Kunst: Geruch aus der Dose - DER SPIEGEL
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Kunst Geruch aus der Dose

Wie riecht Geld? Oder ein Bezirk? Die Norwegerin Sissel Tolaas will Berliner zum Schnüffeln bringen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sissel Tolaas ist im Stress. Weil sie umzieht und weil sie in Berlin - endlich - an zwei Ausstellungen teilnimmt. Aber Tolaas, 44, strahlt; am meisten über die neue Wohnung. Weil die riesengroß ist und, noch besser: "Sie hat ein Laboratorium, und die IFF beteiligt sich an der Miete." Der Weltmarktführer IFF ist ein international tätiger Duft- und Aromen-Hersteller. "Ein großartiger Sprung nach vorn für mich", sagt die Norwegerin. Die Anerkennung von Experten aus der Industrie schmeichelt ihr sehr. Seit Jahren beschäftigt Tolaas sich mit Geruch, "mit der Materialisierung von Duft, der Idee, Gerüche sichtbar zu machen und damit, wie man über Geruch kommuniziert". Schon der Satz "Ich kann dich nicht riechen" sage viel über Toleranz.

Anfang der neunziger Jahre begann Tolaas, Gerüche zu sammeln und in Dosen zu archivieren, von Bananen bis zum Hundekot. Nachdem sie 6763 Proben geordnet und beschriftet hatte, schickte sie erstmals in Oslo Ausstellungsbesucher zur Geruchsdusche. Es folgten Schauen in London, Mexiko, Norwegen und Paris, bei denen sie nun synthetisch hergestellte Düfte verwandte. In Münchens Messestadt Riem stehen bis heute drei Automaten, die per Knopfdruck den Geruch verschiedener Bauphasen freigeben und in 36 Sprachen beschreiben. Beispielsweise Phase 1: Staub, Beton, Edelstahl, U-Bahn, Stein, internationale Küche, Holz und Bäume. Für ihr "Berlin Biennale"-Projekt "Without borders" mischt Tolaas Gerüche aus vier Berliner Bezirken. Die Agentur Scholz & Friends liefert einen Werbetext, Berliner beschreiben ihren Geruchseindruck, und Tolaas wird den Gerüchen Namen geben - also drei Versionen von Sprache für dieselbe Sache. Und im Hamburger Bahnhof mischt Tolaas den Geruch des Geldes in eine Wandfarbe zum Abrubbeln. Hoffentlich eröffnet der Berliner Finanzsenator die Ausstellung.

Ingeborg Wiensowski


Berlin Biennale. Kunst-Werke und Martin-Gropius-Bau. 14.2.-18.4., Tel. 030/28 44 50 53; und: Berlin North. Hamburger Bahnhof, 31.1.-12.4.,Tel. 030/39 78 34 11.