Kunst Der Hochstapler
Anfang 1996, nach zwei Jahren Kunststudium und qualvoller Grübelei, wusste Florian Slotawa immer noch nicht, was er Sinnvolles zur Bildhauerei beitragen konnte. Es fiel ihm nur ein, sich "einfach erst mal mit dem zu beschäftigen, was da ist, was ich zu Hause habe, was ich besitze". Er transportierte seine gesamte Habe, einschließlich des Kinderspielzeugs, vom Dachboden der Eltern im bayerischen Rosenheim, in sein frisch gestrichenes Atelier in der Hamburger Kunsthochschule, zog aus seiner WG aus und ins Atelier ein. "Um Kunst ging es gar nicht", sagt Slotawa, 31, "eher um die Suche nach einer Position." Er sortierte seinen Besitz, führte Buch darüber und fotografierte ihn gruppenweise. 160 Bilder nahm er auf: vier Jeans, vier Eimer, plus ein Staubsauger, zehn Paar Schuhe, Bücher, alte Malversuche. Anschließend verpackte Slotawa alles, stapelte Möbel und Kartons zu einem Turm auf und projizierte darauf seine Besitzfotos als Dia-Schau. War das Kunst? Nein, lautet Slotawas Antwort, sondern "meine Arbeit, die einen Schritt weitergegangen war". Danach baute er aus dem Hausrat eine Wohnhöhle. Die Skulptur "Mama" mit Türmen, genau so groß wie seine Mutter, stellte er im Museum Fridericianum in Kassel auf. Dort fand man offenbar, das sei Kunst, Slotawa aber war noch nicht überzeugt. Seine nächste Idee kam ihm bei einer Hotelübernachtung: Er mietete sich in Hotels ein, schraubte in heimlichen nächtlichen Aktionen die Möbel auseinander, baute daraus Schlafhöhlen und fotografierte sie. Seine Bedingung war: "nichts kaputtmachen, niemanden stören und den Urzustand wiederherstellen". Inzwischen ist Slotawa sicher, dass er Kunst produziert. Viel Arbeit macht sie auch.
Ingeborg Wiensowski
Florian Slotawa: "Gesamtbesitz". Aachen. Ludwig Forum . 10.9.-31.12., Tel. 0241/180 71 04.