Kunst-Tipp: Häuser in Krakenform - DER SPIEGEL
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Kunst-Tipp Häuser in Krakenform

Wie sah Supermans Heimatstadt Kandor aus? Der US-Künstler Mike Kelley hat sich Gedanken gemacht und phantasievolle Modellstädte aus Kraken-Gebäuden und Muschelhallen entworfen. Sie sind derzeit in einer Berliner Galerie zu sehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man muss nicht zur Kunstclique gehören, man muss nicht Fan des Comic-Helden Superman sein, und man muss noch nicht mal Eintritt zahlen, wenn man die zur Zeit großartigste Berliner Ausstellung sehen will. Man geht einfach nur in die Galerie Jablonka, erste Etage im Hof der Kochstraße 60.

Mike Kelley, 53, amerikanischer Künstler, stellt dort aus. "Kandors" heißt seine Schau. Kandor, das war die Hauptstadt von Krypton, und Krypton war der Planet, von dem aus Superman als Matrix Kal-El in einer Rakete ins All geschickt wurde, weil sein Planet und seine Stadt endgültig verwüstet wurden.

Aber wie sah Kandor eigentlich aus? Kelley, als Jugendlicher begeisterter Comic-Sammler, hat in jedem Heft andere Darstellungen der Hauptstadt gefunden. Und er hat zehn unterschiedliche Kandor-Bilder aus Superman-Comics als Skulpturen rekonstruiert und großartig inszeniert.

Der Galerie-Raum ist abgedunkelt. Jede Stadt mit unterschiedlichen Architektur-Gebilden aus farbigem Gießharz, rund, mit einem Durchmesser von bis zu fast einem Meter, steht auf einem möbelartigen, glänzend polierten Sockel und ist von unten beleuchtet. Die merkwürdig zischenden und ziehenden Geräusche im abgedunkelten Raum gehören zu den großen Videoprojektionen an den Wänden. Sie zeigen Bilder, die an schnelle Lichtstrudel, an Stürme oder Wasserkrater erinnern. Oder an einen Geist in der Flasche.

"Heute sind Täuschung und Falschheit angemessene und gegenwärtig gebräuchliche Begriffe für die Funktion der Kunst", sagt Kelley. Mit Täuschung und Beeinflussung hat sich der Amerikaner irisch-katholischer Herkunft oft beschäftigt, mit Massenkultur, Alltagsmythen, Politik, Ideologien und deren Auswirkungen auf den Einzelnen. Er hat Theorien aufgestellt und sie gleich wieder hinterfragt. Die Entstehung sexueller Abnormitäten und Verklemmtheiten hat er in Filmen wie "Heidi" oder in Performances gezeigt, liebevoll von Müttern gehäkelte Kuscheltiere hat er zu Knäuels vernäht und wie schwere Emotionsklumpen an die Decke gehängt. Auch hier kippt die plüschige Niedlichkeit um und eröffnet, hofft Kelley, neue Zugänge zu verdrängten Erfahrungen im Kinderalter.

Natürlich ist der Amerikaner kein Psychologe und kein Wissenschaftler, sondern Künstler. Man kann ihm in seine Visionen folgen, über sie nachgrübeln, oder man kann in seine Märchenwelt eintauchen, kann sich statt realer Metropolen bunte Kandor-Städte mit Hallen wie Muscheln, Häusern wie Pilzen, Gebäuden wie Kraken statt trister Bauinvestoren-Architektur wünschen. Nur eines kann man nicht: unbeeindruckt aus der Ausstellung rausgehen.

Noch eine zweite Ausstellung von Mike Kelley ist in der Berliner Ackerstraße in Mitte zu sehen. "Kandor con 2000" gehört dem Sammler Harald Falckenberg, der seine eigene Arbeit zum ersten Mal fertig aufgebaut sehen wird. Soviel sei verraten: Es geht auch hier in einer Video-Projektion und in einer Computer-Animation um Supermans Stadt.


Jablonka Galerie, "Kandors". 29.9.-24.11., Berlin, Kochstraße 60, Tel. 030/212 36 890.
Mike Kelley. "Kandor Con 2000". 29.9.-3.11., Berlin, Ackerstrasse 76, 2. Hof/EG