Kunst-Parcours Probewohnen auf dem Parkhaus
Auf dem Foto sieht er super aus, der bunte "Rialto Pavillon" von Andrea Knobloch. An der Haltestelle der Buslinie 13 steht er, direkt unterhalb des S-Bahnstation Veddel. Von nahem ist das gläserne, bunt beklebte Wartehäuschen eher eine traurige Angelegenheit, weil hier keiner mehr wartet, denn die Busse halten zwanzig Meter weiter links. Auch als Kunstwerk ist der Pavillon enttäuschend. Die Form der farbigen Folien sei der "Drehbewegung eines Kaleidoskops" nachempfunden, und Knobloch habe "die formale Grundidee islamischer Muster" aufgegriffen, um den Austausch zwischen Orient und Okzident zu vertiefen, erklärt der Text am Kunstwerk. Aha, denkt man. Aber vielleicht ist das Ganze weniger als Erkenntnisgewinn konzipiert und mehr als nette Geste gegenüber den 50 Prozent Veddeler Bürgern mit Migrationshintergrund.
Der "Rialto Pavillon" gehört mit vielen anderen Kunstwerken im öffentlichen Raum zur Ausstellung "Aussicht auf Veränderungen", ausgerichtet und finanziert von der Kunstplattform der Internationalen Bauausstellung, der IBA Hamburg. Rund um Stationen der S-Bahn-Linie 3 wie Altona, Landungsbrücken, Veddel, Wilhelmsburg und Harburg führt der Parcours und damit auch in die "Problemstadtteile" südlich der Elbe, in denen die IBA-Projekte 2013 stehen sollen und wo gleichzeitig die Internationale Gartenschau geplant ist.
Schwimmende Discokugeln und ein ghanaischer Gottesdienst
Auf der Veddel zum Beispiel sind sieben Kunstwerke und Orte auf einem Rundgang zu besichtigen. Wunderschön ist die im Müggenburger Zollhafen schwimmende große Skulptur "Karat Spill" von Geelke Gaycken und Sonja Vordermaier aus 1400 silbernen großen Discokugeln, die unter der Autobahnbrücke jeden Lichstrahl blitzend reflektiert und damit Glanz und Glamour verstrahlt, der sich auch als böser Kommentar zum zubetonierten Hafenbecken und zum tosenden Verkehr auf der Autobahnbrücke deuten lässt.
Die Bildinstallation "Dekor für einen Integrationskurs" ist leider trotz Öffnungszeit geschlossen. Schade. Nachzulesen ist, dass Christine Lemke aktuelle Lehrbücher für Deutsch als Zweitsprache analysiert hat, deren Bilder, "trotz bester Absichten" gespickt seien mit Klischees.
In der Immanuelkirche, einem Beispiel für gelungene Architektur der fünfziger Jahre, haben Kinder gemeinsam mit Katharina Lüdicke Fassaden ihrer "Wunschhäuser" gebaut und sie als begehbare Installation aufgestellt. Deshalb findet der ghanaische Gottesdienst mit Band und Sängerin und rund 30 Besuchern in einem Nebenraum statt. Dass Migranten aus Ghana hier eine Gemeinde haben und wie sie ihren Glauben ausüben, weiß wahrscheinlich kaum ein Hamburger, genauso wenig, welche Löcher in Veddel "Wohnung" genannt werden dürfen.
In der Wilhelmsburger Straße 90 kann man das sehen, die zwei übel riechenden, schimmelnden, winzigen Räume mit Bad und Küche waren bis vor kurzem vermietet. Jetzt hat die Künstlerin Moira Zoitl eine Installation mit einem "besseren" Anzug aufgebaut, wie ihn in den fünfziger Jahren die ersten "Gastarbeiter" trugen, die nach Deutschland kamen. Im Nebenraum zeigt ein Video die beiden Schneider Ahmad Anwart und Yosuf Nagip, die für Zoitl in ihrem Änderungsbetrieb im Levantehaus einen gleichen Anzug maßschneidern und dabei von ihrer Flucht aus Kabul nach Deutschland erzählen. Manche der rund zehn Besucher am Tag sehen "Reiserouten in den Kreidelinien beim Stoffzuschnitt" und im Schneiden des Stoffes einen Schnitt in ihr altes Leben, sagt der junge Aufsichtsmann. Alles höre er allerdings nicht, denn er müsse aus den ekligen Räumen dann doch manchmal an die Luft.
Yogaübung und Proteste beim Probewohnen
Viel frische Luft hingegen hat das weithin sichtbare Kunstwerk "Probewohnen in Wilhelmsburg" an der S-Bahnstation Wilhelmsburg, ein Titel, der als Parodie auf modisches Stadtmarketing verstanden werden soll. Auf dem oberen Parkdeck des Marktkauf-Parkhauses hat Christian Hasucha das wohl spektakulärste Kunstwerk der Ausstellung aufgebaut: eine überdachte Loggia auf einem hohen Baugerüst, zwei Wände und eine Tür, Tisch, Stühle, ein Grill und täglich anders gestrichene farbige Wände. Mit Aussicht auf zwei heruntergekommene Siebziger-Jahre-Hochhäuser, geradeaus auf triste Mietshausblöcke und nach rechts der Blick auf Bäume und ein qualmendes Kraftwerk.
Kostenfrei konnte man sich seit August zum Probewohnen , alles ist ausgebucht. Was sind das für Leute, die hier wie auf einer Bühne unter ständiger Beobachtung sein wollen, umgeben von parkenden Autos, bestaunt von deren Fahrern? Einige haben nur gegrillt, zwei Frauen haben Yoga gemacht und sich dabei fotografieren lassen, sagt Anna Mieves, Aufsichtführende Kunststudentin. Und zwei Herren aus Ottensen kamen, um auf der Plattform ihren Urlaub in Kalifornien zu planen. "Die waren ziemlich irritiert von den Jugendlichen, die das Parkhaus als Aufenthaltsraum nutzen und die Probebewohner natürlich besuchen." Am letzten Sonntag hatte sich Deniz Erberk eingemietet und zusammen mit seinen Freunden Protestplakate gegen die Abholzung tausender Bäume und den Ausbau der Bundesstraße 475 zu einer Art Autobahn aufgehängt. Erberk ist Mitbegründer der "engagierten Wilhelmsburger" und wütend auf die Politiker, die an den Bedürfnissen der Bewohner vorbeiplanen.
Die Aufsichtsdame im "Sammelsurium", eine geborene Wilhelmsburgerin, würde hier niemals wegziehen. Glücklich ist sie mit der Installation von Esra Ersen, die sie in einem abgetrennten Teil eines Sozialkaufhauses beaufsichtigt. Fast alle Kunden, die hier einkaufen, sehen sich die Kunst an und stellen Fragen nach den Objekten, die die Künstlerin aus dem Heimatkundemuseum und von Privatleuten ausgeliehen hat. Von einer türkischen Witwe hat sie beispielsweise gelernt, dass man Fotoporträts von Verstorbenen mit einem Schleier bedeckt, weil man so die Trauer besser aushält. Allein für solche Gespräche lohnt sich eine S-Bahn-Reise zur "Aussicht auf Veränderungen".
Aussicht auf Veränderungen. Hamburg. Kunst-Parcours entlang der S-Bahn-Linie 3. Bis 3.10. Führungen und Nähere Infos .