Kunst: Stefan Thater - DER SPIEGEL
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Kunst Stefan Thater

Er stammt aus Bergedorf-West, wo die Romantik nicht erfunden wurde ­ und so erzählen seine Bilder von den Grenzen und Zwängen der Vernunft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beneidenswert. Der Mann hätte reisen können, an den Amazonas oder ins exotische Japan oder vielleicht sogar nach Feuerland. Denn der Verein "Junge Kunst in Hamburg", ein Zusammenschluss von rund 100 Hamburger Kunstfreunden, spendiert alle drei Jahre fünf jungen Hamburger Künstlern eine Reise ihrer Wahl. Sechs Monate lang dürfen sie ferne Länder, fremde Sitten studieren. Aber Stefan Thater, 32, fuhr nach Glasgow. Ausgerechnet. Er liebt eben die schottische Popkultur, die schön verstaubten britischen Traditionen, wo Zigaretten "Superking" und "Embassy" heißen. "Vielleicht", sagt er, "bin ich auch nach Glasgow gegangen, weil ich selbst aus einer proletarischen Satellitenstadt stamme und das noch mal erleben wollte ­ aber diesmal mit romantischem Anstrich." Im Hamburger Stadtteil Bergedorf-West, wo Thater herkommt, ging es eher unromantisch zu. Vielmehr vernünftig. Wahrscheinlich machte Thater deshalb nach der Schule auch zunächst mal was Vernünftiges. Er arbeitete in einer Bildagentur. War unzufrieden. Bewarb sich an der Kunsthochschule, wurde genommen. Und dort fand Thater Freunde, mit denen er endlich malen und zeichnen und über die Kunst und das Leben reden konnte. Gemeinsam gründeten sie die "Akademie Isotrop". Im "Pudel Club", einer Kneipe mit Underground-Flair, organisierten sie Ausstellungen, zeigten Filme und machten eine Zeitung. "Die Kommunikation lief über die Kunstwerke", sagt Thater, "eigentlich war es eine Künstlergruppe, richtig im älteren Stil." Mittlerweile wird "Isotrop" im Kunstbetrieb als erstaunliches Phänomen gehandelt: dass es so viel Gemeinsamkeit noch gibt! Und so viele Talente. Ein großes Talent ist Thater. "Seine Zeichnungen haben malerische Qualität und sind geheimnisvoll. Sie sind wunderschön und trotzdem nicht gefällig", schwärmt Thaters Galerist Daniel Buchholz. Und wirklich sind Thaters Blätter unverkennbar. Er benutzt immer nur wenige, eher harte Farben, vor allem Schwarz und Rot und Magenta, er bindet Figuren oder Symbole in ein malerisches Gefüge ein. Es gibt immer Grenzen, Beschneidungen ­ Thaters Thema. Aus Schottland hat er Hunderte von Blättern mitgebracht, eine Art Reisebericht. Eine Pferdekopfsilhouette etwa, durch harte Striche gerahmt, sieht fast aus wie ein Schlachtenbild. So macht es Thater oft. Alle Formen, Symbole, Sujets zwingt er in Felder, spannt sie mit entschiedenen Strichen in das Blatt ein und zeigt ihnen damit eine Grenze. Bis hierher, nicht weiter. Das ist die Welt, das ist Bergedorf-West. "Die totale Freiheit interessiert mich nicht", sagt Stefan Thater, "aber die Reglementierung." Weil so das Leben ist?

Ingeborg Wiensowski


HAMBURG NEUE KUNST IN HAMBURG: Alle drei Jahre packen fünf junge Hamburger Künstler ihre Koffer und reisen für drei Monate in ein Land ihrer Wahl ­ eingeladen vom privaten Verein "Neue Kunst in Hamburg". Einzige Bedingung: Sie müssen im besuchten Land einen Künstler finden, den sie nach Hamburg zu einer gemeinsamen Ausstellung einladen. Nicht so schwierig. Dieses Jahr fuhren Ania Corcilius und Hans-Christian Dany nach Brasilien, Stefan Thater (siehe Porträt) nach Schottland, Pia Greschner nach Japan und die Isländerin Anna Gudjônsdottir besuchte ihre Heimat. Ihre neuen Arbeiten zeigen sie zusammen mit ihren Gästen im Kunsthaus. 5.4.­20.5., Tel. 040/33 58 03.