Kunst: "Das Papier ist das Werk" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kunst "Das Papier ist das Werk"

Der Hamburger Fotograf F. C. Gundlach über die Frage, wann ein Abzug noch als Original gilt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

KulturSPIEGEL:

Herr Gundlach, das Interesse an Fotografie nimmt zu, das zeigen nicht nur Ausstellungen wie die von Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf, sondern auch die Umsätze im Kunsthandel. Wann gilt eine Fotografie als Original?

F. C. Gundlach: Jede bemalte Leinwand will Kunst sein. In der Fotografie ist das belichtete Papier das Werk, nicht das Negativ. Somit ist jeder Abzug ein Original.

KulturSPIEGEL: Ein Foto kann beliebig oft abgezogen werden. Wie erkennt man die Unterschiede?

F. C. Gundlach: Mit Erfahrung und Kennerblick. Aber natürlich auch an den Angaben, die Fotografen und Händler über das Bild machen. Dazu gehören die Höhe der Auflage, die Größe des Bildes, das Datum und die Abzugstechnik.

KulturSPIEGEL: Was bedeutet beispielsweise die Angabe 1986/1992?

F. C. Gundlach: Die Aufnahme ist von 1986, der Abzug wurde sechs Jahre später gemacht. Irving Penn hat viele seiner Negative erst Jahre später abgezogen - in hervorragender Druckqualität und mit besonders haltbaren, aber komplizierten Abzugsverfahren.

KulturSPIEGEL: Spricht man in diesem Fall noch von einem so genannten Vintage Print?

F. C. Gundlach: Vintage heißt ein Abzug, der kurz nach Entstehen des Bildes gemacht wurde, mit einer Toleranzgrenze von ein bis zwei Jahren.

KulturSPIEGEL: Ist ein Abzug, den der Fotograf nicht selbst hergestellt hat, weniger wert?

F. C. Gundlach: Nicht unbedingt. Ich habe beispielsweise von Erwin Blumenfeld 1984 zehn Original-Motive in einem aufwendigen Druckverfahren manuell abgezogen. Sie sind brillanter als die Vintage Prints.

KulturSPIEGEL: Wie hoch darf die Auflage sein, um noch interessant für Sammler zu sein?

F. C. Gundlach: Das kommt darauf an. Zeitgenössische Fotokünstler stellen seit etwa 15 Jahren meist sechs Abzüge pro Motiv her. Aber auch hohe Auflagen können teuer sein. Seit Beginn des Foto-Booms Ende der siebziger Jahre stiegen die Preise für das Foto "Moonrise" von Ansel Adams von 700 auf 136000 Dollar, obwohl es über 900 Abzüge gibt.

Ingeborg Wiensowski


Bernd und Hilla Becher.  Düsseldorf. K21, 29.11.2003-12.4.2004, Tel. 0211/838 16 00.