Kunst im Knokke: Seebad mit Guerilla-Flair - DER SPIEGEL
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Kunst im Knokke Seebad mit Guerilla-Flair

Bildungsurlaub mal anders: In Belgiens exklusivem Seebad Knokke bespielen Künstler und Designer ein leerstehendes Restaurant. Die betuchten Besucher bestaunen provokante Fotografien, kuriose Gartenmöbel - und Mode direkt neben einem Lazarett.
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Wer Urlaub macht, sollte keine Hochkultur erwarten: Ferienorte am Meer, und seien sie noch so exklusiv, haben selten Theater, Opern und Museen. Galerien gibt es zwar oft jede Menge; sie siedeln sich gern für ein paar Monate in leerstehenden Geschäften der angesagten Reiseziele an - von Heiligendamm bis Kampen, von Ibiza bis St.Tropez. Im Angebot jedoch haben sie meist überteuerte Werke prominenter Künstler. Oder einfach nur schlechte Kunst.

Nicht anders ist das für gewöhnlich in Knokke, dem belgischen Seebad mit betuchtem Publikum. In diesem Jahr jedoch gibt es dort zum ersten Mal eine Alternative, organisiert von der Genter Hoet Bekaert Gallery und den Modedesignern An Vandevorst und Filip Arickx. Zusammen mit einem Möbeldesigner, einer Galerie für belgische Vintage-Möbel, einer Antwerpener Schmuck-Kunst-Galerie und einer Brüsseler Kunstsammlerin haben sie für drei Monate ein leerstehendes Restaurant gemietet.

Weißer Sand und 270 Eimer weiße Farbe

Natürlich sind sogenannte Guerilla-Stores in ungenutzten Räumen keine neue Idee, und der Charme der Improvisation hat sich längst abgenutzt, aber für dieses Haus gilt ein feiner Unterschied. Hier wird keine leicht verkäufliche Ware angeboten, sondern die Mieter zeigen wechselnde Ausstellungen mit dem gleichen Anspruch wie in ihren Stammgeschäften. Sie haben ihr Haus "Gustav" genannt, es entrümpelt, geputzt und mit 270 Eimern Farbe weiß gestrichen. Sie haben mit weißem Sand einen Spielplatz angelegt, Baumstümpfe und ein kunterbuntes Plastik-Baumhaus schwarz angemalt, so dass sie plötzlich wie Design aussehen.

Draußen stehen Gartenmöbel: Feuer-Grillschalen, bunt lackierte Tisch-Sitz-Kombinationen, gebogen aus einer einzigen Aluminiumplatte, und eine mobile Stahlrohr-Dusche mit Gartenschlauchanschluss. Im Erdgeschoss des Hauses zeigen die Genter Galeristen Jan Hoet junior und Delphine Bekaert ihr Programm . Alle 14 Tage wird die Kunst gewechselt, freitagabends ist Vernissage. Gerade werden die Arbeiten von David Adamo aufgebaut, unter anderem eine mit schwarzem Teppich bedeckte Bühne, auf der ein ferngesteuerter Roboter herumfährt und am Rande, kurz vor dem Absturz, kreiselnd die Richtung wechselt. Adamo macht zur Zeit im New Yorker PS1 mit einem komplett mit Baseballschlägern ausgelegten, begehbaren Raum Furore. Sein belgischer Kollege Mekhitar Garabedian, 1977 in Armenien geboren, zeigt Fotos und Neonschrift-Texte zum Thema Migration und kulturellem Kontext.

Jagdtrophäen aus Pappmaché

A.F.Vandevorst , deren Logo die Kontur eines Roten Kreuzes hat, haben im Glasveranda-Anbau eine Installation aus spartanischen Krankenbetten aufgebaut, mit Armee-Filzdecken, Nachtschränken und Glasvitrinen mit Heiligenfiguren und Spielzeugkrankenwagen. Alles ist vom Genter Psychatriemuseum Dr Guislain ausgeliehen, auch die Röntgenbilder an den Wänden. Die avantgardistische A.F.Vandevorst-Mode hängt auf alten Rollständern in einem anderen Raum. Die beiden Belgier sind nicht nur für ihre Kleidung bekannt, sie entwerfen auch Theaterkostüme und kuratieren Museums-Ausstellungen.

Vorbei an den Vintage-Möbeln  von Designern wie Emiel Veranneman und Peter van Grunsven, geht eine Treppe nach oben. Hier zeigt die Galeristin Caroline van Hoek  "Art Jewellery" von Schmuckkünstlern, die ohne Juwelen auskommen und für ihre Armbänder, Ketten und Broschen stattdessen Plastik, Glas und Gummi verwenden.

Dann kommen zwei Räume mit limitierten, oft handgemachten Editionen junger Künstler und Designer, manche zum Mitnehmen schön, brauchbar und nicht teuer wie feine Pappmaché-Teller und Schüsseln, mit Stoff veredelte Drahtbügel und Hocker aus Baumscheiben. Kavan Rosey heißt die Firma, die jungen Kreativen beim Entwickeln ihrer Ideen hilft und sie dann ausstellt.

Das Schönste in ihrer Schau sind die mit Kreuzstich-Stickereien früherer Wandteppiche bezogenen Jagdtrophäen aus Pappmaché an der Wand. Die Künstlerin Frédérique Morell  hat zum Beispiel einen Wildschweinkopf mit Jägern, Hunden, Bäumen und einer im Grünen liegenden Nackten überzogen, ebenso wie ein Einhorn mit Clowns, Bambis, Vögeln und einer barocken Szene.

Morell erzählt, sie habe lange "nach Ikea- und H&M-Regeln" konsumiert, "einfach zu haben, schnell loszuwerden". Erst nachdem ihre Großmutter gestorben und deren Nähzeug im Müll gelandet war, habe sie ihre Leidenschaft für anonyme Handarbeiten und besonders alte Wandteppiche entdeckt, die sie heute recycelt und neu verwertet.


Galerie Gustav: Knokke, Zoutelaan 229, geöffnet bis Ende September.