Kunststadt London: Die Besucher stehen Kopf - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kunststadt London Die Besucher stehen Kopf

London stürzt sich in die Kunst: Zur Frieze-Messe haben Museen und Galerien ihre neuen Ausstellungen eröffnet. Schlangestehen lohnt sich - etwa für Skulpturen, die die Besucher verdreht widerspiegeln. Und für eine Skandalschau.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn ein deutsches Großstadt-Museum den 100.000. Ausstellungsgast erwartet, kommt ein Foto in die Zeitung: Besucher mit Blumenstrauß, manchmal mit Direktor. 100.000? Das ist gar nichts für London. Fünf Millionen Besucher hat allein die Tate Modern im Jahr. In der vergangenen Woche - während der Frieze-Kunstmesse - hatte man das Gefühl, die meisten der fünf Millionen seien auf einen Schlag gekommen. Und die Ausstellungen laufen ja noch etliche Wochen.

Ein Publikumsmagnet ist zum Beispiel "Ed Ruscha - Malerei aus zwanzig Jahren" in der der Hayward Gallery zu sehen. Von Ruscha, dem 71-jährigen Amerikaner, hat sich die Familie Obama gerade das Schrift-Bild "I Think I'll..." für ihr Zuhause ausgesucht.

Die Serpentine Gallery  zeigt Gustav Metzger, und am letzten Wochenende verabschiedete man sich dort mit einem Zwei-Tage-Poetry-Marathon vom diesjährigen Architektur-Pavillon - mit Brian Eno, Tracey Emin, Gilbert and George und Tausenden Besuchern.

Eine große "Sophie Calle"-Schau eröffnete gerade in der Whitechapel Gallery , der Turner Prize ist in der Tate Britain  zu sehen und kommt dieses Jahr ganz ohne Skandale aus. Omer Fast, "Preis der Nationalgalerie"-Gewinner, hat eine Schau in der South London Gallery .

Viele Ausstellungen und drei Super-Hits

Ganz oben auf der Ausstellungshitliste steht allerdings Anish Kapoor in der Royal Academy . Kapoor, 1954 in Bombay geboren, kam zum Studium nach London, bekam 1991 den Turner Preis, nahm an der Documenta und der Venedig-Biennale teil und gilt als der neue britische Kunststar. Seine Royal-Academy-Schau beginnt schon im Hof mit einer riesigen Skulptur aus spiegelnden Stahlkugeln, die anscheinend schwerelos zu einem hohen Gebilde auf- und aneinandergefügt sind.

Drinnen zeigt Kapoor einfache geometrische Objekte aus den achtziger Jahren aus reinen farbintensiven Pigmenten und eine schwarze Wandarbeit, die auf den ersten Blick wie eine monochrome samtene Scheibe aussieht, aber nach längerem Hinsehen als Krater zu erkennen ist.

Besonders beliebt sind Kapoors verspiegelte Skulpturen, die durch ihre konkaven Formen den Betrachter mal auf den Kopf stellen, mal als dünnen Strich erscheinen lassen. Die Sensation aber sind zwei Rieseninstallationen. Die eine schleudert in bestimmten Zeittakten aus einer Maschine eimergroße Wachs-Vaseline-Gemisch-Wurfgeschosse durch eine Tür in den nächsten Raum - nicht immer präzise. Die andere Maschine besteht aus einem rund 40 Tonnen schweren, zehn Meter langen, blutroten Wachsblock, der sich auf einer Schiene langsam durch zwei Räume schiebt und sich dabei durch zwei Türrahmen presst.

Solche riesigen Arbeiten kennen die Londoner von ihrem Superstar, seit Kapoor 2002 eine rote PVC-Haut wie einen Trichter durch die Turbinenhalle der Tate Modern gespannt hat. Heute bespielt der Pole Miroslaw Balka die Halle mit einem begehbaren dunklen Stahlcontainer.

Pop, Sex und Kunst-Pornografie

Brooke Shields

Die meisten Besucher wollen in der Tate Modern  allerdings "Pop Life: Art in a Material World" sehen, die Skandalschau, aus der die Polizei wegen Obszönität Richard Princes Bild "Spiritual America" entfernte, ein abfotografiertes Foto der zehnjährigen aus dem "Playboy".

Jeff Koons'

Hirst

Martin Kippenberger

An "Made in Heaven"-Bildern mit dem Pornostar Ilona Staller nahm die Staatsmacht keinen Anstoß, auch nicht an Andrea Frasers Video, in dem sie sich für eine Nacht an einen Sammler für 20.000 Dollar verkauft - ein Beispiel dafür, dass viele Künstler, als Erben Andy Warhols, sich selbst mythologisieren und sich als Medium verstehen, vergleichbar einer Leinwand. Immer sind Werkgruppen oder Schlüsselwerke einzelner Künstler zu sehen, vom Pop bis zum Post-Pop, vom Trio , Koons und Murakami bis zu Sarah Lucas und .

Und dann gibt es noch im selben Haus die großartige John Baldessari Retrospektive mit frühen Arbeiten des Amerikaners, der in diesem Jahr auf der Venedig-Biennale den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk bekam. Dass er sich trotz seiner 78 Jahre nicht auf seiner Arbeit ausruht, zeigt die Galerie Sprüth Magers . In deren großem Fenster hat Baldessari ein Bild wie aus dem Kino aufgebaut: Im weißen Raum sitzt eine sexy und weiß gekleidete Blondine auf einem weißen Sofa und spielt mit einem Pudel.