Kunstmesse in Peking: Auf die billige Tour - DER SPIEGEL
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Kunstmesse in Peking Auf die billige Tour

Auf einer Messe für erschwingliche Kunst in Pekings "Fabrik 798" kostete kein Original mehr als 1000 Euro. Das Konzept zahlte sich dennoch aus: Galeristen witterten das große Geschäft - und machten die Schau zum Szene-Event.
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An der geschwungenen Betondecke preisen verblassende Parolen Mao Zedong als "Spitze des zeitgenössischen Kommunismus". Wenige Meter darunter zeigen Ölgemälde überzeichnete Szenen aus der Kulturrevolution (1966 bis 1976).



Hässlich verzerrt ist das Gesicht einer selig lächelnden Jungkommunistin mit zwei Zöpfchen und Maos rotem Büchlein. Auf einem anderen Bild umkreist eine aufgebrachte Menschenmenge einen Mann in blauem Leibchen und Spitzhut, der ein Schild mit der Aufschrift "Landbesitzer" um den Hals trägt. Hinter ihm hält schon ein nackter, sabbernder Glatzkopf das Messer bereit.

Hunderte Kunstbegeisterte drängten sich in der Ausstellungshalle "798 Space" des Pekinger Kunstbezirks Dashanzi. Zum dritten Mal fand am Wochenende die "Messe für erschwingliche Kunst" statt, auf der jedes Original maximal 10.000 Yuan (etwa 913 Euro) kosten durfte. Schon nach einer Stunde war etwa ein Fünftel der 600 Gemälde, Drucke und Skulpturen verkauft.

Preiswert rechnet sich

Denn chinesische Kunst liegt im Trend, und so mancher Interessent hoffte, hier den Nachfolger von Liu Xiaodong oder Xu Beihong zu entdecken, deren Werke auf Auktionen inzwischen für Millionen Dollar versteigert werden.

"Die Idee war zunächst reiner Eigennutz", sagt Messeorganisator Tom Pattinson. Der Amerikaner lebte in den neunziger Jahren in Peking und war begeistert von den günstigen und hochwertigen Kunstwerken. Als er im Jahr 2005 nach China zurückkam, war chinesische Kunst international heiß begehrt und teils nur noch für Wohlhabende erschwinglich.

"Normalmenschen wie ich konnten sich keine Gemälde oder Skulpturen mehr leisten, deshalb wollte ich eine Messe für bezahlbare Kunst veranstalten", sagt Pattinson, der Chefredakteur beim Londoner Stadtmagazin "Timeout" ist.

Auch den Malern wollte Pattinson helfen: Normalerweise bleibt ihnen wenig vom Verkauf ihrer Werke, da die Galerien und Mittelsmänner das meiste Geld abschöpfen. Bei der Messe gibt es nur eine Zwischenstation zwischen Künstler und Käufer, und 90 Prozent des Verkaufspreises landen bei den Kreativen selbst.

Im Bild sein - und im Gespräch

Gerade für den Nachwuchs, der bislang noch keine eigene Ausstellung hatte, ist das die große Chance. In diesem Jahr musste Pattinsons Team aus insgesamt 2000 Werken die besten auswählen. Doch auch etablierte Künstler sind von dem Konzept der Veranstaltung so angetan, dass sie quasi als Mäzene mitmachen.

Sheng Qi, dessen Bilder sonst 100.000 Yuan und mehr kosten, bot mit "Fat Man" und "Most Wanted 50 Yuan" gleich zwei Ölgemälde an. Nach wenigen Minuten klebten rote Punkte auf den Etiketten – verkauft.

Die Ausstellung zeigte ein Potpourri aus Baby-Figuren mit Gewehren und Panzern, Karikaturen der Olympia-Maskottchen und Porträts verstört dreinblickender Kinder aus der Kulturrevolution.

Nicht alles war künstlerisch überzeugend. "Oft scheinen die Werke überhaupt keine tiefere Bedeutung zu haben, doch gerade das symbolisiert die Oberflächlichkeit Chinas", sagt Tamsin Roberts, Mitorganisatorin und Leiterin der der Agentur Red T Art.

"Vielleicht werden zwei oder drei Künstler den Durchbruch schaffen", hofft Pattinson. Vorbilder gibt es genug. So stellte Anfang April Liu Xiaodong einen neuen Rekord auf, als seine Bilderserie "Battlefield Realism: The 18 Arhats" für knapp sechs Millionen US-Dollar unter den Hammer kam.

Kreative Schnäppchenjäger

Natürlich ist klar: "Das Wachstum kann nicht so weiter gehen, irgendwann muss die Blase platzen." Pattinson prophezeit, dass die westlichen Galeristen bald ihr Interesse an China verlieren werden und sich Korea und Indien zuwenden.

Noch ist allerdings auf der "Messe für erschwingliche Kunst" die Hoffnung auf ein Schnäppchen groß. Unter den Besuchern waren nicht nur Laien, sondern Galeristen und Investoren. Die Profitchancen sind gut - ein Ölgemälde von Yin Kun, das vor zwei Jahren 8000 Yuan kostete, brachte kürzlich auf einer Auktion 250.000 Yuan ein.

Der Ausstellungsort ist in den vergangenen Jahren zum Symbol für Chinas aufstrebende moderne Kunstszene geworden. In der riesigen Anlage, die in den fünfziger Jahren von Architekten und Technikern aus der DDR im Bauhaus-Stil errichtet wurde, stellten früher über 20.000 Arbeiter Elektronikteile für die Rüstung her.

Noch immer stehen im "798 Space" Stanzmaschinen "Made in Germany". Nachdem mit den Wirtschaftsreformen Deng Xiaopings die Produktionsstätten verwaisten, lockten die architektonisch außergewöhnlichen Hallen Maler, Bildhauer, Konzeptkünstler und Galeristen an.

Inzwischen hat "798" ein Trend erfasst, der auch Londons Soho oder New Yorks Greenwich Village veränderte: vom Avantgarde-Treffpunkt zum kommerziellen Touristenmagneten.

Jüngst präsentierte zum Beispiel Sony neueste Hightech-Produkte und Christian Dior die Mode der kommenden Saison. Wer zur Schnäppchen-Kunstmesse will, muss an Arbeitern mit gelben Schutzhelmen vorbei über Geröll und Erdreich klettern.

Die Galeristen in schwarzen Anzügen und teurem Schuhwerk scheint es nicht zu stören – wenn sie hier ein Talent entdecken, dürfte der Gewinn für viele Paar Designerschuhe reichen.

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