Kunstzensur in China Die Herren der Fliege
Stalin vergießt bittere Tränen - in einen blauen Plastikeimer. Den fünf, sechs Herren von der Kulturbehörde, die am Wochenende die Ausstellung inspizierten, hat dies nicht gefallen. "Der muss weg", befanden sie. Denn eine hohe Persönlichkeit werde "herabgewürdigt".
Auftritt der Zensoren in einer Halle der Fabrikanlage "798" im Pekinger Bezirk Dashanzi. Hier im Nordosten Pekings haben sich Hunderte von Malern, Bildhauern und Galeristen niedergelassen und das Gelände zu einem aufregenden Kunstort geformt.
In diesen Tagen feiert er sein 50-jähriges Jubiläum. 1957 war der riesige Rüstungskomplex errichtet worden. Die Sowjetunion und die DDR hatten ihn den chinesischen Genossen geschenkt. Weil die Volksbefreiungsarmee ihre Anlagen hinter Zahlenkombinationen tarnt, hießen die Hallen fortan "798", "706" oder "701".
Inzwischen hat sich die verrottete Waffenschmiede zu einem lebendigen Künstlerquartier gewandelt und weil Deutschland einst am Bau beteiligt war, klinkte sich das Goethe-Institut in die Geburtstagsfeier ein. Es lud unter anderem zwei Ingenieure aus der ehemaligen DDR nach Peking ein, die damals dabei waren, als die Hallen im Bauhausstil errichtet wurden.
Fliege im Tee
Der Berliner Installationskünstler Via Lewandowsky ist mit einer Ausstellung "Erinnerung an den Fortschritt" ebenfalls dabei, die er gemeinsam mit einem chinesischen Künstler gestaltet: Kunst sei für ihn ein "visuelles Instrument, um Fragen zu stellen, auf Missstände und Machtstrukturen hinzuweisen, Grenzen auszuloten, zu provozieren", heißt es auf einer Tafel.
Da ist China kurz vor dem 17. KP-Parteitag, der am 15. Oktober beginnt, wohl nicht der richtige Ort. Zwei Werke, befanden die Kulturfunktionäre gingen zu weit: Eine tote Fliege auf dem Decken einer Teetasse, der wiederum auf einem in die chinesische Fahne gehüllten Kissen liegt und die die "Vergeblichkeit des menschlichen Strebens" symbolisiert, wie der Künstler sagt. Und eben jenes Stalin-Plakat, das Lewandowsky auf einem Pekinger Flohmarkt gekauft und mit zwei Wassersprühern versehen hatte.
Die Fliege auf der Fahne musste sofort weg, Stalin wurde zunächst in eine Ecke geräumt. Am Sonntagvormittag erschienen die Zensoren erneut und Michael Kahn-Ackermann, Chef des Pekinger Goethe-Instituts, versuchte sie umzustimmen: "Das ist doch Unsinn. An Stalin hat doch keiner Anstoß genommen. Was denken Sie, was die Presse für einen Wirbel veranstaltet, wenn Sie einen weinenden Stalin verbieten?"
Schachern um die Kunst
Beschwert hatte sich tatsächlich keiner: Die meist jugendlichen Besucher wussten nicht einmal, wer dieser Herr mit dem Schnauzbart war, dem das Wasser aus den Augen schoss. "Vielleicht Hitler?" mutmaßte eine junge Frau.
Doch die Funktionäre verwiesen auf neue Vorschriften, Lewandowsky fühlte sich derweil an seine alten DDR-Zeiten erinnert und war fest entschlossen, seine Schau zu schließen, falls Stalin wie die Fliege verschwinden sollte. "Zwei Werke sind zu viel. Dann mache ich hier zu."
Schließlich rückten die Zensoren zum Mittagessen ab und auch Kahn-Ackermann und der Künstler marschierten mit Freunden in ein kleines Restaurant auf dem "798"-Gelände. Dort trafen sich beide Parteien wieder. Stühle wurden gerückt, Argumente bekräftigt, Erinnerungen ausgetauscht: Kahn-Ackermanns Frau Mingming hatte einst mit einem der Offiziellen im gleichen Armeebezirk gedient.
Nach ein paar Gläsern Bier stand das Urteil fest: Die Fliege bleibt weg, Stalin bleibt da, vorerst. Ein Skandal wurde in letzter Minute verhindert. So kompliziert kann China sein und so einfach.