Kunst: Ein Frosch als Supermann - DER SPIEGEL
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Kunst Ein Frosch als Supermann

Vergnügte Ironiker wie Alexander Schaburow aus Sibirien werden in einer Berliner Schau das junge anarchische Russland vorstellen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kunst kann, welch Wunder, tatsächlich die Welt verbessern. Zumindest in Sibirien. Als sich der Künstler Alexander Schaburow dort vor ein paar Jahren an einem sonnigen Frühlingstag verliebte, beschloss er, die umschwärmte Frau mit seiner Phantasie zu beeindrucken. Er richtete eine Kolumne in der lokalen Zeitung ein und schilderte Woche für Woche eine perfekte, aber noch fiktive Romanze. Ein Radiosender entwickelte daraus ein Hörspiel ­ irgendwann willigte die reale Angebetete sogar in eine Heirat ein. "Kunst muss immer auch einen praktischen Nutzen haben", sagt Schaburow.

Er macht deshalb sein ganzes Leben zur Kunst: Will er sich beispielsweise zwingen, zum Zahnarzt zu gehen, beantragt er bei einer Kunststiftung Fördermittel für die Behandlung.

Schaburow, 36, der aus Jekaterinburg im Ural stammt, gehört einer Generation junger russischer Künstler an, die vor allem eines anstreben ­ alle geläufigen Erwartungen clever zu unterlaufen.

Zurzeit bereiten 40 von ihnen in Berlin eine Ausstellung vor*. Deren Titel "Davaj" bedeutet so viel wie "Los, los": Die Berliner Festspiele und das Wiener Museum für angewandte Kunst hatten sieben russische Kuratoren gebeten, von Nowosibirsk bis Moskau nach "junger und radikaler" Kunst zu fahnden.

Schaburow wirkt vor allem radikal ironisch. Er selbst beschreibt sich als "unbedingt vergnügt". In einem fiktiven Museum, das er in Berlin aufbaut, zeigt er Hunderte Gegenstände aus seinem Leben und Dinge, die ihm Freunde geschenkt haben: einen CD-Player, einen Plüschaffen, eine Krankenhausbahre, einen Kühlschrank und diverse Frösche, mal aus Plastik, mal echte ­ in Alkohol eingelegt.

Gewidmet ist das abgenutzte Sammelsurium "Iwan Frosch", einer so dürren wie unansehnlichen Gestalt aus Gips. Vor ein paar Jahren habe er gehört, erzählt Schaburow, dass ein Künstlerkollege einen Frosch im Museum aussetzte: Das Tier namens Iwan habe das fehlende Publikum ersetzen sollen. Er selbst habe daraufhin Iwan Frosch erfunden, einen russischen Supermann, der alles kann, Menschen retten "oder in die USA fliegen und Millionär werden" ­ der klapprige Held steht für die gar nicht so irreale Einheit von Komik und Tragik.

Es gehe ihm, sagt Schaburow, um die Reflexion des eigenen Lebens und die Träume eines ganzen Landes: "Ich will eine Atmosphäre schaffen, die jeder versteht, Kinder, alte Menschen, Besucher aus der Provinz und die Städter in Moskau." Schaburow hat einen Roman über seinen Supermann veröffentlicht, und als Comic-Held schaffte es Iwan Frosch ins Fernsehen.

Wer in Russland als Künstler ein Publikum gefunden hat, der kann noch lange nicht von seinem Beruf leben. Zur Glasnost-Zeit ­ die von den russischen Kuratoren gern "Gorbi-Boom" genannt wird ­ war gerade die westliche Welt begierig auf Ost-Kunst. Die Nachfrage ebbte allerdings rasch wieder ab. "Wer heute in Russland Künstler wird, muss extrem idealistisch und unglaublich bescheiden sein", sagt Christiane Bauermeister, die das Berlin/Wiener Ausstellungskonzept mitentwickelt hat.

Zugleich seien die Künstler selbstbewusster als ihre Vorgänger vor zehn Jahren, schwärmt sie ­ unbeeindruckt von globalen Zeitgeistströmungen belebten sie Traditionelles wieder wie das absurde Theater der zwanziger Jahre. Die Künstlergruppe Archäopteryx parodiert gar die heidnischen Rituale der Udmurten, die einst viel tranken und sich auffällig oft selbst umbrachten, wozu sie sich vorzugsweise an den Türpfosten von ungeliebten Nachbarn aufhängten.

Also doch der Mythos vom wilden Osteuropa? Sie wolle keineswegs den beliebten "westlichen Blick auf einen exotischen Osten inszenieren", versichert Bauermeister. "Es ist aber offensichtlich, dass in Russland gerade etwas Besonderes passiert."

Dabei scheinen sich die jungen Russen in der Wahl ihrer Medien kaum vom Rest der Kunstwelt zu unterscheiden. Allenfalls ihre Botschaften wirken oft hintersinniger und aggressiver. Sie malen sich selbst als Ganoventypen neben einem teuren Mercedes oder entwerfen Installationen wie die "Fabrik gefundener Kleider".

Es handelt sich um Kunst im dauerhaften Ausnahmezustand: "Paradoxerweise" entwickle sich auch dort eine zeitgenössische Kunst, "wo es den Leuten beschissen geht", so drastisch sieht es der sibirische Künstler Konstantin Skotnikow.

Es handele sich um die erste Künstlergeneration, die ohne staatliche Gängelung aufgewachsen sei, wird in der Ausstellungsankündigung betont. Aber Künstler Schaburow, der in Berlin zunächst über Raummangel klagte, versichert gleich darauf, dass es doch ein "wunderbarer Raum" sei ­ und muss erst von einer der Projektleiterinnen aufgeklärt werden, dass er keine Zensur zu fürchten habe.

In Russland selbst hat er weniger Hemmungen anzuecken. Zu seinem 33. Geburtstag veranstaltete er eine bizarre Performance ­ er probte seine Beerdigung. Dazu lud er Freunde ein, engagierte eine Grabrednerin und ließ sich in einem weiß ausgeschlagenen Sarg nieder. Es sei eine schöne Aktion gewesen, lobt sich Schaburow, alle hätten weinen und klagen müssen. Nur er durfte "erstaunlich bequem herumliegen".

ULRIKE KNÖFEL

* "Davaj!". Vom 10. Januar bis 27. Februar im Postfuhramt Berlin. Vom 19. Juni bis 22. September im Museum für angewandte Kunst in Wien. Katalog im Hatje Cantz Verlag; circa 180 Seiten; 20 Euro.