Kunstvorschau Kreative Tintenstrahldrucker
In den Sommermonaten starten weniger Ausstellungen, trotzdem gibt es kein Sommerloch, sondern nur weniger Vernissagen. Im September beginnen dann fast jedes Museum, jede Kunsthalle, jeder Kunstverein und alle Galerien mit neuen Ausstellungen.
1. In New York schön im Schatten sitzen - der Juli
Interessant ist die Eröffnung der Ausstellung von Ibrahim El-Salahi: "A Visionary Modernist" in London (Tate Modern 3.7.-22.9.). Die 100 Gemälde aus allen Werkphasen des 1930 im Sudan geborenen Malers Ibrahim El-Salahi beweisen, dass Afrika zu Unrecht immer noch ein weißer Fleck auf der Kunstlandkarte ist. Als 24-Jähriger war El-Salahi nach London gekommen, um dort drei Jahre lang zu studieren. Als er dann, zurück im Sudan, seine Porträt- und Landschaftsmalerei ausstellte und damit auf völliges Unverständnis stieß, bereiste er sein Land und begann, Bilder mit arabischen Zeichen und traditionellen afrikanischen Formen zu malen, die als Beginn einer afrikanischen Moderne gelten. Mitte der siebziger Jahre ging El-Salahi aus politischen Gründen nach London und wechselte dann vor rund 20 Jahren seinen Stil zur abstrakten Malerei.
Wer in London ist, sollte sich die "summer exhibition" in der Royal Academy of Arts nicht entgehen lassen, die es seit 1769 gibt und die jedes Jahr ein Publikumsmagnet mit 200.000 Besuchern ist. Jeder Künstler darf zwei Kunstwerke einreichen, nicht größer als 244 x 350 Zentimeter. 1.200 davon werden von einer Jury ausgewählt, hängen und stehen dicht an dicht in allen Räumen, und alle sind verkäuflich.
Das Museum of Modern Art in New York kennt jeder, aber auch das MoMA PS1, der Ableger des Museums für zeitgenössische Kunst, ist immer einen Besuch wert. "Wendy by HWKN" heißt die Sommerausstellung, und sie zeigt im großen Hof des PS1 ein Landschaftsprojekt der Architekten Matthias Hollwich und Marc Kushner aus New York. Die beiden sind die Gewinner des jährlichen Young Architects Programs, und ihr Entwurf muss Schatten spenden, Sitzplätze haben und Wasser einbeziehen, denn es wird für die Besucher der Sommer-Musik-Serie im PS1 genutzt (1.7.-8.9.).
Simon Denny, 30, Neuseeländer mit Wohnsitz in Berlin und einer der vier Nominierten für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, bespielt vom 5.7.-13.10. das Museum Moderner Kunst in Wien mit einer speziell für das Museum geschaffenen Medieninstallation, in der er Fernsehprogramme, Internetnetzwerke und die Mittel der Kommunikation künstlerisch weiterverarbeitet. Sein zehn Jahre älterer Kollege Gabriel Orozco, vor einigen Jahren ebenfalls nominiert für den Nationalgalerie-Preis, wird inzwischen in allen großen Museen wie dem New Yorker MoMA, dem Centre Pompidou in Paris oder der Tate Modern in London gezeigt. Er stellt im Kunsthaus in Bregenz ebenfalls eigens für die Ausstellung konzipierte Werke aus (13.7.-6.10.).
In Deutschland sind die Bilder der amerikanischen Malerin, Objektkünstlerin und Designerin Mary Heilmann, 72, selten zu sehen, deshalb sollte man ihre Schau im Kunstmuseum Bonn (11.7.-29.9.) nicht verpassen. Ihre ungegenständlichen Gemälde hängt Heilmann auf eigenen Wunsch in einen visuellen Dialog mit den Bildern von Blinky Palermo aus der Sammlung. Palermo, der 1977 im Alter von 34 Jahren starb, wäre 2013 70 Jahre alt geworden.
2. Teil: Aktzeichnungen von Käthe Kollwitz - der August
Jeder kennt ihre legendäre Pelztasse "Le Déjeuner en fourrure", die die geborene Berlinerin Meret Oppenheim 1936 anfertigte. Damals war sie gerade 23 Jahre alt, jetzt wird die Surrealistin mit einer großen Retrospektive im Martin-Gropius-Bau ihrer Geburtsstadt zu ihrem 100. Geburtstag geehrt (16.8.-1.12.).
Ab dem 30.8. (bis 12.1.2014) zeigt die Berliner Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Arbeiten der vier nominierten jungen Künstler Kerstin Brätsch, Mariana Castillo Deball, Simon Denny und Haris Epaminonda für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2013. Im Procedere hat sich geändert, dass die ausgestellten Arbeiten nicht mehr eigens für die Schau entstanden sein müssen und dass es kein Preisgeld mehr gibt. Stattdessen bekommt der Gewinner des Preises im folgenden Jahr eine Einzelschau in einem der Museen der Nationalgalerie. Das jedenfalls können andere hohe Geldpreisvergeber wie zum Beispiel der ukrainische Privatsammler Victor Pinchuk nicht bieten.
Gleich zwei Museen, die Kunsthalle Bielefeld (4.8.-20.10.) und die Kunsthalle Baden-Baden (20.7.-27.10.), zeigen fast zeitgleich temporäre Wandarbeiten und -installationen. "Auf Zeit. Wandbilder - Bildwände" heißt die Ausstellung in beiden Museen mit Rekonstruktionen von Sol LeWitt, Lawrence Weiner und Blinky Palermo und abstrakten, figurativen und Text-Arbeiten von Künstlern wie Franz Ackermann, Michael Majerus, Karin Sander und Richard Tuttle. "Ausstieg aus dem Bild" hat der Kunsthistoriker Laszlo Glozer solche Arbeiten genannt, die Künstler direkt an einer Wand aufbringen.
Einen ganz unbekannten Einblick in das Werk von Käthe Kollwitz wirft die Ausstellung "Akt im Fokus" mit 60 großformatigen Kohle- und Kreidezeichnungen, Druckgrafiken und Plastiken im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie (25.8.-3.11.), denn man kennt von ihr fast nur Arbeiten zu sozialen Missständen, Krieg, Trauer und Tod. Aber schon während ihrer Studienzeit in München zeichnete Kollwitz nach lebenden Modellen, und später unterrichtete sie an der Berliner Künstlerinnenschule das Fach Aktzeichnen.
Stifte oder Pinsel oder gar Aktmodelle braucht Wade Guyton nicht für seine Arbeit. Der junge amerikanische Kunststar überlässt den Akt des "Malens" einem Tintenstrahldrucker, der auf Leinwände oder herausgerissenen Seiten von Kunst-, Architektur- und Lifestylezeitschriften eine von ihm am Computer entwickelte, minimalistische Formensprache druckt. Mit den Ergebnissen, oft mit zufälligen Schlieren, Farbspritzern, Rissen oder Falten, wirft Guyton die Frage nach der künstlerischen Autorschaft und nach Original und Reproduktion auf. In der Kunsthalle Zürich zeigt Guyton eine eigens für die Schau entstandene Installation mit neuen Arbeiten (31.8.-10.11.).
3. Teil: Graffiti aus Brasilien - der September
In diesem Jahr ist Brasilien das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, und dazu hat die Schirn Kunsthalle zahlreiche Künstler aus Brasilien zu "Street-Art Brazil" (5.9.-27.10.) eingeladen, die Fassade der Schirn und verschiedene Orte im Frankfurter Stadtraum zu gestalten. Die Graffitikunst Brasiliens ist eine bunte und dynamische Bewegung und unterscheidet sich inhaltlich und ästhetisch von der amerikanischen und europäischen Street-Art-Szene, weil sie eine ungeheure Vielfalt von Techniken und Stilen mit figurativen und abstrakten, heiteren und gesellschaftskritischen Bildern hat und das politisch-soziale Klima im Land thematisiert.
Einer der interessantesten jungen Künstler ist der 30-jährige Simon Fujiwara, der in London, Berlin und Mexiko-Stadt lebt. Auch im Braunschweiger Kunstverein (7.9.-17.11.) wird sich Fujiwara wieder auf die Suche nach seiner Identität und seinen japanischen sowie britischen Vorfahren machen und wird seine angeblichen Beweise für seine fiktiven Geschichten in großen Rauminstallationen als Anschauungsmaterial aufbauen. Dabei bindet Fujiwara in seinen absurden und oft komischen Erzählungen immer gesellschaftliche oder historische Probleme wie Unterdrückung, Autorität, Macht und Gier ein und stellt außerdem die Frage nach der Manipulation von Geschichte.
Wo immer Santiago Sierra ausstellt, ruft er mit seinen Installationen und Aktionen Empörung oder Zustimmung hervor, egal, ob er 2003 den spanischen Pavillon auf der Venedig-Biennale zumauern und bewachen und nur Personen mit spanischen Pässen das leere Gebäude betreten ließ oder ob er für ein paar Dollar sechs jungen Kubanern eine Linie auf den Rücken tätowierte. In Hamburg zeigen die Deichtorhallen/Sammlung Falckenberg in der Schau "Santiago Sierra - Works" (7.9.-12.1.14) Fotografien, filmische Werke, Installationen und Objekte des Spaniers und seine Entwicklung vom Bildhauer zum Performance-Künstler mit aggressiven gesellschaftspolitischen Aussagen.
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 in Düsseldorf zeigt mit "Alexander Calder - Avantgarde in Bewegung" (7.9.2013-12.1.2014) eine umfassende Ausstellung zum Werk Alexander Calders, das 20 Jahre lang nicht in Deutschland zu sehen war. Schwerpunkt der Auswahl sind Werke aus den dreißiger und vierziger Jahren, in denen Calder seine bewegten, abstrakten Mobiles entwickelte. Einbezogen in die Ausstellung werden historische und experimentelle Filme, Musik der Avantgarde und Arbeiten der wichtigsten Kollegen und Wegbegleiter.
Den Klassikern und wichtigen Künstlern der Moderne "Piet Mondrian - Barnett Newman - Dan Flavin" widmet sich das Kunstmuseum Basel (8.9.2013-19.1.2014). Obwohl jeder von ihnen einer anderen Generation angehört, haben sich die drei unterschiedlich arbeitenden Künstler der abstrakten Kunst verpflichtet und damit Kunstgeschichte geschrieben.
Im Düsseldorfer Museum Kunstpalast hat Candida Höfer ein Heimspiel. "Düsseldorf" heißt ihre Schau (14.9.2013-9.2.2014), und die Fotografin zeigt erstmals Aufnahmen, die während eines Zeitraums von etwa vier Jahrzehnten in Düsseldorf entstanden sind. Darunter zeigt Höfer auch seltene Bilder von Orten, die sie als Motiv nach Jahren noch einmal fotografierte. Unter den rund hundert Werken sind neue Arbeiten und viele ältere Fotos, die noch nie öffentlich gezeigt wurden.
Die Lehrer der berühmt gewordenen Düsseldorfer Fotografenschule, zu der auch Candida Höfer gehört, sind Bernd und Hilla Becher. Aus ihren künstlerischen Dokumentationen von internationalen Industrieanlagen und Zweckbauten zeigt die Kölner Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur Hüttenwerke (20.9.2013-26.1.2014). Unter den Fotos sind auch mehrere amerikanische und französische Anlagen und natürlich das Werk in Duisburg-Bruckhausen oder die Maxhütte in Thüringen.
In der Londoner Tate Modern ist das Werk von Mira Schendel zu entdecken. (26.9.2013-19.1.2014). Sie gehört zusammen mit ihren Zeitgenossinnen Lygia Clark und Hélio Oiticica zur Moderne Brasiliens. Schendels Ausstellung mit 250 Gemälden, Grafiken und Skulpturen aus allen Werkphasen ist die erste große Schau Schendels (1919-1988) überhaupt, die als eine der wichtigsten und profiliertesten Künstlerinnen Lateinamerikas gilt.
Ach ja, wer nach den Ferien noch Geld für Kunst übrig hat, kann es auf der art berlin contemporary vom 19.-22.9. ausgeben. Eine Messe hat Berlin bekannterweise ja nicht, aber zur Plattform abc sind 129 Galerien aus 18 Ländern eingeladen, ihre Kunst zu zeigen und auch zu verkaufen.
Am 22. Januar setzen wir diese Vorschau fort mit den Monaten Oktober, November, Dezember. Die Kunsthighlights von Januar bis März finden Sie hier; die von April bis Juni hier.