Leserstimmen: "Journalistische Selbstzensur" - DER SPIEGEL
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Leserstimmen "Journalistische Selbstzensur"

Die Äußerungen von "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert über Präsident George W. Bush haben auch unter den SPIEGEL-ONLINE-Lesern für heftige Diskussionen gesorgt. Die überwiegende Zahl der Leserbriefstimmen verteidigte die Haltung des Journalisten. Kritisiert wurde Wickert hauptsächlich dafür, dass er seine Aussage zurückgenommen hatte.
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Viele Leser zeigten sich erfreut, eine kritische Stimme zur Haltung der Vereinigten Staaten zu hören. "Wir brauchen noch viel mehr Leute mit eigenem Kopf im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der ansonsten in jeder Krise wie gleichgeschaltet für Krieg und Vergeltung trommelt", schrieb Jürgen Bachmann aus Stuttgart. "Wickert predigt im Kern seines Artikels Toleranz. Das sollte bemerkt werden", fand Jens Mickeluhn. "Ich bin froh, dass die ARD sich Journalisten wie Wickert leistet, die den Mut haben, sich wie er auf den Punkt zu äußern", äußerte sich Peter Stets aus Weil am Rhein. "Wer Wickert derartig falsch versteht wie Frau Merkel, dokumentiert meines Erachtens nur eigene Intoleranz."

Stefan Werner, der sich momentan im kalifornischen Santa Cruz aufhält, schrieb: "Ich finde, die Äußerungen Wickerts sind in dieser Situation äußerst angebracht. Ich bin hier bisher auf viele Menschen gestoßen, die Ähnliches über ihren Präsidenten denken. Dass man in Deutschland, das eigentlich eine distanziertere Sicht auf die US-amerikanische Regierung haben sollte, für eine öffentliche Kritik an Bush verurteilt wird, ist aus der Sicht vieler Amerikaner unverständlich."

Obwohl die umstrittene Äußerung Wickerts in einem Artikel der Zeitschrift "Max" erschienen war, sorgen sich vieler Leser vor allem um die Objektivität der Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien. Mehr als die Rücktrittsforderungen der CDU scheinen die SPIEGEL-ONLINE-Leser eine drohende Zensur seitens der ARD zu fürchten. So warnte beispielsweise Freke Over: "Wenn jetzt nicht nur die freie Meinungsäußerung unter die Räder kommt, sondern auch die journalistische Selbstzensur eingeführt wird, sind wir fast angekommen im Jahre 1984." Ralf Hellmann aus Dresden schrieb: "Die journalistische Freiheit scheint bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht sehr groß zu sein. Die prompte Reaktion Wickerts legt die Vermutung nahe, dass die Sender wirklich zu Sprachrohren der Parteien verkommen sind."

Doch es gab auch kritische Stimmen zu Wickerts Artikel, insbesondere wurde dem Tagesschausprecher Geltungssucht vorgeworfen. " Immer auf der ersten "Bild"-Seite, entweder mit Affären und jetzt so", monierte Peter Frerk. Seiner Meinung nach müsse Wickert die "Fähigkeit haben, Missverständliches bei seinen Publikationen zu unterlassen". Joachim Hinz aus Bordeaux schrieb: "Wer meint, dass Bush und Bin Laden dieselben Denkstrukturen hätten, darf nicht auch noch mit Zwangsgebühren versorgt werden. Wickert hat wohl keine Lust mehr, und dies war sein Coming Out. Seine Entschuldigung ist lächerlich." Klaus Driesner aus der Türkei forderte: "Einem Mann, der so in der Öffentlichkeit steht, darf so ein Ausrutscher nicht passieren. Es gibt nur eines - zurücktreten!"

Von der anderen Seite schlug Wickert Kritik entgegen, weil er seine Äußerungen wenig später zurückgenommen hatte: "Was nützen diese Aussagen, wenn sie von ihren Urhebern angstvoll widerrufen werden müssen, weil Position oder Ruf in Gefahr sind?", fragte Mic Oechsner aus München. Hans-Jürgen Claassen aus Wolfsburg war der Meinung, Wickert solle auf seiner Meinung beharren. "Wenn er Rückgrat hat, macht er weiter so. Seine Entschuldigung fand ich falsch." Jürgen Dudek schrieb: "Es gäbe nur einen einzigen Grund, Herrn Wickert zu schassen - nämlich die Tatsache, dass er sich von seinem Artikel distanziert."