Kunst in der Stadt: Alle mitmachen! - DER SPIEGEL
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Kunst in der Stadt: Alle mitmachen!

Foto: Wolfgang Günzel

Kunst in der Stadt Alle mitmachen!

Bürgerbeteiligung kann auch klappen: In Frankfurt am Main haben Schüler einen Künstler ausgewählt, der den langweiligen Roßmarkt in der Innenstadt mit einer Skulptur wiederbelebt. Ihre Wahl überzeugt auf ganzer Linie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main hat seit Montag eine neue große Skulptur von Thomás Saraceno auf einem alten großen Platz mitten in der Stadt. "Roßmarkt" heißt er, und obwohl Passanten ihn auf ihren Wegen zwischen Hauptwache, Goethestraße und Katharinenkirche kreuzen, ist der Roßmarkt den Frankfurtern kein Begriff. Kein Wunder, denn von seiner Jahrhunderte alten Geschichte ist nach den Bombardements des Zweiten Weltkriegs und nach vielen Umgestaltungen nichts mehr zu sehen, der Platz ist eine leere Fläche, umgeben von Banken und Büros, untertunnelt von einer Parkgarage und genutzt für Veranstaltungen à la "Grüne Sauce Festival" oder für Public-Fußball-Viewing.

Dabei, sagt Juliane von Herz, Kunsthistorikerin, Initiatorin und Kuratorin des Skulpturenprojekts, sei der Roßmarkt der zentrale Platz in Frankfurt, und sie habe sich schon lange Gedanken gemacht, wie man ihn wieder im Gedächtnis der Bürger verankern könne.

Schon 2007 hatte sie den Platz in den Plan für ihren Skulpturen-Parcours während der damaligen "art fair frankfurt" einbezogen. Daraus wurde aber nichts, denn der Messe ging das Geld aus. Der Gedanke, dass vielleicht ein Kunstwerk den Anstoß für Aufmerksamkeit und den Wunsch nach Wiederaneignung des Platzes bei den Frankfurtern wecken könnte, war also nicht neu.

Neue Wege für Kunst im öffentlichen Raum

Aber der Weg zur Verwirklichung war neu und ungewöhnlich. "2009 habe ich Konzepte geschrieben und mit einem kleinen Kreis von Leuten Gespräche darüber geführt", sagt von Herz. Und das aus zwei Gründen: Sie brauchte erstens deren Einschätzung und Unterstützung für ihr Projekt, das sie maßgeblich mit Stiftungsgeldern finanzieren wollte. Und zweitens wollte sie von Anfang an Frankfurter Bürger an allen Entscheidungen beteiligen.

Auf drei Jahre hat von Herz ihr Projekt "Roßmarkt hoch drei" angelegt, ohne Fachjury - "weil da immer dieselben Leute sitzen" - und mit wechselnden Projekten - "weil manche Werke viel zu lange an einem Ort bleiben". Einmal im Jahr wählt eine Bürgerjury einen Künstler aus, der für sechs Monate auf dem Platz eine Skulptur aufstellen darf.

Für die Finanzierung fand sie vier Stiftungen, und mit deren "Kraft im Rücken" ging sie zur Stadtverwaltung, um diese für eine Public-Private-Partnership zu gewinnen. "Der Kampf um den Platz war schwierig", sagt von Herz, "die Kunst sollte ein Plätzchen bekommen." Aber es kam viel besser: Die Skulptur von Saraceno steht nun an zentraler Stelle.

Allein hat der Künstler das nicht entschieden, mitzubestimmen hatte die "Bürger-Jury" aus 25 Frankfurter Gymnasiasten. In Workshops an Wochenenden hatten sie ein halbes Jahr lang Kunst im öffentlichen Raum angesehen und beurteilt, "ihren" Platz vermessen und fotografiert, seine Geschichte erkundet, Passanten befragt, Pappkarton-Modelle aufgebaut und Kriterien für "ihr" Kunstwerk aufgestellt. Janne Soetbeer, 18, eine von ihnen, Facebook-, MySpace- und Twitter-Mitglied, hat in der "Frankfurter Rundschau" geschrieben, was so toll an der "realen Community" war: die Einbindung in ein Projekt, die Zusammenarbeit mit dem Künstler, Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein und bei der Veränderung des Stadtbildes verantwortlich mitzumischen.

Feste Materialien statt heißer Luft

Venedig

Sechs Künstler hatte von Herz ihnen zur Auswahl vorgeschlagen, im April entschieden sich die Schüler für den 1973 geborenen Argentinier Thomás Saraceno, der in Frankfurt wohnt. Der ehemalige Städel-Student hatte gerade den "1822-Kunstpreis" der Frankfurter Sparkassen bekommen und 2009 mit seiner raumfüllenden, spinnennetzartig geknüpften Installation aus schwarzen Schnüren auf der Biennale Furore gesorgt. Saraceno installierte auch Blasen aus PVC, eingespannt in filigrane Geflechte und hing mal 37 Heliumballons zwischen Bäumen auf. Seine großen, fliegenden Blasen will er zu einem extraterritorialen Lebensraum für Menschen entwickeln und versteht das nicht als Utopie.

Für den Roßmarkt hätte er gern einen benutzbaren Fesselballon gebaut und hatte mit den Schülern auch schon ein Modell entworfen. Aber dann entschieden er und die Jury sich für das jetzige Werk aus festen Materialien, denn die Skulptur muss ja mindestens ein halbes Jahr gut überstehen.

Rund zehn mal fünf Meter groß ist seine jetzige Arbeit, "Cloud Cities/Air-Port-City" heißt sie und besteht aus 16-eckigen teilweise offenen, teilweise verspiegelten Aluminium-Glasstrukturen. Und sie fällt auf. "Auf den leeren Platz geht sonst kein Mensch", sagt von Herz, aber schon am Samstag seien viele Leute gekommen, um die Skulptur zu begutachten. Sie sind auch schon darin herumgeklettert und haben sich in den Spiegeln fotografiert - es wird also viel Arbeit geben für die freiwilligen "Kunstengel", die die Skulptur bewachen und "Roßmarkt hoch drei" in ihrer Infobox vermitteln sollen. "Auf jeden Fall haben wir etwas in Gang gesetzt", sagt von Herz, "einen realen Prozess, um über den Platz zu reden."


Skulptur "Cloud Cities/Air-Port-City" von Thomás Saraceno. Frankfurt/Main, Roßmarkt .