Kunstklappe: Das kriegt ihr zurück! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kunstklappe Das kriegt ihr zurück!

Schlechtes Gewissen wegen Ihres letzten Museumsklaus? Hätten Sie den Giacometti mal besser doch nicht eingesteckt. Aber Sie haben Glück: Demnächst eröffnet in Köln die erste deutsche Kunstklappe. Da werden Sie die heiße Ware anonym wieder los.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Saliera zum Beispiel - ein klarer Fall für die Kunstklappe. Das als Kleinskulptur gestaltete Salzfass, eines der kostbarsten Kunstwerke der Renaissance, hätte sich auf diese Weise diskret und ohne Angst vor rechtlichen Folgen zurückgeben lassen. Hat der Alarmanlagen-Techniker, der das Objekt im Mai 2003 aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum stahl und sich am vergangenen Freitag der Polizei stellte, nichts von dem Projekt gewusst?

Dabei ist die Klappe, wie sie die beiden österreichischen Künstler Moussa Kone und Erwin Uhrmann seit gut einem Jahr in Wien betreiben, hinlänglich bekannt. Die Idee kam den beiden Kreativen nach genau jenem Salzfassdiebstahl, den der reuige Täter am vergangenen Wochenende selbst aufklärte.

Wer sich der Kunstklappe bedient, kann auf Diskretion rechnen - auch in Köln, wo am 3. Februar die erste deutsche Dependance eröffnen wird. Dort soll die - analog zur Babyklappe - gestaltete Rückgabemöglichkeit für erbeutete Kunstwerke in einem schmalen Gässchen eingerichtet werden, "damit man eine schöne Flucht hat", wie Uhrmann der Nachrichtenagentur dpa erklärte.

In Wien, wo Uhrmann und Kone leben und arbeiten, hat sich die Kunstklappe bereits als Anlaufstelle für Diebesgut etabliert. Seit Beginn des Projekts im Jahr 2004 wurden bereits 40 Gegenstände abgegeben. Entwickelt hat sich die Idee aus einem Ausstellungskonzept. Unter dem Motto "Kunst zum Stehlen" veranstalteten die Künstler eine Reihe von Vernissagen, wobei immer ein Werk zum Diebstahl freigegeben war.

Das Konzept hatte Folgen: Für die Besucher gab es Gratis-Kunst, für die Künstler PR und für die Macher die Anregung, über die einmalige Aktion hinaus eine Anlaufstelle für Kunstdiebe zu schaffen. Die Klappe wird immer häufiger genutzt, zumal die kunstsinnigen Langfinger meist exzentrische Menschen seien und, wie Uhrmann erklärt, "ein Forum zur Selbstdarstellung bräuchten". Verständlich: Wer seine Kollektion selbst vor den engsten Freunden verstecken muss, will sich anderweitig profilieren.

Sollten die Kunstwerke die Klappenmaße überschreiten, findet sich Uhrmann auch schon mal zu einer anonymen Übergabe bereit. Da habe es schon "regelrechte Schnitzeljagden" gegeben, sagte der Künstler zu SPIEGEL ONLINE, begleitet von selbstbewussten Bekennerschreiben, in denen die Diebe die Ermittler zu mehr Einsatz anspornen.

Die Fahnder nehmen die Kunstklappe mittlerweile ernst. Das Art Loss Register (ALR) zum Beispiel, die größte Datenbank zur Aufklärung von Kunstdiebstählen weltweit, kooperiert mit den Wienern. Auf diese Weise könne man die "Werthaftigkeit von Sicherheitsvorkehrungen" thematisieren und Kunstkriminalität verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken, sagte ALR-Geschäftsführerin Ulli Seegers.

Und wer weiß, vielleicht kehrt auf diesem Weg sogar Edvard Munchs "Schrei" wieder zurück - groß genug wäre die schaumstoffgepolsterte Klappe in jedem Fall, wie Seegers erklärte. Nur bei der tonnenschweren Henry-Moore-Skulptur, die letztes Jahr in England gestohlen wurde, "da gäb's Probleme".