Kunst: Romantische Atompilze - DER SPIEGEL
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Kunst Romantische Atompilze

Nukleartests in der Constable-Landschaft ­ der Brite John Timberlake inszeniert "perverse Nostalgie".
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Eines Abends hatte John Timberlake, 35, es satt, romantisierende Acrylbilder von Londoner Seitenstraßen zu malen. Er fand, dass seine Arbeiten nicht gut waren und die Malerei keinen Spaß machte. Er langweilte sich. Er schaute fern und spielte dabei mit Streichholzschachteln herum. Was er auf dem Sofatisch aufbaute, erinnerte Timberlake plötzlich an Visionen von durch einen Atomkrieg zerstörten Städten, mit denen sich die Menschen in den achtziger Jahren gequält hatten. Er begann, Ruinen eingestürzter Hochhäuser in seinem Atelier zu bauen, absichtlich laienhaft, malte einen Hintergrund auf Leinwand und fotografierte das Ganze: "Viele haben Fotos abgemalt, ich wollte den Prozess umdrehen", sagt Timberlake ­ der an der Brighton Polytechnic University "Fine Art Alternative Practice" studiert hat.

Die "Ruined City"-Fotografien gerieten zunehmend romantischer, so dass Timberlake eine weitere Serie von "perverser Nostalgie" schuf: In einem Modellbauladen kaufte er Soldaten, bemalte sie, baute einen Vordergrund aus Lehm, Gras oder Gipsfelsen und stellte das Ganze vor ein Landschaftsgemälde im Stil von Constable und fotografierte es. Doch in jedem Himmel bläht sich ein Atompilz. Zwei Serien dieser Mischung aus Romantik und Entsetzen hat der Künstler bisher produziert, "A Fable Agreed Upon" und "Another Country". Er wolle "die verdrängte Geschichte britischer Nukleartests sichtbar machen", sagt Timberlake, der sich im Imperial War Museum von Fotos der Atombombenversuche aus den fünfziger Jahren inspirieren ließ. Die Atompilze seien ein "kollektiver Alptraum", der nach dem 11. September auf furchtbare Weise Aktualität gewonnen habe.

Marianne Wellershoff


John Timberlake: "Another Country". Worcester Museum, bis Oktober 2003. University of Hertfordshire, Margaret Harvey Gallery, St. Albans, 10.10.­23.11., Tel. 0044/1707/28 53 76.