Kunst Westparolen im Osten
Plötzlich hängen in Tornitz seltsame Plakate. Walter Scheel mahnt: "F.D.P. Lasst Vernunft walten". Willy Brandt verkündet: "Deutsche Wir können stolz sein auf unser Land". Für die Einwohner von Tornitz und des Nachbarorts Werkleitz sind die Wahlplakate neu, auch wenn sie in Wahrheit schon 30 Jahre alt sind. Denn in den beiden Dörfern in der Nähe von Magdeburg wurden damals andere Parolen ausgegeben: "Unsere Stärke unser Bündnis mit der Arbeiterklasse. Unsere Stimme den Kandidaten der Nationalen Front" beispielsweise. Doch nun treffen die West- und Ostparolen zum ersten Mal direkt aufeinander, als Installationskunst von Martin Conrath und Marion Kreißler bei der Werkleitz Biennale. Es ist das fünfte Medienkunst-Festival in den beiden Dörfern, die insgesamt nur rund 600 Einwohner haben.
"Zugewinngemeinschaft" heißt die Biennale dieses Mal, und rund hundert Künstler aus 19 Ländern darunter Kutlug Ataman, Isaac Julien, Henrik Olesen und Johanna Kandl zeigen ihre Interpretationen von Konfliktthemen wie Fremdheit, Geschlecht, Besitz und Arbeit. Die Ausstellungsmacher, die darauf verweisen, dass ihr Festival zuweilen "Documenta des Ostens" genannt wird, haben vor vier Jahren dafür gesorgt, dass es auch im Westen bekannt wurde: Wim Delvoye hatte ein Schwein mit einem Adler und dem Schriftzug "Harley Davidson" tätowiert, was gleich fünf TV-Teams aufs Land lockte. Aber auch ohne Borstenvieh ist die Biennale ein Ereignis nicht nur für die Einwohner. Die sind auch Gäste gewohnt: Wechselnde Kunststipendiaten leben in Tornitz und Werkleitz, oft arbeiten Filmemacher hier. Aber Videoinstallationen in der Kirche, ein Filmprogramm im Dorfkneipensaal, Fotos im Maschinen- und Traktorenstützpunkt und Comics im Jugendclub gibt es nur alle zwei Jahre.
Ingeborg Wiensowski
Werkleitz Biennale , Tornitz und Werkleitz bei Magdeburg. 31.7.4.8., Tel. 039298/67 50. Täglicher Shuttle-Bus von Berlin für 10 Euro.