Kunst im Politikerbüro Zeigt Eure Bilder!
Claudia Roth ballt die Faust und reckt sie ihn die Luft. "Die grüne Jeanne dArc!", ruft sie. Ihr Büroleiter im Berliner Jakob-Kaiser-Haus, bekleidet mit einem schwarzen Pullover, steht hinter ihr und lacht. Es ist drei Uhr am Nachmittag, fast dunkel, und das fahle Kunstlicht fällt auf das Bild, das hinter Claudia Roth hängt. Auf dem Bild sieht man eine mit dickem Pinsel auf die Leinwand gehauene, grobkantige Frau, die ein Glas Wein in der Hand hält. Ein lautes, starkes Werk von Oskar Manigk. "Frisch, fröhlich, frei das passt zu mir", sagt Claudia Roth und deutet auf das Bild.
An der schmalen Wandfläche zwischen den Fenstern hängt ein Bild von Harald Metzke, gemalt 1987. Metzke gehört zur "Berliner Schule"; das Bild zeigt einen Aufstand des Publikums: Die Leinwand ist durch den Bühnenpfeiler getrennt, rechts steht das DDR-Regime, links die Masse, die Revolte bricht aus, die Massen stürmen die Bühne. "Ich schaue es sehr oft an, um mich daran zu erinnern, dass die Politik bloß eine Bühne ist", sagt Claudia Roth, die lange Dramaturgin am Theater war. So hat das Metzke vielleicht nicht gemeint, aber wenn die Kunst einmal ins Magnetfeld der Politik gerät, verändern sich auch die Bedeutungen schnell.
Sie muss los, geht zur Tür, noch ein letzter Blick auf eine Schwarzweißfotografie. Man sieht erwartungsvolle Mädchengesichter, dicht gedrängt. Die Köpfe von jüdischen Kindern. Frau Roth hält inne. Das wuselige Büro ist auf einmal still, als hätte jemand eine Gedenkpause anberaumt. Dann sagt Claudia Roth leise und eher zu sich: "Da weiß ich, warum ich das hier überhaupt alles mache." "So, jetzt muss ich aber wirklich los", sagt sie, eilt aus dem Raum; ihr geblümter Samtmantel weht hinterher.
Die Kunst, die in Claudia Roths Büro hängt, hat sie nicht selbst gekauft. Die Abgeordneten des Bundestages müssen sich nicht selbst um ihre Bilder kümmern. Der Bundestag hat eine eigene "Artothek", eine Sammlung aus dreißig Jahren deutscher Geschichte, die mittlerweile um die 3000 Werke umfasst und damit einen beachtlichen Querschnitt durch die kreative Nachkriegszeit repräsentiert. Aber niemand außer dem Kuratorenteam hat die Möglichkeit, die Sammlung in ihrer Gesamtheit anzuschauen. Das liegt daran, dass es keine vollständige Dokumentation der Werke gibt, was sich aber ändern soll. Der Kurator hat sich etwas spät das Ziel gesetzt, alle Werke zu digitalisieren; Journalisten haben aber keinen Zugang zu der von Steuergeldern finanzierten Sammlung hier lebt der vordemokratische Geist fürstlicher Geheimsammlungen auf Staatskosten bequem weiter.
Frau in Öl
Der Kunstbeirat des Bundestages darf jährlich 175.000 Euro ausgeben, um neue Werke anzukaufen. Seit 1976 gibt es eine Klausel, dass insbesondere junge Künstler gefördert werden sollen. Dadurch werden sie zwar finanziell unterstützt, aber nicht unbedingt bekannter, denn kaum haben es ihre Werke aus der verborgenen Artothek hinausgeschafft, verschwinden sie in den Büros oder auf den Gängen.
Nicht alle Politiker wissen von der Möglichkeit, sich gratis Kunst ins Büro zu hängen, aber das ändert sich. Denn seit einigen Jahren ist vor allem Gegenwartskunst zu einem Imagefaktor geworden; Menschen, die früher nie in Galerien zu sehen waren, kaufen jetzt Malerei, stellen sich Skulpturen neben den Esstisch, fliegen am Wochenende auf Kunstmessen. Kunst veredelt; anders als Polopferde oder Sportwagen bekundet der Kunstkäufer Pioniergeist und Offenheit für die Bewegungen seiner Zeit, kauft sich ein in eine exquisite Boheme und fördert mit seinem Geld auch noch Kultur, statt es auf dem Golfplatz unter seinesgleichen zu verplempern.
Auch die Politik hat die Gegenwartskunst als Faktor der Imagepflege erkannt; vor allem zeitgenössische Kunst hinter dem Schreibtisch gibt den Politikern eine Gloriole von Frische, Energie und Aufgeschlossenheit dem Neuen gegenüber, von Durchsetzungskraft und Bildung im klassischen Sinne. Kein Wunder also, dass Abgeordnete gern in ihren Büros vor zeitgenössischer Kunst posieren je wilder die Farben, desto dynamischer die Politik dessen, der davor telefoniert.
Wie inszenieren sich die deutschen Abgeordneten? Welche Kunst haben sie in ihren Büros hängen, in denen sie täglich um die zehn, oft internationale Besucher empfangen? Und ob Kunst nun der Selbstinszenierung oder, wie bei Claudia Roth, angeblich eher der Selbstvergewisserung dient warum sucht sich welcher Abgeordnete welche Kunst aus, und was passiert mit der Kunst im Sog des Politischen? Erzählt das Image im Hintergrund mehr über sie als das, was wir bei ihren öffentlichen Auftritten sehen am Ende sogar mehr, als sie selbst wissen?
Was Lothar Bisky, Wolfgang Thierse und Cornelia Pieper in ihren Berliner Büros aufgehängt haben - und warum
Will man in das Büro von Lothar Bisky, dem Bundesvorsitzenden der Linkspartei, muss man nicht nur durch ein Flur- und Treppenlabyrinth hindurch, das Neu- und Altbau des Jakob-Kaiser-Hauses verbindet, man muss vor allem vorbei an einem bunt leuchtenden Drei-mal-vier-Meter-Bild. Es ist eigentlich kein Kunstwerk, sondern ein von dem Cartoonisten Gerhard Seyfried gezeichnetes Wahlplakat von 2002, das Hans-Christian Ströbele zeigt.
Er hat es auf einen Quader geklebt, der seitdem mitten im Gang steht. "Alle Abgeordneten behängen die Gänge zu ihren Büros mit Kunst, dann kann ich auch mein Lieblingswerk präsentieren", sagt Ströbele, und sein Lieblingswerk ist er selbst. Es zeigt ihn vor der Oberbaumbrücke, die seine Wahlkreise Friedrichshain und Kreuzberg verbindet. Ströbele sitzt auf dem Fahrrad als Zeichen grüner Lebenskultur, sein Markenzeichen, der rote Schal, weht im hoffentlich bald wieder sauberen Wind.
Sein Gesichtsausdruck ist ruhig, er hat eine feine Nase, was ihn von den Figuren von Gerhard Seyfried unterscheidet. "Dieses Plakat ist Kult. Ich hänge sogar auf den Klos Kreuzberger WGs", sagt Ströbele und grinst. Seyfried ist Ströbeles Marke. In seinem Büro sodann: Ströbele mit Sonnenbrille nach Heino-Art, Ströbele mit Patronengurt als Che Guevara. Keine andere Kunst. Oder doch? Eine polit-ikonographisch eher fragwürdige afrikanische Frauenskulptur aus Ebenholz steht versteckt hinter Papierstapeln auf dem Fenstersims. Ein wenig abseits, verbannt in die Ecke, wendet sie ihr Gesicht nach draußen.
Zurück auf den langen Gang. Zurück auf den langen Weg zu Biskys Büro. Das ist sehr klein, und nur zwei Bilder haben Platz. Sie hängen sich gegenüber, beide malte Norbert Bisky, Lothar Biskys Sohn. In diesen Bildern dominieren zartes Gelb, Hellblau, blasses Grün, selten Rot, ein wenig Lila. Er malt die Fiktion einer vor Kraft pulsierenden, schönen Welt voller glücklicher, junger, blonder, sauberer Männer. Stahlblaue Augen, die Körper durchtrainiert der Traum der großen totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts.
"Die doppelt gebrochene Ironie ist offensichtlich", sagt Bisky und lächelt sanft. "Einerseits durch den Text, Norbert schreibt eigentlich unter jedes Werk einen provokanten Satz, und andererseits über die gemalten Ereignisse." Norbert Bisky habe sich bewusst in den früheren Arbeiten seine ideologisch geprägte Vergangenheit aus der Seele gemalt. Vielleicht hat der Maler aber auch nur Freude gehabt, junge nackte Männer zu malen aber das würde leider nicht ausreichen, um im politischen Kontext an der Wand hängen zu dürfen.
Grüner als Cartoon
Von der Artothek hat Bisky zwar gehört, aber er leiht keine Kunst. Er oder seine Frau haben viel geschenkt bekommen. Das ist schon ein bisschen her, und die Freunde von damals sind keine Nachwuchskünstler mehr. Sein Lieblingswerk stammt noch aus der Zeit, als die Mauer fiel, aber das hat er gerade zu Hause, in seiner "Berliner Absteige", wie er es nennt, an die Wand genagelt.
Cornelia Pieper von der FDP findet die Exponate der Artothek noch zu westlastig und nimmt die Künstlerförderung selbst in die Hand. In ihrem engen Büro hängen fünf riesige Werke. "Es gibt so viele gute Künstler in Ostdeutschland", sagt Cornelia Pieper. Wen denn? Ihrem Schreibtisch gegenüber hängen zwei gleich große Ölbilder, zarte, sehr realistische Zeichnungen. Ein Selbstporträt in warmen Rosétönen und ein Pferdekopf in weichen Blau-Grau-Stimmungen.
"Iris Bodenburg malt nur noch auf Büttenpapier aus Nepal. Das finde ich so besonders an der Künstlerin", sagt Frau Pieper. Die Malerin kommt wie sie aus Halle an der Saale oder, wie man bei der FDP sagt, Genscherstadt. Während Pieper das erzählt, umarmt sie den tönernen Hans-Dietrich Genscher, der vor ihrem Schreibtisch steht. Es ist eine Büste von Hilde Würtheim.
Wolfgang Thierse war selbst lange Zeit Vorsitzender des Artothek-Beirats und hat einen guten Überblick über die Arbeiten und auch darüber, wo sich welches Werk gerade befindet: ein Wissen, das sich lohnt; lange vor Thierses Zeit wurden nämlich noch internationale Arbeiten eingekauft, auch von Picasso, Calder, Miró, Vasarely. Joschka Fischer musste Warhols Brandt-Porträt wieder abgeben, als er aus dem Verteidigungsministerium auszog. Jetzt hängt es hier, im Büro von Thierse.
Bei Fritz Kuhn ist man etwas enttäuscht. Sein Arbeitsplatz hat große weiße Flächen, aber hier hängt nur ein kleinformatiges, sehr bekanntes Bild: Christos Reichstagsverhüllung. Von der hauseigenen Sammlung wusste er gar nichts, sagt er, als wir ihn besuchen, aber er möchte auch gerne sehen, was der Bundestag in den letzten Jahren so angeschafft hat. Nach Fotografie stünde ihm der Sinn. Also los mit Fritz Kuhn, Bilder holen: Kunst-Shopping in der Mittagspause. Er lässt sich Zeit, geht schweigend an den dicht neben- und übereinandergehängten Werken entlang.
Mit Fritz Kuhn beim Kunst-Shopping in der Mittagspause
Kuhn bleibt vor einer Fotoarbeit stehen. "Das ist ja bedrückend", entfährt es ihm. Der Mann auf dem Schwarzweißfoto umschlingt die Frau von hinten mit seinen Armen. Sie schaut erschrocken, ängstlich. Fritz Kuhn findet, dass "Fürsorge auch beklemmen und einschränken kann". Dieses Bild sei für ein Büro eher unpassend. Je weiter man den Flur hinuntergeht, desto weiter steigt man in die Geschichte hinab. Herr Kuhn fragt den Kurator, ob sich jemand für "die alten Schinken" erwärmen könne. Aber auf denen bleibt der meistens sitzen. "So wie auf diesem hier, was?", fragt Kuhn und zeigt auf eine karge Wüstenlandschaft mit Turm. "Was wählen denn die anderen so aus?", möchte Fritz Kuhn etwas ratlos vom Kurator wissen. Meistens zeitgenössische, farbintensive Bilder, die Stärke und Kraft ausdrücken.
Genscher aus Ton
Kuhn schweigt und sagt nach einer Pause, dass Bürokunst zwei Dinge erfüllen müsse. "Einerseits muss sie einem selbst auch für einen längeren Zeitraum gefallen, und andererseits sollte sie einen guten Gesprächseinstieg mit den Besuchern bieten." Er entdeckt zwei Fotografien, die einzigen Bilder, die er sich für sein Büro vorstellen kann. Yana Milev hat damals, 1997, Berlins größte Baustelle fotografiert und in den oberen Bildrand deren Bauplan eingeblendet. Planung und Realisierung. Zwei Fotos, Positiv und Negativ. Aber ganz sicher ist sich Fritz Kuhn mit seiner Entscheidung nicht. Er kann die großen querformatigen Arbeiten auch erst einmal probeweise leihen. Sie werden gebracht, hingestellt, und er kann schauen, ob sie ihm auch nach zwei Wochen noch gefallen.
Das letzte Mal, als Volker Kauder im Zusammenhang mit Kunst von sich reden machte, ging es um die Projektauswahl für das Reichstagsgebäude. Gegen Hans Haackes Erdtrog hielt Kauder eine, wie er sagt, "scharf konservative Rede" und brachte so eine heftige Bundestagsdebatte ins Rollen. Kauder nennt die Umsetzung "den Misthaufen der Nation". Sein Büro ist groß und hell, mit Blick auf die Reichstagskuppel und das Paul-Löbe-Haus von seiner Rückseite, da, wo die Spree entlangläuft. Man bekommt eine Tapetencollage von Strawalde zu sehen, der einer der bedeutendsten oppositionellen Künstler der DDR war.
Für die Artothek hat Kauder den Künstler Markus Daum vorgeschlagen, der aus seinem Wahlkreis in Tuttlingen stammt. Daums "Große Liegende" hängt an der Wand über Kauders Schreibtisch, und das Icon der Christdemokraten, gestaltet ebenfalls von Daum, liegt auf dem Designer-Sideboard. Angela Merkel hat er das Kreuz in groß und in Bronze gegossen zum Geburtstag geschenkt.
Kauder sitzt lässig auf seinem schwarzen Ledersofa, schräg über seinem Kopf hängt ein großes Bild von Joseph Fleck. Eine bunte Menschenmenge, wie der Ausschnitt einer Fußballtribüne, die ihm gute Laune macht. Neben Kauder liegt ein Stofftier. "Ich war immer Parteitiger", sagt Volker Kauder ganz ernsthaft und tätschelt das Fell. Den Tiger hat er als Andenken an seine Zeit als Generalsekretär bekommen. Das Tigerfell ist politisch korrekt, es stammt aus der letzten in Deutschland gefertigten Steiff-Tier-Serie.
Kunstwerke, das zeigt sich in all diesen Büros, liefern als Schlagbilder schnell ein umfassendes Bild einer Persönlichkeit, vielleicht sogar mehr, als sich die Politiker das wünschen. So erzählen sie von Wahlkreisengagement, ideologischen Inhalten, von den Weiten (oder auch der Enge) des Weltbildes oder einfach von ihrem Humor. Bei Hans-Ulrich Klose, der einmal Hamburger Bürgermeister war, hängt ein Tuschbild: abstrakt, zeitgenössisch, farbkräftig. Lange lässt Klose seine Gäste rätseln, um welchen Nachwuchskünstler es sich handele, bevor er sie aufklärt, dass es sein Sohn gemalt hat, und der war, als er es malte, im Gegensatz zu Biskys Sohn, nun wirklich erst drei Jahre alt.