Kunstbuch Prada in der Wüste
Die zwei Kinderfotos auf den ersten Seiten des Buches zeigen die Künstler Michael Elmgreen, 47, und Ingar Dragset, 39, nicht gerade am ersten Tag ihres Lebens, aber in ziemlich frühen Kinderjahren.
"This is the First Day of My Life", das Foto zum Titel des Buches, kommt erst in der Mitte und präsentiert einen der beiden Künstler mit nacktem Oberkörper, einem Fotoapparat und weißem Blitzlicht vorm Gesicht.
Er fotografiert sein nicht sichtbares Gegenüber, während er selbst fotografiert wird. Über das ganze Foto ist in Versalien der Satz über den ersten Tag geschrieben. Kunst? Leben? Privat? Allgemeingültig? Inszeniert? Intim? Bedeutungsvoll? Narzisstisch? Ironisch? Klärt sich nicht. Aus dem Foto kann man alles mögliche herauslesen - und vieles hineindeuten.
Auch das Buch funktioniert so. Manchmal sind anscheinend private Fotos neben den Arbeiten von Elmgreen & Dragset abgebildet, und deren Reihenfolge scheint ganz subjektiv zu sein. Es gibt keine Chronologie und keine Erklärungen, manchmal haben die beiden Künstler einen kurzen Text zu den Bildern gestellt, wie "My Erotic Double" von John Ashbery zu einem Foto, das sie selbst in einer ihrer Arbeiten zeigt. Oder ein Zitat ihres Kollegen Vito Acconci "Since a gallery is a place where people gather anyway, it can be used as a town square".
Solche Kommentare im Kopf, amüsiert man sich über das Installationsfoto von 2001. "Opening soon. PRADA" stand in großen Lettern auf weißem Papier an der Front ihrer New Yorker Galerie Tanya Bonakta in Chelsea. Das war die ganze Ausstellung. Tatsächlich war die in der Nähe liegende Downtown-Guggenheim-Dependance gerade zu einem Prada-Shop umgebaut worden. Natürlich sind auch Fotos vom Prada-Shop in der Wüste bei Marfa zu sehen, neben den bekannten Katalogfotos auch eines von der Vernissage mit Cowboyhut-tragenden Gästen vor dem erleuchteten Fake-Laden.
Auch die erste Arbeit des Künstlerduos ist abgebildet. 1994 hatten sich die beiden in einer Kopenhagener Schwulendisco kennengelernt. Elmgreen hatte bis dahin gedichtet, Dragset in der Theaterszene gearbeitet. "Untitled" auf Seite 25 war ihre erste Performace ein Jahr später. Und in der Werkliste auf Seite 288 ist sie folgendermaßen beschrieben: "Photo of the artists cross-peeing, taken for a magazine contribution called 'Homo Twins', which debates ideas of homosexuality, identical looks and narcissism". Viele ihrer Performances und Inszenierungen mit Beteiligung des Publikums sind dokumentiert und nachzulesen.
Lustig und ironisch ist der Text ihres Stückes "Drama Queen", das Elmgreen und Dragset 2007 bei "Skulptur Projekte Münster" uraufgeführt haben und das im Buch auf zehn Seiten dokumentiert ist. Sieben Superkünstlerstar-Skulpturen des 20. Jahrhunderts treten auf, rangeln, konkurrieren und plappern miteinander über ihre Daseinsberechtigung als Kunstobjekt.
Drei fiktionale Texte sind im Buch zu finden, man hätte sich lieber ein paar Hintergrundtexte gewünscht. In Århus haben Elmgreen & Dragset zum Beispiel in einem Park einen temporären "Crusing Pavillon" gebaut, der im Buch auch abgebildet ist. Die Geschichte dazu hätte man gern erfahren. Denn als sie den Auftrag für eine Installation in einem Park bekamen, wollte die Stadt mit der Kunst die Treffen der Schwulenszene hinter den Büschen vereiteln. Man freute sich über den schönen weißen Pavillon-Vorschlag der beiden - der sofort von der Szene verstanden und genutzt wurde.
Mit ihrem ersten Bühnenbild 2006 an der Staatsoper Berlin endet die große Abbildungsstrecke im Buch. Dann folgt in kleinen Bildern ein vollständiges Werkverzeichnis von 1995 bis 2008, bis zum vor kurzem eingeweihten "Denkmal für die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes". Alle Arbeiten sind kurz beschrieben.
Praktisch ist auch eine Auflistung der Sammlungen mit Elmgreen-&-Dragset-Werken und der Kataloge. Und Szenekenner freuen sich über die lange Dankesliste an Freunde, Schreiber und Sammler. Auch sechs Modedesigner kommen vor.
Buch Elmgreen & Dragset: "This ist he First Day of My Life". Texte von Tony Benn, Massimiliano Gioni, Amelia Saul. Englisch. Hatje Cantz, Ostfildern; 320 Seiten, 515 Abbildungen; 49,80 Euro.