements 7 - a project by Dornbracht. Photography: Hartmut Nägele
Foto: Statements 7 - a project by Dornbracht. Photography: Hartmut Nägele.
Foto: Statements 7 - a project by Dornbracht. Photography: Hartmut Nägele


Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen

Seither baut der Mann aus Köln Kühlschrankskulpturen. Erst stapelte er zwei Geräte aufeinander und bearbeitete sie mit Creme, dann vier. Im Berliner Hamburger Bahnhof standen im letzten Jahr immerhin schon 20 gesalbte Kühlmöbel nebeneinander, nachdem er den Piepenbrock Nachwuchspreis für Bildhauerei gewonnen hatte, weil seine Objekte "an den Tastsinn und die Gewohnheiten des Alltags appellieren". Jetzt hat Rentmeister sein Meisterstück abgeliefert. In Venedig zeigte er gerade 145 Kühlgeräte, in vier Stapeln übereinander. "Santo*" heißt die Skulptur, wie die Luxusmarke der Firma AEG. Neun Santos sind im Kühlschrankberg, alle von Rentmeister persönlich auf der Müllkippe zusammengesucht, "weil sie mir gefallen müssen". Auch vom Geruch der Geräte schwärmt der Kölner. Als "Architektur mit unsichtbaren Wohnungen" könne seine Arbeit interpretiert werden, sagt er. Oder als Kommentar zur Zeitgeschichte - früher kühlten deutsche Marken exklusiv. Auch einen tröstlichen Aspekt haben seine Werke, denn Rentmeister interessiert das Unvollkommene: "Oft fehlen Füße, alles ist schief, die Zwischenräume sind krumm, und an den losen Leisten schneidet man sich. Wenn ich diese Unorte zwischen den Kühlschränken mit der heilenden Penatencreme zuschmiere, ist das eine Art Genugtuung."

Ingeborg Wiensowski


Samenscholing. Utrecht. Centraal Museum, bis 31.8., Tel. 0031/30/236 23 12.