Kunst Der Beton-Poet
Seine Wohnung im fränkischen Fürth teilt Oliver Boberg mit prominenten Mitbewohnern. Asterix, Obelix und Kleopatra sind da, Superman, ein namenloses Stoffhäschen und Mickymaus, lauter Miniaturmodelle, fein zusammengestellt auf kleinen Tabletts. "Ich sammle die", sagt Boberg, 38, und fügt nicht ohne Stolz hinzu: "Ganz schön spießig, was?" Er kann sich das leisten, denn er gilt als Meister "normalbrutaler Betonszenarien", die "bestenfalls für Suizid-Freaks" ("FAZ") geschaffen sind; als Konservator städtebaulicher Ungetüme, die "fest mit Elend, Depression und Gewalt assoziiert" ("Süddeutsche Zeitung") sind. Die Fotografien zeigen rohe Bauskelette, schmutzig geflieste Unterführungen, ein gelbes Erdgeschoss, dessen weiße Kunststofffensterlöcher von darüber liegenden Balkonen fast erdrückt werden, oder schlicht ein "Parkdeck", schwarz verrußte Lüftungsschächte inklusive. Neuerdings filmt er Lagerhallen, Baumstümpfe und Schnee, der auf eine Brücke fällt. Das Besondere daran: Die Fotos sehen aus, als zeigten sie die reale hässliche Welt - doch das ist eine Täuschung. Boberg baut und bastelt, malt und klebt seine Welt en miniature, wie die Landschaften einer Modelleisenbahn. Aus Gips, Karton und Spanplatte formt der Künstler Treppenhäuser, Toreinfahrten und Fassaden; Watte, Kräutertee und Puffreis türmen sich täuschend echt zu trostlosen Einfriedungen, Kanalrändern, Spielplatzbepflanzungen. Fotografiert von Bobergs Partner Volker Rudolph, gewinnen die vermeintlich hässlichen Orte eine beunruhigende Romantik. "Mich interessiert die Geschichte, die hinter dem Bild beginnt", sagt Boberg. Nichts will er weniger als belehren und doch sein Publikum wie ein Regisseur durch seine Szenen führen. Im Fotomuseum Den Haag arrangiert der Verehrer des verstorbenen russischen Filmpoeten Andrej Tarkowski minimal bewegte Nachtbilder erstmals im Wechsel zu einer Art Videoraum. Bobergs Formate - bisher erinnern sie an Tafelbilder - werden größer: Er habe, sagt er, "jetzt einfach mehr zu erzählen".